Über das neue Buch von Siegfried Schmidt-Joos „Es muss nicht immer Free Jazz sein. Zeitlose Texte zu Musik und Politik“

Mathias Bäumel räsoniert über das neue Buch des Publizisten Siegfried Schmidt-Joos, in dem dieser  einige historische Artikel zusammenstellt


Um es vorweg zu nehmen: »Zeitlos«, wie der Untertitel des aktuellen Buches von Siegfried Schmidt-Joos verspricht, sind die 21 hier zusammengestellten Artikel nicht. Als Texte der Zeitgeschichte leben sie durch ihre direkten Bezüge auf historisch konkrete Situationen und Ereignisse. Insofern ist die Formulierung »zeitlos« irritierend.

Siegfried Schmidt-Joos bei einem Vortragend auf dem Jazzforum in Graz. Foto: Ralf Dombrowski

Leser, die populärmusikhistorisch interessiert sind, können mit Hilfe dieser Kompilation an geschichtlich relevante Beiträge kommen, die sie ansonsten nur mit einiger Mühe aus verstreut vorliegenden, alten Zeitschriften zusammenklauben müssten. Das macht auch den Wert dieser Veröffentlichung aus. Das Spektrum dieser Kompilation mit ihren Überlegungen und Histörchen reicht von Beiträgen aus den 1960er und den 1970er Jahren bis hinein zu solchen aus der Gegenwart. Bisher unveröffentlichte Beiträge ergänzen diese Zusammenstellung: ein Blick aus Tony Bennetts Fenster auf den Central Park, eine für Josef Stalin in einem leeren Theater jazzende Band, Gitte Haenning in der Berliner Komischen Oper für ihren Vater singend – das sind drei weitere Szenen aus den 21 Geschichten in diesem Buch.

Noch mehr zur Irritation jedoch trägt die Hauptzeile des Buchtitels bei: »Es muss nicht immer Free Jazz sein« – so, als hätte es eine allgemeine Erwartung gegeben, man müsse immer Free Jazz-Konzerte veranstalten und entsprechende Schallplatten veröffentlichen.

Das Gegenteil jedoch war real der Fall. Schon in der ersten Hälfte der 70er Jahre dominierten Jazzrock, Fusion, Hardbop und romantische Spielweisen mit ihren relativ großen, teils riesigen Verkaufszahlen die US-amerikanische, europäische und auch deutsche Jazzszene. Auf den Titelblättern der Jazzmagazine waren die umsatzstarken Stars weit häufiger zu finden als die wenigen Freejazz-Größen, und die internationalen Leitveranstaltungen wie beispielsweise die Festivals in Montreux oder (für den Osten wichtig) das Jazz Jamboree in Warschau hatten Freejazz nur vereinzelt in ihren Programmen. Schmidt-Joos selbst hatte ja schon 1972 in seinem hier im Buch nachgedruckten Beitrag »Fortschritt ins Abseits – zur Situation des Free Jazz« die geringe quantitative Bedeutung des Freejazz innerhalb der Gesamtszene benannt. Formulierungen wie »Nur wenige Virtuosen des neuen Jazz … konnten sich im Bewusstsein einer nennenswerten Musiköffentlichkeit etablieren« oder »so gut wie ohne Resonanz« belegen dies. Dennoch tat – gegen eigene Erkenntnisse – Schmidt-Joos so, als habe es »immer Freejazz sein müssen«. Warum eigentlich?

Deutlich mehr noch vergriff sich der renommierte Autor in diesem 1972er Beitrag bei der Frage der qualitativen Bedeutung des Freejazz. So nutzte er Formulierungen wie »musikalische Onanie«, »selbstgerechter, verblasener Schwulst« oder »grundsätzliche Unfähigkeit, zur Sache zu kommen«, um den Freejazz, was auch immer er darunter verstehen mochte, zu beschreiben.

Zugegeben: Als Siegfried Schmidt-Joos 1972 diesen polemischen Artikel veröffentlichte, konnte der Autor manche später entstandenen wertvollen Entwicklungen und Tendenzen der Jazzgeschichte noch nicht gekannt haben. Aber ein Gefühl dafür, dass Freejazz damals schon eine Art Türöffner für qualitativ neue Richtungen und Tendenzen war, hatte Schmidt-Joos eben auch nicht.

So waren es freie, neugierige, kreative Freejazz-Musiker, die sich damals von europäischer Volksmusik inspiriert fühlten und so den zeitgenössischen Jazz mitprägten. Es muss nicht immer amerikanisch sein, hätte hier der Slogan kaum treffender lauten können.

Beispiele? Uli Gumperts Jazz-Werkstatt-Orchester stellte 1972 Adaptionen deutscher Volkslieder vor. Und im selben Jahr gewann György Szabados mit seinem Quintett einen Grand Prix des angesehenen San Sebastian Jazz Festivals in Spanien. Volksmusik-Inspiration im Jazz, titelte damals ein Fachmagazin. Einige Jahre zuvor erwiesen sich die Veröffentlichungen und Konzerte von Krzysztof Komeda (»Astigmatic« – 1966) und in dessen Gefolge vor allem von Tomasz Stańko (»Music for K« – 1970) als wichtig für einen ost- und nordeuropäisch beeinflussten Jazz.

Ergo: Bereits Anfang der 70er Jahre schaffte Freejazz Freiräume für die Entstehung eines europäischen zeitgenössischen Jazz. War das damals nicht erwähnenswert?

Text: Mathias Bäumel

Siegfried Schmidt-Joos: »Es muss nicht immer Free Jazz sein. Zeitlose Texte zu Musik und Politik«, Verlag Kamprad Altenburg 2020, 272 Seiten

ISBN 978-3-95755-666-0

 

 

 

 

 

 

 

 

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