Gypsy-Klassiker und Manouche-Feeling im Regensburger Leeren Beutel

Gelegentlich erlebe er es heute noch, erzählt Pianist Jermaine Landsberger nach seinem Konzert im Jazzclub Leerer Beutel, dass Besucher begeistert klatschen, ihn außerhalb des Clubs aber keines Blickes mehr würdigen. Der in der Oberpfalz aufgewachsene Musiker ist ein Sinto und hat als Schulkind einiges an Diskriminierung und Herabwürdigung bis hin zu Schlägen erleben müssen.

Die Entschuldigung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gegenüber den Sinti und Roma für die anhaltende Stigmatisierung im Nachkriegsdeutschland hat bei Landsberger eine Fülle von Erinnerungen ausgelöst. Zuvörderst die an seine Groß- und Urgroßeltern, die mit einem großen Teil der Familien in Konzentrationslagern der Nationalsozialisten ermordet worden sind. Einem Großvater gelang zweimal die Flucht aus einem Todeslager. Ihm verdankt er sein Dasein als untypischer Musiker. Untypisch deshalb, weil sich Landsberger im Unterschied zu vielen Kollegen und Musikerinnen wie Dotschy Reinhardt immer mit dem Modernjazz identifiziert und keine Gypsy- oder Swingmusik gemacht hat.

Dennoch hat er auch die Verbindung zu anderen Sintimusikern wie den Gitarristen Bireli Lagrene gesucht, mit dem „ich 1995 oder `96 einen meiner ersten Auftritte hier beim Jazzclub gespielt habe“, erzählt Landsberger mit spürbarer Begeisterung. Bereits damals war der Münchner Schlagzeuger Guido May dabei, der neben dem mazedonischen Bassisten Martin Gjakonovsky auch dem aktuellen Trio angehört. Als Gastkünstler brachte der französische Akkordeonist Marcel Loeffler eine für Landsberger ungewohnte Färbung in die Musik ein. Einige Stücke Loefflers, wie das entspannt swingende „Double Scotch“, „Session“ und „Long Travel“ im Stil des Manouche-Swing weckten warme Assoziationen an das gelöst-heitere Flair französischer Clubs.

Gerade in „Long Travel“ zeigte sich wie gut die fast eine Generation auseinanderliegenden Musiker harmonieren. Während sich Landsberger zurücknahm und dem eleganten Akkordeonspieler die Führung überließ, nahm dieser das Publikum auf eine musikalische Reise der Sinti und Roma durch Jahrhunderte von Indien über Ägypten bis nach Westeuropa mit. Den zweiten Set nach der Pause leitete das erweiterte Trio mit einer wunderbar glühenden Interpretation des Miles-Davis-Klassikers „Nardis“ ein. Daran schlossen sich weitere Versionen von Jazzkomponisten, wie Hono Wintersteins „Memosa“, bei dem Landsberger seine pianistische Brillanz voll ausspielte, und Richard Gallianos „Waltz for Nicky“ an. Zart und zerbrechlich klang das Spiel des Franzosen in Edith Piafs tausendfach interpretierten Chanson „La vie en rose“. Und mit Django Reinhardts zeitlos schönem Standard „Nuages“ tauchten die Musiker voll ins anrührende Sentiment dieses Klassikers an, der zeitweise Reinhardts Erkennungsmelodie war.

Das war auch für Landsberger ein Eintauchen in seine Kindheit, wuchs er doch mit der Musik dieses europäischen Jazzgiganten auf. Für rhythmische Stabilität und unaufdringliche Sicherheit sorgten der absolut timing-sichere Guido May und Martin Gjakonovsky am Bass, ohne dass ihr Zusammenspiel jemals in den Vordergrund drängte.

 

Info: 

Marcel Loeffler – acc
Jermaine Landsberger – p
Martin Gjakonovski – b
Guido May – dr

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