Mette Henriette. Foto: Petra Basche

Jazzfest Berlin 2016 (1) „Man kann nicht Jazz auch“ – Julia Hülsmann, Mette Henriette und Wadada Leo Smith

Das Jazzfest in seiner erweiterten Form ist zwar schon am Dienstag gestartet, aber erst am Donnerstag legte es auch im Haus der Berliner Festspiele los. Mit wechselndem Ergebnis. Aber zunächst ist zu erwähnen, dass die diesjährige Ausgabe von der Kulturstaatsministerin Monika Grütters eröffnet wurde. Sie unterließ es dieses Mal auch nicht, die hervorragende Arbeit ihres Ministeriums umfänglich zu erwähnen. Aber sie zitierte und interpretierte auch einen Satz des langjährigen Leiters des Jazzfests George Gruntz: „Man kann nicht Jazz auch.“ Kann man nicht. Richtig. Was man heute künstlerisch kann, dafür stand der erste Abend exemplarisch. Drei Spielkulturen in drei Acts.


Komprovisationen
Julia Hülsmann Quartett & Anna-Lena Schnabel

Zum Julia Hülsmann Quartett muss man nicht viel sagen. Es ist ein eingespieltes Ensemble, bei dem sich die Musikerinnen alle bestens verstehen – vor allem die engere rhythm section aus Marc Muellbauer (b) und Heinrich Köbberling (dm). Julia Hülsmann am Klavier bleibt dezent und wenn sie zum solo ansetzt, ist sie immer überaus präzise ohne Allüren, feinsinnig sowieso. Für das Jazzfest Berlin trat die Saxophonistin Anna-Lena Schnabel hinzu. Eine wunderbare Musikerin, die an ihrem Altsaxophon alles kann.

Fünf Musikerinnen mit fünf Kompositionen. Fein ausgedachte Stücke, niemand spielt sich in den Vordergrund, alles sitzt. Manchmal klappert es minimal zwischen den Bläserinnen. Gleichwohl schien Anna-Lena Schnabel (as) in diesem Kontext ein bisschen unterfordert – außer bei ihrer eigenen Komposition „Burnout“, einer irrwitzig schnellen Nummer. Wunderbar ihre Einwürfe mit Tom Arthurs (tp) beim Schlagzeug-Solo. Ein Genuß, alles in allem, wenn man den verschiedenen, sich gerne auch druchkreuzenden musikalischen Ideen folgen mochte und dabei mit wachem Kopf dabei war.

Perfomanfirlefanz
Mette Henriette

Die Tenorsaxofonistin Mette Henriette kann ihrem Instrument alles. Und doch ist das zu wenig. Um sich scharte sie ein Ensemble von weiteren 10 Personen (inklusive Streichquartett, Bandoneon plus die üblichen Verdächtigen). Das mit dem sich-mit-Musikerinnen-umgeben darf man wörtlich nehmen. Es ist eine mettezentristische Nummer von einer Stunde Dauer mit Lichregie und fallendem Vorhang. Performance schließt bei ihr das Gesamtbild ein, so weit, so gut. Dennoch bleiben ihre kompositorischen Ambitionen weit hinter dem Bühnenaufwand zurück.

Ihre Stücke sind satztechnisch in vielen, zu vielen Punkten unsauber, ja offenhörbar fehlerhaft. Mette Henriettes musikalisches Gravitationsfeld reicht da nicht aus. Man möchte ihr zu Hilfe eilen und ist dabei abgeschreckt von dem heiligen Ernst der Angelegenheit. Dass sie und ihre Truppe es auch anders könnten, war in wenigen Momenten hörbar wie bei dem kollektiven Klangrausch hinter dem Vorhang oder der Marschepisode. Oder bei einigen hübschen Klangkombinationen gleich zu Beginn. Dessen ungeachtet folgte ihr das Publikum bis zum Ende brav lauschend und mit großem Applaus.

Individukollektiv
Wadada Leo Smith’s Great Lakes Quartet

Das sitzt! Sofort ist die musikalische Energie entfacht. Dazu bedarf es nur dreier langgezogener Töne der Bläser Wadada Leo Smith (tp) und Jonathon Haffner (as) – dazu eine nervöses und brizzeliges, antreibendes Duo aus John Lindberg (b) und Marcus Gilmore (dm). Aufgestellt im Halbkreis, die Bläsen außen. Schon das macht den Unterschied. Es folgen epische Soli der Musiker – immer wieder Individualität und Kollektiv verschmelzend. Brodelnd, mit gesättigten Tönen bis unter die Kopfhaut. Die gehen Risiko! Die machen sich nackt.

Das ist auch der Unterschied zum Hülsmann-Quartett, die dagegen akademisch wirken – und das ist nicht pejorativ gemeint. Bei Hülsmann ist man derartig kontrolliert, da geht niemand mal verloren, dafür ist es fast unmöglich, sich überraschen zu lassen – andererseits wird man niemals enttäuscht. Bei Wadada Smith und seinen Mitmusikern darf es daher auch mal ruppig werden. Die Gefahr des Abdriftens bleibt daher. Wenn dann nicht der nötige Impuls kommt, zerfasert man allerdings. Solche Passagen waren auch dabei. Aber erst gegen Ende, wo sicher die nötige Konzentrationsenergie nachließ. Gleichwohl: Lebendigste Improvisationskunst am Ende dieses ersten Konzerttages beim Berliner Jazzfest und Wiederaufnahme des Gruntzschen: „Man kann nicht Jazz auch“.

Die Ensembles:

Julia Hülsmann Quartet & Anna-Lena Schnabel
Julia Hülsmann piano
Tom Arthurs trumpet, flugelhorn
Marc Muellbauer double bass
Heinrich Köbberling drums
Anna-Lena Schnabel alto saxophone

Mette Henriette
Mette Henriette saxophone
Henrik Nørstebø trombone
Lavik Larsen trumpet
Johan Lindvall piano
Andreas Rokseth bandoneon
Odd Hannisdal violin
Karin Hellqvist violin
Bendik Foss viola
Gregor Riddell cello
Per Zanussi double bass, saw
Dag Erik Knedal Andersen drums

Wadada Leo Smith’s Great Lakes Quartet
Wadada Leo Smith trumpet
Jonathon Haffner alto saxophone, clarinet
John Lindberg double bass
Marcus Gilmore drums

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