Kulturbeutel-Verse

Vom 27. März bis 3. April steigt in München wieder das wunderbare Festival „Jazz Lines“. Weil dort aber nicht einfach nur losgejazzt wird, sondern auch gekammerorchestert, diskutiert, gelesen, gehörspielt und filmgeguckt, sitzen Kulturförderer jeder Form mit im Boot: das Kulturradio Bayern 2, das Kulturreferat der Landeshauptstadt, die Kulturstiftung des Bundes, sogar der Veranstalter heißt Kulturkontor. Also alles Kultur hier, links- und rechtsdrehend, ein ganzer Kulturbeutel voll. Und das hebt den Jazz natürlich gleich auf eine ganz andere Ebene: Im ersten Satz des ersten Abschnitts des Grußworts der Künstlerischen Direktorin der Kulturstiftung des Bundes (genug Genitive?) wird gleich die Brücke geschlagen zwischen Bebop und Lyrik. Frau Völckers zitiert nämlich ein „legendäres Jazz-Gedicht des englischen Schriftstellers Adrian Mitchell“: „He breathed in air / He breathed out light / Charlie Parker was my delight.“ Gegen dieses Bekenntnis ist wenig zu sagen (außer dass der äquivoke Reim nicht schön ist), aber die Stiftungsfrau fällt darüber geradezu in Begeisterung: „Poetisch prägnanter ist selten eine Hymne auf das Saxofonspiel von Charlie Parker ausgefallen.“ Poetisch prägnanter? Oder einfach nichtssagender? Ich frage mich, ob Frau Völckers im Geleitwort einer Kunstausstellung ähnlich mutig vorpreschen würde. Dann könnte ich zum Beispiel diese Verse anbieten: „Er taucht in Farbe / Er malt in Duft / Wer Cézanne nicht mag, ist ein Schuft.“ (Mein Reim jedenfalls ist viel schöner!) Und jetzt Frau Völckers’ Kommentar zum Gedicht: „Poetisch prägnanter ist selten eine Hymne auf die Malkunst von Paul Cézanne ausgefallen.“ Nein, das würde sie sich bei einer Kunstausstellung nicht trauen.

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2 Kommentare

  1. Das Grußwort eines Münchner Musikfestivals löst solches Unbehagen aus?
    Wie wäre es mit ein bisschen Entspanntheit, vielleicht bei einem schönen Glas Schüttelreim?

Kommentare sind geschlossen.