JazzZeitung Review

Rezension „BIRTH“ mit Günther Fischer und Tobias Hoffmann

Die Welt der Musik ist groß, bunt und wird täglich größer und bunter. Sechs CD-Neuerscheinungen gibt es in Deutschland täglich und Presse, Medien und vor allem die Hörer haben es längst aufgegeben, sich durch diesen Dschungel durchzuschlagen. Deshalb möchte ich allen denjenigen, die sich für Musik in allen ihren Spielarten interessieren, einen kleinen Tipp geben. Ich empfehle Ihnen die CD „BIRTH“, die vier herausragende Allround-Jazzmusiker im Studio zusammengeführt hat. Interessant ist vor alle der riesige Altersabstand: Zwischen dem Gitarristen Hoffmann und dem Saxophonisten Fischer liegen beinahe 40 Jahre Lebenszeit mit allen ihren Erfahrungen. Das macht neugierig. (Von Walter Thomas Heyn)


Zu nennen wäre an erster Stelle Günther Fischer, der Altmeister des ostdeutschen Jazz. Fischer, 1944 geboren, spielt sein Saxophon, als gäbe es keine Alterungsprozesse. Er kennt alles und kann alles. Selbst in den widerborstigsten Momenten klingt sein Instrument edel, der Klang ist abgerundet, die Skalen makellos. Aber auch in den meditativen Aspekten der Musik überzeugt sein klangreines, an den uralten antiken Aulos erinnerndes Sopransaxophon. Das ist hohe Schule!

Der Gitarrist Tobias Hoffmann, 1982 in Remscheid geboren, ist für mich eine Neuentdeckung und eine fulminante dazu. Er hat natürlich das komplette Register der modernen E-Gitarre drauf, aber wie er es einsetzt, wie er die Elemente kombiniert oder gegeneinander stellt, das ist virtuos. Etliche Preise sind ihm dafür schon verliehen worden, so der Neue Deutsche Jazzpreis 2009 und 2013 und der Jazz-Echo 2015. Hoffmann bringt raue Töne und Widerborstigkeiten in die Klanglandschaften von Rainer Oleak, was der Musik sehr gut bekommt.

Ronny Dehn, der 1971 geborene Schlagzeuger aus Berlin hatte die Aufgabe zu bewältigen, sich einerseits quasi komponiertem Material zu stellen und andererseits sich die Freiträume zu erobern, die ein Schlagzeuger halt so braucht. Beides macht er mit Geschick und nutzt sein Arsenal effektvoll aus. Ihm vor allem ist es zu verdanken, dass die CD nicht zu ästhetisch edel ausfällt.

Der 1953 in Dresden geborene jetzige Berliner Rainer Oleak ist der führende Kopf hinter dem Gesamtprojekt. Er hat die 18 Songs geschrieben, alle Tasteninstrumente eingespielt und die CD in seinem Studio produziert. Und er spielt wunderbar sachdienlich. Denn der Pianist Oleak passt sich immer dem Autor Oleak an: da mal ein karges Klavierzwischenspiel, hier mal ein pulsierender, computergenerierter Hintergrund, ein paar raffinierte Einwürfe, ein paar originelle Soli.  Bei Oleak führen viele Wege in den musikalischen Olymp. Vom nervensägenden Voll-auf–die-Zwölf-Geräusch-Chaos bis zur meditativen Fläche mit ihren kaum wahrnehmbaren Veränderungen ist alles vertreten.

Dass die Songtitel in guter alter Fluxus-Tradition nichts mit der Musik zu tun haben (oder doch?), versteht sich wahrscheinlich von selbst. Aber ich persönlich finde Titel wie „Erregung“ und „Ermattung“ wenig hilfreich. Sie lenken von der Vielschichtigkeit der Musik eher ab.

Die CD enthält noch eine weitere Ebene, eine Art skurriles, virtuelles Musiktheater, was in der Form sehr unterhaltend, weil unerwartet daherkommt. Es geistert nämlich die Stimme einer klassischen Sängerin durch etliche Tracks. Wie eine Untote aus vergangenen Jahrhunderten will sie immer noch mitmachen, obwohl auf der Bühne schon längst keine Wagner-Oper, sondern Musik von Rainer Oleak gespielt wird. Theresa Hörl, lustigerweise in Bayreuth geboren und Stipendiatin der Bayerischen Singakademie München, macht das bravourös. Sie singt kühne Skalen, die aber immer das klassische Element und damit den Abstand zum sonstigen Geschehen bewahren. Eine wunderbare Idee!!!

Während die Neue Musik in den 70iger bis 90iger Jahren immer für Skandale, Kritikerfehden und polarisierende Publikumsreaktionen gut war, fand der Jazz immer in einer Nische des Kaum-Noch-Wahrgenommenen statt. Die Förderer dieser Kunst – von den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten über die großen Festivals bis zu den Verlagen, die häufig mäzenatisch auftraten, werden weniger. „Formatierte“ Rundfunkprogramme, outgesourcte Redaktionen, fehlende Staatszuschüsse, Kürzungen und Strukturreformen treffen zuerst und immer unbekannte und unbequeme Musikformen. Dem Label Kreuzberg Records ist eine mutige Produktion zu danken. Eine Extraempfehlung für Jazz-Fans!

  • BIRTH
    KREUZBERG RECORD, Berlin
    kr 10127
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