„Abhängen mit der Queen!“ – Paulo Morello, Sven Faller und Mulo Francel veröffentlichen neues Album

Fluch und Segen liegen bei dieser Veröffentlichung nahe bei einander, auch wenn das ein wenig pathetisch klingt. Richtig müsste es allerdings heißen, Segen und Fluch, denn das bayerische Trio ist durch die Einschränkungen der Pandemie überhaupt erst zustande gekommen.  Im vergangenen Herbst, als Lockerungen erstmals wieder Bühnenauftritte in Clubs ermöglichten, war ein Triokonzert mit den beiden Oberpfälzern Paulo Morello und Sven Faller zusammen mit dem belgischen Gitarristen Philip Catherine im berühmten Birdland in Neuburg fest gebucht. Reisebeschränkungen und Lockdowns, die zum Zeitpunkt des Auftritts eine Ausreise des Belgiers verhinderten, stellten die zwei verbliebenen Triomitglieder vor ein Problem.

Unkonventionelle Lösung

Den Auftritt wollten sie nicht absagen und entschieden sich zusammen mit dem Veranstalter für eine unkonventionelle Lösung. Der Veranstalter hatte vorgeschlagen das Konzert doch mit einem anderen Partner zu spielen. Unabhängig von einander hatten sowohl Faller, wie Morello – auch bekannt unter seinem bürgerlichen Namen Neli Schmidkunz – bereits mit Mulo Francel in anderen Gruppen zusammengespielt. Der gehört mit dem von ihm mit gegründeten Akustik-Quartett Quadro Nuevo zu den erfolgreichsten Jazzsaxofonisten hierzulande.

Ein Anruf, Francel hatte Zeit und sagte spontan zu, das Konzert mitzuspielen. Aufgrund ihrer wechselseitigen musikalischen Bekanntheit fanden die drei eine genügend große Schnittmenge an Stücken und Songs. Nach einer kurzen nachmittäglichen Probe, standen sie am nächsten Tag erstmals gemeinsam auf der Bühne und sahen sich vielen kulturell ausgehungerten Menschen gegenüber, die sie erwartungsvoll begrüßten. Das Konzert wurde ein voller Erfolg und allen dreien war danach klar, das muss eine Fortsetzung bekommen.

Album-Pate Pandemie

Wieder sorgte die Pandemie für Unterstützung, stand sozusagen Pate für das Album, welches vor wenigen Tagen frisch erschienen ist. Denn nachdem erneut fast alle Auftritte und Konzerte, egal mit welcher Band, abgesagt worden waren, saßen die drei wieder zuhause und hatten viel Zeit zum komponieren. Anschließend zogen sie sich tagelang in Sven Fallers Studio in Schwandorf zurück und feilten an den Stücken. Herausgekommen ist ein herrlich entspanntes und abwechslungsreiches Album, das vom sanftwelligen Bossa Nova über einen vergnüglichen Oldtime Foxtrott bis zum puren, angeheiterten Blues namens SAD-Blues viele Facetten enthält.

Gin für Elisabeth

Im Foxtrott „One More Gin For Elisabeth“ kommt ein unstillbarer, nur musikalisch umsetzbarer Wunsch des Trios zum Vorschein: „Einmal im Leben noch mit der englischen Queen an der Bar abhängen!“ Das würden Faller und Morello garantiert gern auch noch einmal mit ihrem viel zu früh verstorbenen musikalischen Freund, den Gitarristen Helmut Nieberle machen. Stattdessen haben sie ihm die Komposition „One for Nieb“ gewidmet, in welcher Morello seinem Gypsy-Herz freien Lauf lässt und dem Freund ein wunderbares Sounddenkmal setzt. In dem boppig schnellen Stück finden hinreißende Unisonopassagen von Gitarre und Saxofon ein Echo im Interplay von Sven Fallers spektakulär schönen Soloimprovisationen.

Allerdings kommt jetzt, wo das Album erschienen ist und die Corona-Beschränkungen weitgehend aufgehoben sind, der Fluch der Pandemie zum Tragen. Das erlauchte Trio kann es nicht live auf einer Tour vorstellen, weil sämtliche Veranstalter damit beschäftigt sind, oft mehrfach verschobene Konzerte in Nachholterminen abzuarbeiten. Aber 2023 können die drei Cracks ihre herausragenden individuellen Qualitäten als Spieler, als auch ihr blindes Zusammenspiel sicher auch auf den Bühnen Bayerns und Europas voll zur Geltung bringen.

Von Michael Scheiner

Morello / Francel / Faller, „Living ist easy, mostly“, Fine Music FM 324, 19,99 Euro CD; 29,99 Euro LP; alle gängigen Download-Plattformen

 

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