Neun Tage Kemptener Jazzfrühling 2022

Konzerte des als Streaming-Festival veranstalteten 36. Jazzfrühling 2021, z. B. von Bill Frisell, LBT, Kinga Glyk und Camille Bertault lassen sich noch auf YouTube finden. Der 37. Kemptener Jazzfrühling konnte nun an neun Tagen fast im normalen Rahmen und vor allem wieder vor echtem Publikum stattfinden.

Das war allerdings noch etwas zurückhaltend, sodass ausgerechnet Theo Croker, einer der Stars des aktuellen schwarzen Jazz aus den USA, das Stadttheater mit seinem ambitionierten Programm „BLK2LIFE – A Future Past“, bei weitem nicht füllen konnte. Hoffentlich nahmen die Weggebliebenen nicht das provokante Rap-Manifest Crokers „Jazz is dead“ vorweg. Ein jazzmusikalischer Glanzpunkt wurde sein einfallsreiches, breit gefächertes Programm zwischen Bebop, Sun Ra und Rap trotzdem. Explizit politisch setzte sich der Modernist darin mit dem Schwarzsein in den USA in Vergangenheit und Zukunft auseinander. Als Trompeter, Sänger und Rapper eher zurückhaltend, gab er während des zweistündigen Konzerts ohne Pause seinen Mitmusikern an Piano, Electronics, Bass und Schlagzeug viel Raum zur kraftvollen Ausgestaltung seiner dynamischen Musik. Passend zur teilweise etwas versponnenen anmutenden, psychodelisch angehauchten Philosophie des lässigen, coolen 36-jährigen Enkels des Trompeters Doc Cheatham begleitete Visual Art- und Sound-Designer D’Leau die Musik mit projizierten Texten, Filmsequenzen und psychodelischen Kaleidoskop-Figuren.

Andere, besser besuchte Highlights waren am 30. April das Avishai Cohen Trio aus Israel am Eröffnungstag und am nächsten Tag das französische Quartett „For Travellers Only“ mit Saxophonist-Klarinettist Sébastien Texier, Tubist Francois Thuillier, Gitarrist Manu Codija und Schlagzeuger Christophe Marguet. Multiverse, das britische Duo Ivo Neame und Jim Hart, in Kempten bereits zweimal mit Marius Neset zu hören, hatte sich auf Anregung der Veranstalter mit dem Tenorsaxophonisten Daniel Erdmann zusammen getan. Ihr geniales Zusammenspiel auf Piano und Keyboards und Schlagzeug und Vibraphon wurde so in der Ausdrucksvielfalt noch einmal bereichert und sorgte für ein ganz intensives Hörerlebnis.

Erstmals im Theater vor großem Publikum fand der wieder hochkarätige Wettbewerb statt. Vier Bands traten zum Konzert-Entscheid an, blind ausgewählt aus 16 Bewerbungen. Über den „Nachhaltigkeits“-Preis des Bayerischen Jazz-Verbandes, eine Tournee durch sieben bayerische Jazzclubs, konnte sich Nico Theo freuen, das Quintett des Saxophonisten Nico Theodossiadis, der Modernjazz mit griechischen Einflüssen zu „Adonis Brecker“ verschmolz. Den 2. Preis gewann das Trio des Kontrabassisten Nils Kugelmann, der auch in der Moritz Renner Group spielte, die sich den 3. Platz mit Anna Emmersberger EXP teilte. Mit der E-Bassistin und Vokalistin gab es wenigstens eine Bandleaderin und mit Lisa Köberlein eine zweite Frau, und auch eine zweite E-Bassistin im Wettbewerb.

 

In der traditionellen Jazznacht konnte man sich durch die Innenstadt treiben lassen zu sieben Spielstätten. Das Konzept: ein Ticket, 45 Minuten Musik beginnend zur vollen Stunde, 15 Minuten Pause zum Lokalwechsel, nächstes Set. Im Gasthaus „Zum Stift“ gab`s zu Speis und Trank Modern Jazz in klassischer Besetzung vom Quintett HS French Connection, im Renaissance-“Salon“ intimen Kammerjazz auf akustischer Gitarre und Klavier von Bekmulin-Findling, keinen Platz bei Annalu & Shavez, die sich nicht an den Zeitplan hielten, und schließlich noch eine außerplanmäßige Jamsession mit Matthias Schriefl im Künstlerhaus.

Eine unkonventionelle Jazznacht „sunset to sunrise“ beschloss den Samstag: TMT Xplosiv – Tom Jahn, Monika Roscher, Tilman Herpichböhm – schlugen sich und den ZuhörerInnen mit lautstarker jazzrockiger bis trancehafter Musik die Nacht um die Ohren – in der 360°-Panorama-Lounge über der Stadt, von 20:39  bis  5:51 Uhr – falls sie es bis dahin durchgehalten haben. Dann wäre das Austrittsgeld auf 0 € gesunken.

Text und Fotos: Godehard Lutz

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