Musikalisches Elmsfeuer auf dem Technobeat

Einer wäre wohl innerlich angewidert davongezogen. Mehr als hundert andere dagegen überliessen sich lustvoll den harten Technobeats, mit denen die Münchner Jazzrausch Bigband das Degginger in heftige Schwingungen versetzte. Der verstorbene Richard Wiedamann, eine Autorität in Sachen Jazz, sprach dem in den 90er Jahren aufgekommenen Techno und House jegliche Musikalität radikal ab. Dass heute junge Musiker, meist gut ausgebildete Profis, ausgerechnet diese maschinenhafte Musik, oft bis aufs rhythmische Gerüst skelettiert, als Grundlage für ihren berauschenden Bigbandsound nutzen, hätte ihn wohl eher verärgert als nachhaltig verstört.


Gründer, Bandmanager und Posaunist Roman Sladek, Foto: Michael Scheiner

Gänzlich unbeleckt von musiktheoretischen Qualifizierungen lieferte sich das überwiegend weibliche Publikum den pochenden Grooves aus, die DJ Kuhn mit seinem Laptop entwarf. Spannend wurde es dann, wenn die Bläser gruppenweise oder gemeinsam einsetzten und dem stoischen Beat musikalische Elmsfeuer abtrotzten. Tieffrequent schoben sie schwere, tempomäßig heruntergeregelte Brecher unter den Clubsound und rissen mit Tuba, Posaunen und Kontrabassklarinette Löcher in den unbarmherzigen Beat. Sängerin Lena Geue, neu in dem nur scheinbar wilden Haufen, verbreitete zwar viel gute Laune, tat sich aber sonst etwas schwer. Meist klebte sie mit der Nase am Notenblatt. In etwas freieren Passagen, wo sie lediglich vokale Soundsilben beisteuern durfte, klang sie dann ein wenig nach „Hui Buh, das Schlossgespenst“. Verstärkung bekam sie hie und da durch den singenden Keyboarder, der ansonsten mehr dadurch auffiel, dass er das Publikum anzufeuern versuchte. Eine echte Show aber waren eins ums andere Mal die Bläser, insgesamt neun an der Zahl, die mit dem Rücken am zugehängten Schaufenster klebten und richtig coole musikalische Wellen durch den Raum schickten. Unter Leitung ihres musikalischen Direktors, dem großartigen Posaunisten Roman Sladek, sassen sie dabei manchmal auf dem Beat und feuerten munter funkige Querschüsse ab. Manchmal legten sie sich auch quer zum Beat und setzten die Musik unter vibrierende Spannung. Und wie es sich für eine Jazzband gehört, fütterten sie das sonst eher an karge musikalische Kost gewöhnte Partyvolk mit leidenschaftlichen und packenden Soli. Neben Frontmann Sladek setzten vor allem Florian Leuschner (sax, bassklarinette), die Trompeterin Angela Avetisyan und Tenorsaxofonist Raphael Huber solistische Glanzlichter aufs brodelnde Gebräu.

Jazzrausch BigBand, Foto: Michael Scheiner

Gegründet wurde die ungewöhnliche Bigband vor drei Jahren in München als Hausband des angesagten Technoclubs Harry Klein. Sie steht damit in einer Reihe mit erfrischend undogmatischen jungen Großformationen wie den französischen „Les Lapins Superstars“, „Ping Machine“ oder der „Electro Deluxe Big Band“. Vor kurzem hat Gründer Sladek den diesjährigen BMW Welt Young Artist Jazz Award verliehen bekommen. Das Preisträgerkonzert wird er zusammen mit der Jazzrausch Bigband am 14. Oktober bei den 41. Leipziger Jazztagen spielen.

Info: www.facebook.com/search/top/?q=jrbb%20-%20jazzrausch%20bigband

Text: Michael Scheiner

Weitere Konzerttermine:

6.07. Konzert in Ulm, 20 Uhr: Fiva x JRBB

15.07. Konzert in München, 19 Uhr: Cafe Cord Sommerfest w/ Jazzrausch Bigband

28.-30.07. Konzerte in Crailsheim, jeweils 16 Uhr: Jungle Beat Festival 2017

3.-5.08. Konzerte in Eching, jeweils 18 Uhr: Brass Wiesn Festival 2017

6./7.08. Konzerte in Gersthofen, jeweils 18 Uhr: Kulturina 2017

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