Shai Maestro bei „Jazz im Goethe Museum Düsseldorf“

shai_maestro05Von Dietrich Schlegel – Wieder zierte der originelle Schattenriss des Saxophon spielenden Goethe die Einladungen zum fünften Konzert der Reihe „Jazz im Goethe Museum Düsseldorf“ im barocken Jagdschloss Jägerhof. Und wieder war es der Initiatorin und künstlerischen Leiterin, der Kulturjournalistin Barbara Steingießer, gelungen, mit dem Shai Maestro Trio zum dritten Mal eines der derzeit gefragtesten Klaviertrios zu verpflichten. Nicht dass das letzte Museumskonzert mit den „Echoes of Swing“ beim Publikum keinen Anklang gefunden hätte, im Gegenteil, Saxophon und Trompete boten eine willkommene Abwechslung. Doch dem intimen Ambiente des relativ kleinen Konzertsaals mit den Vitrinen voller erlesenen Porzellans an den Wänden entspricht die kammermusikalische Besetzung eines Klaviertrios am besten. Die Reihe hatte vor zwei Jahren mit dem Trio des israelischen Pianisten Omer Klein vielversprechend begonnen. Triosense und Tingvall Trio folgten.

Nun war es mit Shai Maestro wieder ein israelischer Pianist, den Barbara Steingießer zu einem Gastspiel verpflichten konnte. Maestro war bereits mit 19 Jahren von dem Bassisten Avishai Cohen entdeckt und in sein Trio geholt worden war. Fünf Jahre lang, von 2006 bis 2011, tourte er mit seinem berühmtem Landsmann durch die Welt, lernte unzählige Musiker kennen und sog vielerlei Einflüsse auf, auch aus ganz anderen Musikkulturen. Diese Jahre intensiver Praxis ersetzten ihm ein Studium in Berklee, auf das Maestro trotz eines angebotenen Stipendiums bewusst verzichtet hatte. 2010 fühlte er sich reif genug, sein eigenes Trio zu gründen, mit zwei wie er in Brooklyn/ NY lebenden Kollegen, dem peruanischen Bassisten Jorge Roeder und dem ebenfalls in Israel gebürtigen Schlagzeuger Ziv Ravitz. Diese bis heute bestehende Besetzung präsentierte sich auch im Goethe-Museum, und das in blendender, die Zuhörer im vollbesetzten Saal begeisternder Form.


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Gespielt wurden – außer einigen neuen Stücken – Kompositionen von Maestro, wie sie auf dem aktuellen und dem zweiten von insgesamt drei Alben zu hören sind, aber ganz sicher ziemlich anders, denn Maestro legt viel Wert auf Improvisation. Sein Jazzvirus, der ihn im Alter von acht Jahren angesteckt hatte, war Oscar Petersons „Gershwin Songbook“, auf dem sich zwei völlig unterschiedliche Tracks von „Summertime“ fanden. Das faszinierte ihn derart, dass er parallel zum klassischen Klavierunterricht auch Stunden für Jazzpiano nahm. Seine und seiner Mitmusiker Hingabe an die Kunst der Improvisation ging so weit, dass sie – wie Maestro augenzwinkernd versicherte – nie vorher wüssten, was sie als nächstes spielen würden, sich erst kurz davor darüber verständigten, durch leise Zurufe, Gesten und Blicke: „We let you know afterwards.“

Was sie dann spielten war von großer Vielfalt, melodisch, harmonisch, rhythmisch. Maestro verfügt sowohl über einen hauchzarten als auch, wenn dramaturgisch erforderlich, kräftigen, aber nie hammermäßigen Anschlag. Das Steinway Boston Piano dankte ihm diese meisterliche Technik mit all seinem Wohlklang. In langsamen und leisen Passagen wirkte Maestro kontemplativ, manchmal fast verträumt, verspielt, etwa bei den Introduktionen, aber auch über weite Strecken solcher Stücke wie „Painting, „Endless Winter“ oder „Looking Back (Quiet Reflections“). Seltsamer- oder bezeichnenderweise gemahnten Titel wie „Invisible Thread“, „Treelogy“ oder „Elusive“, die stellenweise mit hoher Energie und in rasenden Läufen vorgetragen wurden, nur selten an die im modernen Jazz gebräuchlichen Kategorien des Höher, Weiter, Schneller. Nichts wirkt aufgesetzt, vordergründig virtuos. Die Philosophie der Band, widergespiegelt im dramaturgischen Aufbau und Ablauf der Stücke selbst als auch des Konzerts und der CDs, lautet: „Music can contain everything: the beauty of our beeing but also our ‚ugly‘ side.“

In dieses Konzept passen sich Maestros Kollegen haarfein ein. Auch für sie trifft zu, was von modernen Klaviertrios im Jazz verlangt wird: sie sind mehr als nur Sidemen, wie das einst für Schlagzeuger und Bassist weitgehend zutraf. Vielmehr sind sie integraler Bestandteil eines bis auf jede Achtel- oder Sechzehntelnote abgestimmten Zusammenspiels, das vom Trio nun schon seit fünf Jahren tagtäglich ausgeübt wird. Und doch bewahren Jorge Roeder und Ziv Ravitz ihre Eigenständigkeit, die nicht nur der Rolle ihres Instruments entspricht, sondern ebenso ihrer Musikerpersönlichkeit. Roeder begann seine Ausbildung auf dem Cello, studierte dann Kontrabass in St. Petersburg und Boston und wirkte einige Zeit beim Philharmonic and Opera Orchestra seiner Heimatstadt Lima mit. Nach seinem Wechsel zum Jazz spielte u. a. mit Roy Haynes, Alex Acuna, Maria Schneider. Er erfüllt seine Aufgabe als Mittler zwischen Piano und Schlagzeug derart einfühlsam und präzise, dass er vom Pianisten nicht nur Blicke zur Verständigung, sondern – so glaubt man zu ahnen – auch des Dankes empfängt. Darüber hinaus spielt er atemberaubende Soli, so z. B. gleich im ersten Stück „Maya’s Song“ der neuen CD „Untold Stories“.

Ziv Ravitz, in Deutschland bekannt auch als Mitglied von Florian Webers Trio „Minsarah“, graduierte an der berühmten Berklee School of Music bemerkenswerter Weise mit einem Degree in Jazz Composition. So ist er auch mit einer Komposition auf der zweiten CD „The Road To Ithaca“ vertreten und beteiligt an „Maya’s Song“. Mit seinem kompositorischen Know how und Feeling ergänzt er Maestros Improvisationen als dynamisch treibender, aber zuweilen auch melodischer Gegenpol.

Das Shai Maestro Trio wird am 15. November bei den Leverkusener Jazztagen zu hören sein, dort, wo er acht Jahre zuvor als Neunzehnjähriger in Avishai Cohens Trio so großes Aufsehen erregt hatte (sein Entdecker und Förderer tritt zwei Tage vor ihm auf). In dem 2000 Zuhörer fassenden Terrassensaal des Leverkusener Forums werden Maestro, Roeder und Ravitz eine völlig andere Atmosphäre vorfinden als in der Intimität des Düsseldorfer Goethe Museums, die sie sichtlich genossen haben.

Auch 2016 wird Barbara Steingießer die Jazzreihe im Düsseldorfer Schloss Jägerhof fortsetzen. Bereits für den 12. Januar hat sie den in Wales geborenen, in London lebenden Pianisten, Hornisten und Komponisten Gwylin Simcock für ein Solokonzert verpflichtet. Er wurde durch seine Jazz und Klassik überschreitenden Kompositionen und Interpretationen bekannt. Seinen Durchbruch hatte er 2011 mit seiner Soloeinspielung „Good Days auf Schloss Elmau“ (ACT) erzielt.

CD-Tipps: Shai Maestro Trio „The Road To Ithaca“, 2013; Untold Stories, 2015

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