Irreversible Entanglements (USA) – © HuPe-kollektiv
Moor Mother bei „Irreversible Entanglements“ (USA) © HuPe-kollektiv

Jazzfest Berlin 2018 | Tag 2 | Friday Blast

In diesem Jahr hat das Jazzfest Berlin jeden Tag mit einem Motto versehen. Der Freitag stand dabei unter dem Motto „Friday Blast“. Voller Stoff also, Durchlüften! Man kann manches zum aktuellen Jazzfest sagen, ausgewogen ist es jedenfalls nicht. Und das ist gut so. Denn es beweist so nötige Kompromisslosigkeit in der Sache „Musik“. Das Haus der Berliner Festspiele in der Schaperstraße war rappelvoll. Dabei sind die programmierten Bands – mit Ausnahme des Art Ensemble of Chicago – eher Kennerinnen bekannt. Und wo man vermeintlich etwas vorweg kennen mochte, war die Aufstellung doch jeweils neu: Uraufführung, Special Edition, Weltpremiere!

Improvisationskörper

Der Karton mit Überraschungen war also gut gefüllt. Und geblastet hat es auch. Wie gleich zu Beginn bei Irreversible Entanglements (USA). Trompete, Saxophone, Kontrabaß, Schlagzeug und Poetry. Etwa 50 Minuten pures hyperagiles Improvisationsgestöber mit Klangspielphasen, die gleichwohl nicht weniger „intensiv“ waren. Mein Sitznachbar verglich das mit einem Basketball-Team: Immer in Bewegung, immer Fäden der Kombinatorik suchend. Allerdings ohne den Abschluss zu suchen. (Und gottlob vermied man den leicht hereinwabernden Bühnennebel und zweifelhafte Videoeinspielungen auf der Leinwand hinter den Musikerinnen, wie sie noch gestern mehr oder minder unmotiviert auftauchten.) Ein bisschen droht dabei die Gefahr des zu perfekt Ungedeckten! Ist kompliziert zu erklären.

Parallel-Momente

Es folgte ein „intimes“ (?) Duo von Moor Mother & Roscoe Mitchell. Poetry meets Sopraninosaxophon. Moment! Ein Treffen. Nö. Eine musikalische Parallelperformance. Rechts die Rezitation von Moor Mother. Links ein Tonfragment- bzw. Mikroklang erzeugender Roscoe Mitchell, der die ganzen 25 Minuten sekündlich durchpulste. Oder Tondropping praktizierte. Konsequent. Spaltklänge. Eine eher skulpturale Anlage in tönender Aktion.

Im Periodensystem der Improvisation

Pause – Luftholen: Denn mit Jamie Branchs „Fly or Die“ folgte die konsequente Durcharbeitung dessen was Irreversible Entanglements als ein rundes ungezähmtes Ding bespielten. Die Besetzung mit Cello, Kontrabaß, Schlagzeug und Trompete fand sich kompositorisch voll legitimiert. Anders als bei „Irreversible Entanglements“ reihten sich freie Formen mitunter an rhythmisch groovende Passagen. Dunkelkammerarbeit in den beiden Streichern erzeugte irre Grundierungen unerhörter Art. Das Ganze wirkte nachgerade wie ein Gang durch das Periodensystem der Elemente von Möglichkeiten der Improvisation. Übergang mal fließend, mal im Bruch, aber einen immer wieder beim Hören mitziehend. Das zündete gewiss auch beim Publikum im Saal. So sieht ein musikalischer Körper aus, dessen Funktionsfähigkeit sich in jedem Augenblick seiner Unsicherheit versichert. Branch pochte noch darauf: „This music fights fascism” – mag sein, weiß nicht.

Bürde der Geschichte

Zum Abschluss dann das Berlin Special des Art Ensemble of Chicago. Nach 27 Jahren wieder in Berlin. Man könnte meinen, ein historischer Moment. Aber das Art Ensemble of Chicago ist ein anderes geworden. Die Besetzung erweitert (Streichertrio plus zwei Kontrabässe, Querflöte, Electronics, zwei Perkussionisten, Trompete und Saxophon). Eine Neuerfindung auf der Grundlage älterer Konzepte. Die Sache ist zwiespältig. Zu Beginn eine Art durchkomponierter Suite, Roscoe Mitchell leitet dirigierend die Handlungsreisenden. Nein, das ging zu Beginn einfach schief. Diese Art „Neue Musik“ war leider wieder mies durchgehört, stereotype Harmonik und Durcharbeitung. Übergang dann in ein lichtes Zwitschern aus den Electronics mit Theremin, ein duftiges Klingeln bei leichtem Schlagwerkeinsatz (man darf das mal so kulinarisch benennen). Es glich ein bisschen einer Art Messe zu der rezitierend sich für eine Phase Moor Mother hinzugesellte.

Es entwickelt sich eine leicht vor sich hin köchelnde magische Klangsubstanz in die hinein dann gefühlt 15 Minuten Roscoe Mitchell ein irrwitzig pfeilschnelles Solo am Sopransaxophon setzte. Der Ensemble-Reaktor arbeitet. Auch in der darauf folgenden Passage über einem Ostinato mit Trompetensolo. Am Ende „Odwalla“ – jenes ebenso so simple wie große Stück über eine absteigend in Wechseltönen gespielte Tonleiter. Ein Zelebrationsstück – könnte es sein und doch macht es das Manko des Auftritts deutlich: Geschichte kann auch eine Bürde sein, sie lässt sich nicht einfach erneuern, sie lässt sich modifizieren, transformieren. Der große Rausch der universellen Musik, die Hörende und Musikerinnen gleichermaßen erfasst ist ein Glücksfall, der sich nicht automatisch einstellen will – so ist das eben mit dem Glück. Wenn in der Ansprache der Flötistin die 50-jährige Geschichte rekapituliert wird, ist damit der Bogen gespannt. Aber zu lasch. Das Publikum sei Teil der Performance, sagt sie und dann muss man sich eingestehen, es hat hier versagt.

Aspekt am Rande: In diese Phase mischte sich dann das berühmte Xylophon-Motiv eines Smartphones eines stinkreichen Technologiekonzerns. Die musikalischen Welten trafen unvermittelt aufeinander und machten ohrenfällig, dass es da wirklich keinen einzigen Bezug zueinander gibt. Konsumistische Fremdheit als wirklich lästiger Klangmüll. Seelenlos. Dagegen eben die Filigranwelt musikalischer Rituale. Also die Klarheit spiritueller Kunst, die das Art Ensemble of Chicago auch in dieser Besetzung erzeugt.


Die Musikerinnen

Irreversible Entanglements (USA)

  • Camae Ayewa aka Moor Mother vocals
  • Keir Neuringer alto saxophone
  • Aquiles Navarro trumpet
  • Luke Stewart double bass
  • Tcheser Holmes drums

Moor Mother & Roscoe Mitchell (USA) – The Black Drop

  • Camae Ayewa aka Moor Mother vocals, electronics
  • Roscoe Mitchell saxophone

jaimie branch (USA) – Fly or Die

  • Jaimie Branch trumpet
  • Chad Taylor drums, mbira
  • Jason Ajemian bass
  • Lester St. Louis cello

Art Ensemble of Chicago (USA) – Berlin Special Edition

  • Roscoe Mitchell saxophones, flute
  • Hugh Ragin trumpets
  • Famoudou Don Moye drums, congas, percussion
  • Dudù Kouate african percussion
  • Jean Cook violin
  • Tomeka Reid cello
  • Silvia Bolognesi bass
  • Jaribu Shahid double bass
  • Christina Wheeler voice, array mbira, auto harp, q-chord, theremin, sampler, electronics

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