Münchener Musikstipendien mit viel Jazz

Jährlich vergibt der Kulturausschuss des Münchener Stadtrats sechs Musikstipendien sowie den des Leonhard und Ida Wolf-Gedächtnispreis. Die Auswahl der Jury ist dieses Jahr überdurchschnittlich jazzig ausgefallen. Die Auswahl kann aber auch darauf hindeuten, dass die Genres verschwimmen und die Künstler sich immer breiter aufstellen. Da will die Jazzzeitung nicht hintenanstehen und meldet Jazz und klassische Musiker gemeinsam und spartenübergreifend. Ausgezeichnet werden Shuteen Erdenebaatar, Nils Kugelmann, das Sonic Art Collective, Kai Wangler-Helbig und Hannah Weiss. Das Stipendium für Akteur*innen im Kinder- und Jugendbereich geht an Café Unterzucker. Den mit 3.000 Euro dotierten Leonhard und Ida Wolf-Gedächtnispreis für Musik erhält Gerrit Illenberger.

Erstmals werden in diesem Jahr die Stipendien in Höhe von jeweils 8.000 Euro statt bisher 6.000 Euro vergeben sowie ein Stipendium für Akteur*innen im Kinder- und Jugendbereich.

Mit den jährlich vergebenen Stipendien für Musik sollen konkrete, besonders anspruchsvolle musikalische Arbeitsvorhaben in den Bereichen Komposition, Programmerarbeitung oder berufliche Fortbildung außerhalb Münchens unterstützt werden. Die Stipendien können sowohl für Einzel- als auch Ensembleleistungen in allen Musikgattungen und -bereichen, mit besonderer Berücksichtigung der zeitgenössischen Erscheinungsformen, vergeben werden.
Mit dem Leonhard und Ida Wolf-Gedächtnispreis für Musik sollen junge Kunstschaffende im Bereich der Musik für kreative Leistungen gefördert werden.

Die Pianistin und Komponistin Shuteen Erdenebaatar (unser Titelfoto), die durch die Kooperation der Musikhochschulen von München und Ulan Bator mit dem Jazz in Berührung kam und bereits mit dem Kurt Maas Jazz Award ausgezeichnet wurde, überzeugt durch ihre exzellente Technik, die sie ganz in den Dienst ihrer swingenden, sehnsuchtsvollen und schlüssigen, immer lyrischen Modern-Jazz-Stücke stellt. Sie erhält ein Stipendium für die Aufnahme eines EP-Albums mit ihrem 20-köpfigen, genreübergreifend besetzten Kammerjazz-Ensemble, das sich nach Ansicht der Jury bereits jetzt mit so renommierten Großformationen wie der Maria Schneider Big Band, dem Andromeda Mega Express Orchestra oder dem Metropol Orkest
messen kann.

Wenn eine der jungen Größen der hiesigen Jazzszene einen Bassisten sucht, dann ist Nils Kugelmann die erste Wahl. Dabei ist der 1996 geborene Münchner viel mehr als das: ein Multiinstrumentalist und echter Alleskönner, der schon früh gekonnt zwischen komponierter und improvisierter Musik, zwischen Jazz und Pop, zwischen Handgemachtem und Elektronik balancierte. Diesen eklektischen Ansatz hat er im Bass-Studium bei Henning Sieverts an der Münchner Musikhochschule zu seinem eigenen Stil verdichtet, der insbesondere auch in seinem Trio mit Philipp Schiepek und Marius Wankel zu hören ist. Dieses Trio will er nun zum um klassische Instrumentalisten an Horn, Geige, Bratsche oder Fagott ergänzten Ensemble ausbauen, um seine jazzige und seine klassische Seite zusammenzubringen und damit insbesondere auch junges Publikum anzusprechen.

Selten wird das Thema Digitalisierung so spannend und greifbar dargestellt wie in der Performance des Münchner Sonic Art Collective, bestehend aus Antonia und Carlotta Dering sowie Leonhard Kuhn. Die drei Protagonist*innen verbinden in ihrem Projekt Musik, Tanz, Technik und Design zu einer futuristisch anmutenden Gesamtperformance, in deren Zentrum die Roboterfrau SON steht. In dem von Carlotta Dering entwickelten „Sonic Suit“, einem schwarz silbernen Kostüm, das aufgrund eingebauter Bewegungs-Sensoren und Mikrofone Tanzbewegung und Gesten in Klangver-änderungen, Rhythmen und elektronische Musik übersetzt – befindet sie sich in direkter Wechselwirkung zu der Klangerzeugung von außen. Dabei stehen Themen der technischen Durchdringung unserer digitalisierten Gesellschaft ebenso im Raum wie die Frage, wer wen steuert.

Das Akkordeon ist ein ungemein vielseitiges Instrument. Das beweist Kai Wangler-Helbig in der Münchner Musikszene seit langem. Der 1981 geborene Musiker spielt neue und zeitgenössische Musik; und bereichert das örtliche Konzertleben. Dem Akkordeon – gerade in Bayern auch als traditionelles Instrument der Volksmusik bekannt – verleiht Wangler-Helbig konstant neue Klänge; auch durch elektronische Zuspielungen. Darauf zielt auch sein neuestes Projekt: In einem zweiteiligen Konzertprogramm will er die Beziehung seines Instruments zur elektronischen Musik ausloten: in Kompositionen von 1971 bis heute. Angefangen mit Arne Nordheims Werk „Dinosauros“ bis zu einer Uraufführung von Gregor A. Mayrhofer. Die Musik, die er dabei zum Klingen bringt, ist in der Stadt so alleinstehend wie herausragend.

Schon seit der frühesten Kindheit war Hannah Weiss von Musik umgeben und legt seit dem Jazz-Gesangsstudium in München eine beachtliche Karriere hin. Dabei glänzt sie in den unterschiedlichsten Formationen – ob bei der Jazzrausch Bigband, bei Ark Noir oder mit ihrer eigenen Hannah Weiss Group – stets mit makelloser Gesangstechnik, dem Feeling für den jeweiligen Song und einer imponierenden Natürlichkeit und Ausstrahlung. Jetzt bereitet die BMW Welt Young Artist Jazz Award-Preisträgerin 2019 mit „Explorative Sensibilities“ etwas ganz Neues vor: Eine minimalistische, Song-Strukturen auflösende Suite in der ungewöhnlichen Trio-Besetzung mit Theresa Allgaier an der Geige und Melis Com an der Harfe – ein Projekt, das die Förderung durch ein Musikstipendium mehr als verdient hat.

Café Unterzucker ist eine Münchner Band, die sich auf besondere Art der Kinderkultur widmet. Die Texte von Richard Oehmann und die Kompositionen von Tobias Weber sind aufrichtig, unterschätzen die Kinder nicht und begegnen ihnen auf Augenhöhe. Ihre Musik wirkt dadurch weder niedlich noch verkrampft und ist gnadenlos witzig – so witzig, dass Kinder und Eltern auch nach unzähligem Hören noch mitsingen. Café Unterzucker singen ihre anarchisch genialen Texte auf hochdeutsch und bairisch. So entstehen Bluegrass, Latin, Rock’n’Roll, Jazz, Seemannslieder: Kinderkultur ohne Kitsch – eine echte Erholung für alle geschundenen Kinder- und Elternohren. Diese Band hat ihr Ohr – auch bei der kommenden Albumproduktion – ganz nah an der ganz jungen Generation und gehört damit zum Wertvollsten, was man Kindern heutzutage an musikalischer Unterhaltung anbieten kann.

Einen Leonhard und Ida Wolf-Gedächtnispreis erhält Gerrit Illenberger, dessen schöne, schlanke Baritonstimme gleichzeitig über Wärme und Volumen verfügt, über makellose Intonation und einen technisch mühelosen Registerausgleich und über eine gleichermaßen große Intensität im Piano wie im frei strömenden Forte. Mit einer reichen Palette an dynamischen Abstufungen und nuancierten Klangfarben zeugen seine Interpretationen von echter musikalischer Intelligenz. Dank seiner natürlichen Bühnenpräsenz und Wandlungsfähigkeit überzeugt Gerrit Illenberger als ernsthafter Liedinterpret und auf ebenso hohem Niveau als moderner Opernsänger.

Die ausführlichen Jurybegründungen und Informationen zum Preiswesen unter https://stadt.muenchen.de/infos/arbeitsstipendien-musik.html

 

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