Manfred Schoof 2007. Foto: Martin Hufner
Manfred Schoof 2007. Foto: © Martin Hufner

Früher war alles besser!? Und das nächste große Ding?

Kommt immer auf das Thema und die Perspektive an. Und den Zeitpunkt der Frage: Besser als vor 100 Jahren, aber schlechter als vor 10 und in etwa gleich gut wie heute?


Also: Vor 50 Jahren hat die nmz über den Stand der Jazzausbildung in Deutschland berichtet. Das Wort führte der damals 35-jährige Joe Viera:


„Jazz könne man nicht lehren – das ist die Ansicht vieler hierzulande. Damit entzieht sich diese Musik jeder Objektivierung, was ihren geringen Wert hinlänglich beweist. Joe Viera entgegnet dieser aktuellen Frage: Was lernbar ist, ist auch lehrbar; man muss nur die richtigen Methoden suchen und finden. Diese simple Erkenntnis setzt sich im Jazz immer mehr durch. Als Vorbild wird vielfach die ganzjährig arbeitende „Berklee School of Music“ in Boston angesehen, die auch Fernkurse durchführt und einiges Unterrichtsmaterial veröffentlicht hat. Unter den kurzzeitigen Kursen dürfte heute der der Musischen Bildungsstätte Remscheid wenigstens in Europa seinesgleichen suchen. Auch in diesem Jahr stellten sich wieder Fragen, und diesmal um so nachdrücklicher, als sie schon im vergangenen Jahr aktuell waren, aber nicht beantwortet wurden:

  1. Warum ignoriert die „offizielle“ Musikpolitik in Deutschland, allen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz, den Jazz, immer noch weitgehend? Dass man nichts gegen ihn habe, ist bestenfalls als höfliche Geste zu werten. Die wahre Einstellung wird dann deutlich, wenn es darum geht, Opfer zu bringen, etwa finanzieller Art. Doch davon ist kaum etwas zu spüren. Sonst müsste es nämlich statt dieses einen Kurses deren zehn in der Bundesrepublik geben, mit Stipendien für die jeweils besten Teilnehmer.
  2. Warum findet sich in der ganzen Bundesrepublik kein Verleger, der daran geht, das in Remscheid von den Dozenten erarbeitete Unterrichtsmaterial zu veröffentlichen?

Was in Remscheid geschieht, ist nichts weniger als eine kleine Vorschau auf die allgemeine Musikerziehung von Morgen, für die Musik ein breites Feld ist, das nur mit allgemeingültigen Mitteln bearbeitet werden kann.

Musikalische Jugend, XIV. Jahrg. 1967, H. 5 (Okt./Nov.), S. 14 (Online hier!)


Man kann wirklich nicht sagen, dass sich zwischenzeitlich nichts getan hätte. Heute scheint manchem eher der Output an „ausgebildeten“ Jazzmusikerinnen ein Problem zu werden. Der Markt wird enger und enger. Der Kuchen nicht um so viel größer, auch wenn Jazzclubs neue Tonanlagen bekommen etc. Vor gut 10 Jahren hatte ich in diesem Zusammenhang einmal mit Manfred Schoof gesprochen:

jazzzeitung: Vielleicht ist es aber gerade die Förderung, die den Wettbewerb erst verzerrt. Das heißt, man müsste ein Förderungsverbot einführen. Klaus Doldinger fragte im Rahmen einer „taktlos“-Sendung mal, was die jungen Musiker alle hätten? Er hätte sich damals in den 50er-, 60er-Jahren durchbeißen müssen. Alles habe er sich selber erarbeiten müssen.

Schoof: Ich kenne das Argument von Klaus Doldinger. Aber die Situation hat sich geändert. Die jungen Künstler heute haben es schwerer, weil es viel mehr geworden sind. Zu meiner Zeit gab es vielleicht noch zwei, drei Trompeter, die ähnlich spielten wie ich, aber – ich weiß nicht, wieso – nicht so erfolgreich waren wie ich. Es gab zwei, drei Saxophonisten, einer davon war Klaus Doldinger, es gab noch den Gerd Dudek, Heinz Sauer, das war’s eigentlich schon. Die große Wiese war sehr viel leerer als jetzt. (JazzZeitung 2008/02)

Dafür gibt es jetzt auch mehr Festivals und Jazzveranstaltungen und Jazzclubs. Aber, möchte man mit dem Club Of Rome fragen: Wo sind die Grenzen des Wachstums? Wann ist die Wiese übersättigt. Dass man Jazz machen mag, ist ja das eine. Aber finden sich darum noch genügend Leute, die das honorieren durch Anwesenheit, Konzertbesuch oder das Erwerben von Tonträgern (analog und digital)?


Damit zu PUNKT 2, was hat unsere Schwesterzeitung, nmz, zum Jazz zu sagen:

  • Ssirus W. Pakzad berichtet vom Festival Jazz & The City Salzburg – Die Stadt ist der Star: „Bereits zum 18. Mal lud die Stadt Salzburg zum Festival „Jazz & The City“ ein. Auf mehreren Dutzend Bühnen der Altstadt fanden Ende Oktober mehr als hundert Konzerte bei freiem Eintritt statt.“
  • Viktor Rotthaler rezensiert das Biopic über Django Reinhardt und anderen: Von Django, Chet und Dalida. „2017 war das Jahr der Biopics im deutschen Kino. Gleich drei große Ikonen der Jazz- und Pop-Szene wurden heuer auf der großen Leinwand besungen: Chet Baker, Dalida und jetzt Django Reinhardt. Während das Melodrama „Dalida“ zu den großen Höhepunkten des Kinojahres gehört, enttäuschten die anderen beiden Filme.“ (Siehe auch hier auf JazzZeitung.de die umfangreiche Rezension von Gerhard Litterst.
  • Marcus A. Woelfle rezensiert einiges Tonträger unter dem Titel: Tenortitanen der 60er- und 70er-Jahre live: „Stehen zwei Tenoristen auf der Bühne, wird diese leicht zur Arena und die musikalische Auseinandersetzung ein Zweikampf. Von „tenor battle“ spricht man da, einer Art modernen Gladiatorenkampfs zur Befriedigung martialischer Gelüste kunstsinniger Leute. Es gab aber schon immer Ausnahmen von der Regel, Musiker, die miteinander, nicht für das Publikum gegeneinander spielten.“ [Albert Ayler, Eddie „Lockjaw" Davis und Johnny Griffin, Tubby Hayes]
  • Holger Pauler zum Festival Music Unlimited“ in Wels kratzt an den Grenzen der improvisierten Musik: „Die New Yorker Gitarristin Mary Halvorson durfte die 31. Auflage des Festivals Music Unlimited im österreichischen Wels kuratieren. Die Gitarre stand folglich auch im Mittelpunkt des konzertanten Geschehens. Beim Programm setzte Halvorson allerdings nicht nur auf die Heldinnen und Helden der sechs bis zwölf Saiten, sie verzichtete auch auf die großen Namen der Szene. Stattdessen durfte an den drei Tagen eine U40-Frau- und Mannschaft die Grenzen der improvisierten, neuen und elektronischen Musik ausloten. Dabei ließen sie sich auch von den kulturpolitischen Störfeuern der schwarzblauen Landesregierung nicht aufhalten.“

Kurz zum Thema mikrotonaler Jazz und Philipp Gerschlauer – Oder: Das nächste große Ding

Und ein Hinweis geht in Richtung hr2-kultur. Dort lief gestern Abend ein knapp 30-minütiges Feature zur Musik von Philipp Gerschlauer von Claus Gnichwitz: „Auf der Suche nach den Zwischentönen: Saxophonist Philipp Gerschlauer kreiert mit Big Names „MikroJazz! – Neue Expressionistische Musik““ (Noch nachzuhören)

Und hier ein Beispiel von Geschlauers Musik von der aktuellen CD.

Später wird alles anders. Könnte man meinen, wenn man Philipp Gerschlauers Prognose für den Jazz der Zukunft folgen will. In gewissem Sinn war Jazz ja immer schon mikrotonal oder zumindest untonal im Sinn der westeuropäischen klassischen Musiktradition. Das nächste große Ding? Hans Lüdemann macht das schon seit einiger Zeit, ebenso Nils Wogram, beim Jazzfest Berlin hat der Pianist Cory Smythe innerhalb des Tyshawn-Sorey-Trios darauf zugegriffen. Eine Übersicht fehlt mir noch.

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