Schätze aus dem Archiv: Carla Bley mit Joyful Noise beim NDR 1984

Was Michael Naura ab 1971 als Leiter der NDR Jazzredaktion nach dem Tod von Jazzworkshop-Initiator Hans Gertberg auf die Beine stellte, war und ist bis heute einmalig und schlichtweg sensationell. Unter seiner Ägide änderte Naura die Ausrichtung der Workshops dahingehend, nicht mehr Einzelmusiker zu Formationen zusammenzuführen, sondern bestehende Bands einzuladen und diese Rundfunkkonzerte dann im Rahmen der legendären NDR Jazzworkshops, meistens im Sendesaal des HH NDR, dem Studio 10, aufzunehmen. Und sie haben alle im NDR gespielt: Keith Jarrett, Jan Garbarek, Oregon, Ornette Coleman, Max Roach, Oscar Peterson, Pat Metheny, Johnny Griffin, Ella Fitzgerald oder das Modern Jazz Quartett, um nur ein paar Jazzgrößen aufzuführen.

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Auf Einladung von Michael Naura und der NDR Jazzredaktion fand am 14. März 1984 der 188. Jazzworkshop statt. Die Carla Bley Band, gemeinsam mit Michael Mantler, Steve Slagle, Tony Dagradi, Gary Valente, Vincent Chancey, Bob Stewart, Ted Saunders, Steve Swallow und Victor Lewis gab sich im Hamburger Funkhaus die Ehre. Anlässlich des 10. Todestages von Duke Ellington wurde Carla Bley vom NDR beauftragt, ein Stück für den Jazzworkshop zu komponieren und aufzuführen. Ihre Gedanken und Ausführungen zu Duke Ellington lassen sich im Programmheft nachlesen und schildern ihre geniale Art und Weise Stücke zu konzipieren. Herausgekommen dabei ist das Stück „Venus Fly Trap“. Darum ranken sich während des Abends neun weitere Kompositionen aus ihrer Feder wie „Talking Hearts“, „Nu Derection“ oder ihr Klassiker „Copyright Royalties“ als Zugabe, sowie der Monk Klassiker „Misterioso“ zum Ende des Ersten Sets.

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Die Band reiste nach Hamburg, probte intensiv nach einer langen Anreise und zündete an dem Abend ein regelrechtes Feuerwerk. Zu Beginn des Konzertes startete das Ensemble „with very old music“, einer schmunzelnden Hommage an die Hamburger Zuhörer mit einem Carla Bley typischen Arrangement des Klassikers „La Paloma“, übrigens einem der meist interpretierten, arrangierten und auf Tonträgern festgehaltenen Musikstücke. Nach diesem grandiosen Intro gab es kein Halten mehr, das Publikum war restlos begeistert. Es gab im Anschluss an den Workshop keine Aftershow Party, die Band feierte ihre Party im Konzert mit Finesse und grandiosem Humor. Nun liegt der komplette Mitschnitt dieses Abends als Doppel CD vor, in tadelloser Tonqualität, inklusive der herrlichen Ansagen von Carla Bley. Ergänzend dazu im Booklet ein wunderbares Vorwort von Steve Swallow, sowie eindrucksvolle Fotos von Ralph Quinke, der die Proben und den Konzertabend mit seiner Kamera begleitete. Ein alles in allem unvergesslicher Abend, der bis heute fest im kollektiven Gedächtnis der Hamburger Jazzgemeinde verankert ist und – nicht zuletzt durch die Veröffentlichung – wieder auflebt und weiter nachwirken kann.

Seit dem Start der Jazzworkshop Reihe am 21. Februar 1958 hat der Norddeutsche Rundfunk mehr als 600 Jazzworkshops veranstaltet, mitgeschnitten, gesendet … and is still going strong! Hoffen wir, dass in naher Zukunft noch weitere Schätze aus den Archiven gehoben werden.

Das nächste Juwel, das sich das Label MIG vorgenommen hat, diesmal von Radio Bremen aufgenommen, ist bereits in der Vorbereitung und finalen Abstimmung: Chick Corea solo am 29. Oktober 1972 im Bremer Sendesaal.

Erschienen ist Carla Bley: Joyful Noise (Live in Hamburg 1984)
als Doppel CD auf MIC-Music M1230-2

Beitragsbild: Carla Bley NDR 1984 / Fotograf: Thomas J. Krebs
Text, Archivmaterial & Fotos: Thomas J. Krebs

 

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