Improvisation über Improvisation #11

In ihrer Fähigkeit, Situationen in Sekundenbruchteilen zu erfassen, ihre Aktionen und Reaktionen entsprechend anzupassen und auch unter Druck richtige Entscheidungen für das Gelingen einer gemeinsamen Aufgabe treffen zu können, sind professionelle Jazzmusiker professionellen Fußballern nicht unähnlich.
Es gilt als erwiesen, dass auch die körperliche Leistung von konzertierenden Profi-Musikern mit jener von Spitzensportlern verglichen werden kann.
Beide arbeiten, so dämlich das klingt, in der entertainment industry und verschönern Menschen ihre Freizeit.


Dennoch verdienen Profi-Jazzmusiker oft nicht im Jahr, was Fußballprofis in der Woche, an einem einzigen Tag oder gar in ein paar Stunden verdienen. Dass dem so ist, liegt an dem gewaltigen Unterschied in der öffentlichen Wahrnehmung und Wertschätzung.

Man stelle sich einmal vor, Jazzmusiker hätten den Arbeitsalltag von Fußballprofis. Fünf Tage pro Woche jeweils zwei Proben, plus ein bis zwei Konzerte unter der Woche und am Wochenende. Dazu individuelles Krafttraining („Üben“), Sponsorentermine und, wenn man es zum Jazz-Nationalspieler gebracht hat, einige internationale Auftritte mit teils sehr weiter Anreise. Verschiedene Wettbewerbe versprechen bei erfolgreicher Teilnahme Ruhm, mehr oder weniger üppige Preisgelder und eine stärkere Ausgangsposition für die nächsten Gagenverhandlungen.

Klingt gar nicht so unähnlich? Stimmt. Ein paar Unterschiede gibt es aber schon: die Musiker müssen den Probenort selber zahlen, ihre Konzerte selber organisieren und die Anreise erfolgt meistens im eigenen PKW. Dafür haben sie keine Sponsorentermine und werden auch nicht umfassend physiologisch betreut. Immerhin dürfen sie ihren Beruf ein paar Jahrzehnte länger ausüben.
Ein echter Vorteil dürfte sein, dass sie ihre Leistungen nicht nach jedem Konzert im Interview rechtfertigen müssen: „Woran hat es gelegen, dass ihr Solo heute nicht recht gelingen wollte? – Naja, ich sag mal, im Jazz ist alles möglich, aber wichtig ist, dass die Band heute gut zusammengespielt hat und ich habe immer gesagt, dass wir von Konzert zu Konzert denken müssen.“

Der größte Unterschied ist aber, dass Jazzmusiker nur in seltensten Fällen vor Tausenden von Zuhörern spielen.

Erinnert sich noch jemand an den schrecklichen Rumpelfußball, der zu Zeiten Erich Ribbecks in Deutschland gespielt wurde? An das sang- und klanglose (sic!) Ausscheiden der Nationalmannschaft in den Vorrunden großer Turniere? Danach hat das Zentralorgan des deutschen Fußballs ernst gemacht mit der Nachwuchsförderung – die positiven Auswirkungen sind längst allgemein bekannt: eine „goldene Generation“ deutscher Fußballer wuchs heran und verschönerte auch schon vor der Weltmeisterschaft 2014 Millionen Menschen ihre Freizeit.

Eines der am häufigsten gehörten Vorurteile besagt, dass der Jazz ein Nachwuchsproblem habe. Dieses Vorurteil führt regelmäßig dazu, dass Überlegungen, wie dem Jazz geholfen werden kann, immer nur in eine Richtung gehen: es müsse mehr Jazz an Schulen unterrichtet werden.

Jazz hat längst, wenn auch in sehr bescheidenem Rahmen, Eingang in die Musiklehrpläne an Schulen gefunden; auch die weitergehende „Talentförderung“ funktioniert dank eines dichten Netzes an Musikschulen, Workshopangeboten, Landesjazzorchestern und Hochschulstudiengängen ausgezeichnet. Talentierte Musiker haben wir in Deutschland mehr als genug!

Wenn der Jazz ein Nachwuchsproblem hat, dann hat er es auf Seiten der Zuhörerschaft (auch wenn ich das aus eigener Erfahrung nur eingeschränkt bestätigen kann). Dabei braucht es gar nicht viel, um ein „guter Zuhörer“ zu sein – man muss noch nicht einmal besonders viel über die Musik wissen, außer vielleicht, dass Jazz weit mehr als die zwei geläufigen Kategorien „Big Band“ (good cop) und „Free Jazz“ (bad cop) bietet. Dazu noch ein wenig Abenteuerlust, offene Augen und Ohren und die Bereitschaft, sich auf etwas Unbekanntes, Unwägbares einzulassen – fertig ist der gute Zuhörer!
Je mehr man über den Jazz weiß, desto vielschichtiger kann man ihn genießen. Aber das ist ja beim Fußball nicht anders. Ein gruseliges 0:0 im Nieselregen wird, falls überhaupt, auch erst dann spannend, wenn man das „taktische Geplänkel“ versteht und daraus Freude ziehen kann.

Zum Thema „Audience Development“ wird es auf dem diesjährigen JazzForum der Union Deutscher Jazzmusiker (UDJ) am 20. und 21. November im Kölner Stadtgarten eine Podiumsdiskussion geben. Ich bin gespannt, was dort – jenseits von „mehr Jazz an den Schulen“ – für Lösungsansätze diskutiert werden… und freue mich über rege Beteiligung vor Ort wie auch hier in den Kommentaren!

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