István Grencsó und sein Open Collective veröffentlichte die verdienstvolle Doppel-CD »Derengés / Dawn«

Dieses Foto war unvergesslich. Auch für den Freejazz-Pianisten und -Komponisten György Szabados. Es heißt »Die Hochzeit« (»Az esküvő«) und zeigt eine nur sechs Personen umfassende Hochzeitsgesellschaft wohl auf dem Weg zur Trauung. Die Menschen, voran die weiß gekleidete Braut, scheinen gerade aus einer Wohnung gekommen zu sein und laufen nun auf dem Gang des Innenhofs entlang einer zerschossenen Fassade dem Treppenhaus zu, das sie einige Etagen weiter unten aus der Mietskaserne hinausführen wird. Sie sind – dem damaligen Zeitgeist der Sechziger-Jahre entsprechend – modisch angezogen. Eine Dame lächelt mild, jeder geht für sich. Aufgenommen hatte das Foto der ungarische Fotograf László Fejes, der dafür den World Press Photo Award 1965 erhielt, übrigens als erster Ungar überhaupt. (Rezension von Mathias Bäumel)


Im Jahre 1972 konnte Fejes sein preisgekröntes Foto in der Kunsthalle am Budapester Heldenplatz ausstellen. Dort sah Szabados das Bild – und war tief beeindruckt. »Es war ergreifend, das Foto zu betrachten, seine Augen daran zu weiden, es zu verlassen und es doch weiter anzusehen. Und es immer wieder anzuschauen und sich daran zu erfreuen. Um dann niemals mehr eine Kopie des Bildes in die Hand zu nehmen, denn der Zeugungsfunke war schon übergesprungen: Die Musik erklang in mir«, erinnerte sich der Pianist später.

So komponierte György Szabados nach diesem Foto das Stück »Die Hochzeit«, zusammen mit weiteren Kompositionen nahm er es im Mai 1974 für seine erste LP auf, die dann ebenfalls »Die Hochzeit« (»Az esküvő«) hieß und die den ungarischen Freejazz-Pionier, der eigentlich schon seit 1962 aktiv war, nun auch dem internationalen Jazzpublikum bekanntmachte. Damals jedoch durfte das »Hochzeits-Foto« von Fejes nicht auf die Plattenhülle, zu weit entfernt vom sozialistischen Ideal schien es, wie überhaupt die gesamte Arbeit Fejes’, den ungarischen Kultur-Offiziellen zu sein.

Auch wenn György Szabados bereits frühzeitig zu einer lebenden Legende in der modernen (nicht nur ungarischen) Jazz-Geschichte wurde – er spielte regelmäßig Konzerte und brachte mit »Adyton« (1983), »Szabraxtondos« (1985 – Duos mit Anthony Braxton) und »A Szarvassá Vált Fiak / Sons Turned Into Stags« (1989) bis zur politischen Wende drei reguläre, auch international verfügbare eigene LPs heraus –, ist es heutzutage nicht ganz einfach, an seine Musik – an LPs und CDs – zu kommen.

Zwar leistet Rudolf Kraus seit einigen Jahren mit seinem Internet-Portal http://györgy-szabados.com (»Die Welt des György Szabados«) Herausragendes bei der Dokumentation von Leben und Werk Szabados’, aber dennoch ist es schwierig, im Nachhinein die jeweiligen Platten und CDs zu kaufen, vieles ist vergriffen, nur als LP gebraucht beschaffbar oder von vornherein nur in kleinen Auflagen den Spezialisten vorbehalten (die GyörFREE-Serie).

Da kommt die Doppel-CD »Derengés / Dawn (Compositions By György Szabados)« des Grencsó Open Collectives auf Hunnia Records gerade recht. Einerseits, weil sie sechs der historisch wichtigen Kompositionen György Szabados’ dem heutigen Publikum vorstellt, andererseits, weil dies von Musikern getan wird, die persönlich und ästhetisch, also authentisch, eng mit Szabados verbunden sind. Neben Grencsó selbst und dem Bassisten Róbert Benkő, die beide noch gemeinsam mit Szabados in verschiedenen Projekten musiziert hatten, gehören noch der Pianist Máté Pozsár sowie der Drummer Miklós Szilveszter zur Stammbesetzung des »offenen Kollektivs«, das für andere Konzert-Projekte und CD-Einspielungen durch Gastmusiker wie Lewis Jordan oder Rudi Mahall erweitert oder personell leicht verändert wird. Dass für diese Doppel-CD noch Szilárd Mezei mit seiner Bratsche den Part der ursprünglich bei Szabados eingesetzten Violine übernimmt, soll nicht unerwähnt bleiben.

In einem von Mihály Ráduly geführten Interview sagt István Grencsó: »György Szabados’ Musik-Erbe lag uns seit langem am Herzen. Schon vor einigen Jahren haben wir uns entschlossen, diese Musik lebendig zu halten und wir haben sogar schon damit begonnen, einige Stücke zu bearbeiten.« Im Jahre 2014 dann haben die Musiker um Grencsó ihre Szabados-Musik beim Mediawave-Festival gespielt, und bald war klar: das muss aufgenommen und auf CD veröffentlicht werden. Schließlich habe der Verlag Hunnia mit Róbert Hunka an der Spitze das »Projekt gefördert. »Hunka stand völlig hinter uns«, so Grencsó. »Er hat für sich keinerlei Rechte in Anspruch genommen: keinerlei Beschränkung, keinerlei Hineinreden, weder im musikalischen noch im visuellen Bereich. Wir hatten völlig freie Hand, ohne zeitliche Einschränkung oder Sonstiges und so ist es uns gelungen, diese sechs Stücke aufzunehmen.«

Die CD wurde also im vollen Bewusstsein einer »kulturgeschichtlichen Rettungsaktion« eingespielt und veröffentlicht. »Die Musik von György Szabados dämmert aus der Vergangenheit auf, weil sein Lebenswerk nach seinem Tod praktisch vergessen war«, so der Bassist Róbert Benkő. Niemand habe sie gespielt und die Medien hätten sich mit ihr äußerst wenig beschäftigt. Mit der Veröffentlichung dieses Doppelalbums solle nun ein neuer, hoffnungsgetränkter Anfang für die Szabados-Rezeption gemacht werden – deswegen heißt das Werk »Morgendämmerung«.

Doch nach welchen Kriterien haben alle gemeinsam die Szabados-Stücke schließlich aus der großen Menge möglicher Szabados-Kompositionen gewählt? »Unsere Hauptüberlegung bei der Auswahl war«, so István Grencsó, »dass wir solche Stücke spielen, die wir ohne Verstümmelung erklingen lassen können. Es ist klar, dass wir ein Werk für Großorchester nicht zu viert, zu fünft, auch nicht mal zu sechst spielen können. Ein Gesichtspunkt war deshalb, solche Werke zu bearbeiten, die wir authentisch, den geschriebenen Teilen entsprechend, vortragen können.« Der andere Gesichtspunkt sei gewesen, Stücke aus der relativ frühen Anfangszeit, überwiegend aus der Zeit der ersten drei LPs, zu interpretieren.

So gelangten schließlich Interpretationen der folgenden sechs Stücke auf die Doppel-CD: »The wedding« (Az esküvő) von der gleichnamigen LP (1974), »Supplication« (Foház) von der 2007er CD »Bells / The land of Boldogasszony«, »Adyton« von der gleichnamigen LP aus dem Jahre 1983, »Dedication to our women« (Ajánlás asszonyainknak) von der LP »Szabraxtondos« (1984), »Dead-Turning« (Halott-táncoltatás) ebenfalls von »Szabraxtondos« und »Winter Folk Ritual« (Regölés) von der CD »Baltás Zsoltár« (2007) aus der sehr seltenen GyőrFREE Workshop-Reihe.

Die Musik bietet einen ersten, sehr prägenden Einstieg in die Vielfalt der Musik von György Szabados, der zumeist lediglich auf die Floskel »Bartók begegnet Freejazz« reduziert wird, sie macht beim Hören sehr viel Spaß – es erklingt ein Kosmos lebendiger, pulsierender, interessant strukturierter, äußerst klangfarbiger musikalischer Ideen, man erlebt Überraschungen (auch wenn man die Stücke vielleicht von Früher her wenigstens vage noch in Erinnerung hat) und ist vom musikantischen Geschehen begeistert. Es ist das Ganze, was die Einzelheiten aufleuchten lässt, und es sind die einzelnen »Perlen«, die dem Ganzen das Gepräge geben.

Die Saxofon-Improvisationen des Altmeisters (Entschuldigung!) Grencsó sind brillant, Drummer Szilveszter webt einen herausfordernden, jedoch stets differenzierten Puls-Teppich. Máté Pozsár ist ein noch relativ junger Pianist mit einer brillanten Technik, einem Sinn für free play und melodische Skurrilität, gleichermaßen jedoch ausgerüstet mit einem Gespür für straight-ahead-Spiel und Thelonius-Monk-Tradition. Er übernimmt auf »Derengés / Dawn« den Part von Szabados. Dass er kein »Ersatz« ist, zeigt er an vielen Stellen – besonders ausdrucksstark empfinde ich die wuchtigen, signalartigen, glockigen Melodiefiguren am Beginn von »Az Esküvő« nach dem markanten Bass-Solo Benkős sowie das daran anschließende Solo bis zum Einmünden in das Hauptthema. Auch Pozsárs kristallin wirkenden Motiv-Splitter als Begleitung des wilden Bratschen-Solos Mezeis in »Az esküvő« begeistern – ebenso wie das Bratschen-Solo selbst, das, wie viele andere seiner Soli auch, Mezei als führenden europäischen Bratschen-Improvisator ausweist.

Wenn der berühmte Komponist György Ligeti einst über die Musik von György Szabados bewundernd gesagt hat, dass er sie »als Free Jazz gleichwertig mit der von Ornette Coleman und Cecil Taylor« halte, und dass er »noch nie so einen authentischen ungarischen Tonfall, durch Jazz vermittelt«, gehört habe, so ist das Doppelalbum »Derengés / Dawn« dafür eine beeindruckende Bestätigung. Musik, die nicht nur konserviert, sondern für das Heute vital und für die Zukunft offen gehalten wurde. – Wunderbar: Was alles von einem »Hochzeits-Foto« angestoßen wurde …

Mathias Bäumel

(Der Autor bedankt sich bei den Musikern, bei Róbert Hunka und bei Rudolf Kraus.)

  • Grencsó Open Collective: »Derengés / Dawn«,
    Hunnia Records HRCD 1508

 

 

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