Vadim Neselovskyi „Odesa“ – Impressionen aus seiner Heimatstadt

Der ukrainische, in Odessa geborene, Pianist und Professor am renommierten Berklee College of Music Vadim Neselovskyi setzt seiner Heimatstadt Odessa mit „Odesa: A Musical Walk Through A Legendary City“ ein musikalisches Denkmal. Konzipiert und entstanden ist das Album lange vor dem russischen Angriff auf die Ukraine. Kurz vor dem Tod seines Vaters hat er ihm noch ein paar Stücke vorgespielt und sich nicht zuletzt durch seine Reaktion bestärkt gefühlt auf dem richtigen Weg zu sein, auch wenn sowohl Intention des Werkes als auch der Blick „seinerzeit“ noch ein vollkommen anderer war.

Aufgenommen wurde das Piano Solo Album zwischen August 2020 im Sendesaal Bremen und September 2021 in den Kölner Riverside Studios. Eine der ersten „Odesa“ Live-Versionen wurde am 11. März 2021 im Rahmen eines Streaming Konzertes, coronabedingt ohne Publikum, aus dem Jazzclub Unterfahrt übertragen. Seinerzeit bereits klanggewaltig und mitreißend, aber noch etwas leichtfüßiger, sorgenfreier und natürlich politisch längst nicht so relevant wie bei Neselovskyis nächstem Münchner „Odesa“ Solo-Konzert in der Unterfahrt am 28. April 2022, bei dem an einigen Stellen, wie in „Odesa 1941“, die Zerstörung durch die russische Armee im Ukraine Krieg klanglich einen beklemmenden Ausdruck fand.

Die vorliegende CD-Aufnahme hat nach wie vor auch ohne Blick auf die momentane politische Situation eine immense Kraft und strahlt zwischen Neselovskyis Erinnerungen und geschichtlichen Bezugspunkten aus der Historie. So folgt auf „Odesa 1941“, in Erinnerung an das Pogrom im zweiten Weltkrieg, bei dem im Herbst und Winter 1941 in Odessa und Transnistrien mehr als 30.000 Juden ermordet wurden, in Folge mit „Intro To Jewish Dance“ und „Jewish Dance“ wie aus Katastrophen Hoffnung entsteht und man wieder zurück zum Leben findet. „Waltz Of Odesa Conservatory“ ist eine ungemein gefühlvolle, fast romantische, klassisch beeinflusste Erinnerung an Neselovskyis Aufnahme an der National Music Acadmey of Odessa.

Mit damals 15 (!) Jahren war er der jüngste Student an der Hochschule, die seine weitere Laufbahn maßgeblich prägte. Ein weiteres Erlebnis, das der Ausnahmepianist eindrucksvoll auf der CD verarbeitet ist „My First Rock Concert“, basierend auf einer Melodie des russischen Rockstars Victor Tsoy, dessen Konzert er Anfang der 90-ziger Jahre besuchte. Fast beschwingt, leicht nostalgisch kommt da der Opener des Albums „Odesa Railway Station“ daher, der Schicksale von Ankunft und Abschied widerspiegelt. Mit Fingerspitzengefühl und fast romantisch anmutend schildert er den „Winter In Odessa“ oder die Blüte der „Acacia Trees“, während „Potemkin Stairs“ eindrucksvoll Eisensteins Treppenszene aus dem Film Battleship Potemkin interpretiert. Das Album klingt aus mit  „Renaissance Of Odessa“, eigentlich gewidmet dem Aufbau den in der Vergangenheit zerstörten Kirchen und Synagogen. Hoffentlich entgeht zumindest Odessa dem Schicksal von Mariupol und den vielen bereits zerstörten Ortschaften der Ukraine. Die Zukunft ist zurzeit leider mehr als ungewiss.

„Odesa“ ist energiegeladen, mal berührend, im nächsten Moment dann wieder aufwühlend. Zwangsläufig hört man Neselovskyis Suite nicht unbelastet und sorgenfrei. Was als Rundgang durch persönlich geprägte Erinnerungen von Odessa konzipiert war, ist mittlerweile zu einem klaren politischen Statement geworden, eine Aufforderung aktiv zu werden, sich weniger zu erinnern als sich zu besinnen, dem aktuellen Wahnsinn zu begegnen und irgendwie Einhalt zu gebieten. Die Hoffnung stirbt zuletzt!

 

Erschienen ist die CD auf dem Label Sunnyside Communications – SSC 1667

Text & Fotos TJ Krebs

 

 

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