Improvisation über Improvisation #13

In den bisherigen Folgen dieser Blogreihe habe ich viel über Improvisation im musikalischen Kontext geschrieben. Höchste Zeit, auch einmal in andere Bereiche zu schauen. Google, hilfreich wie immer, lieferte mir den Vorschlag „Improvisation Wirtschaft“. Das führte mich unter anderem zu folgenden Definitionen: „Vorübergehende Regelung einer begrenzten Anzahl von Teilhandlungen im Rahmen der arbeitsteiligen Aufgabenerfüllung der Unternehmung.“ – (1) Improvisation als gemeinsame Unternehmung. Das gefällt mir gut. „Es handelt sich um ad-hoc-Regelungen, die intuitiv (gefühlsgesteuert) oder heuristisch (erfahrungsbedingt) getroffen werden. Sie haben meist nur vorläufigen Charakter, da auf die sorgfältige Analyse der ihnen zugrunde liegenden Entscheidungssituationen verzichtet wird.“ – (2) Das trifft im musikalischen Bereich zumindest auf den Moment ihrer Entstehung zu; eine sorgfältige Analyse geschieht vor und gegebenenfalls nach der jeweiligen Situation. Leider geht der Text dann folgendermaßen weiter: „Improvisation ist ein Zeichen mangelnder Organisation (Unterorganisation). (…) Mit der Improvisation verbindet man häufig die Vorstellung einer nicht gründlich durchdachten Lösung; (…).“ – (2) Gut, dass das folgende Zitat ein wenig Ego-Balsam bereithält: „Improvisation verlangt sehr viel berufliche Erfahrung und ein hohes Maß an Kenntnissen. Sie ist deshalb dem höheren Management vorbehalten.“ – (3) Die sich …

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Marsalis im Trend

Moment: Haben wir Wynton Marsalis’ neues Buch richtig verstanden? Da predigt also einer die Vorbild-Tugenden des Jazz: Achtung, Respekt, Vertrauen, Flexibilität, Toleranz, Krisen-Management, Risikobereitschaft. Der Jazz, heißt es da, lehre uns, das Beste aus dem Augenblick zu machen, anderen nicht unseren Willen aufzuzwingen, Gemeinsamkeit vor Egoismus zu stellen. Brav! So ähnlich wie bei Marsalis tönt es heute bei vielen Lobbyisten ganz verschiedener Couleur. Zum Beispiel bei den Management-Trainern, weshalb die sich ja die kollektive Improvisationsbereitschaft des Jazz inzwischen gerne zum Modell nehmen. Aber im Ernst: Wer glaubt denn wirklich, dass es im Firmen-Management tolerant, respektvoll und unegoistisch zugeht? In jeder Führungsriege finden bekanntlich Machtkämpfe statt, gefährden Intrigen den gemeinsamen Erfolg, wird mit dem eigenen Prestige gewuchert. Kenner der Materie sehen dort statt Vertrauen und Respekt vielmehr „maßloses Geltungsbedürfnis, nervenaufreibendes Statusgerangel und ‚politisches’ Positionen-Geschacher“. Die Münchner Management-Consulterin Anne M. Schüller schreibt: „ Leider werden auch heute noch in vielen Unternehmen Haudegen bevorzugt. Dort wird Durchsetzungskraft in ihrer negativen Ausprägung gefördert und gelebt. Erst kürzlich hat eine Online-Studie der australischen Bond University gezeigt: Je fieser der Vorgesetzte, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass er Karriere macht.“ Im Jazz …

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