Pur gespielte Dramen und Fanstasien – Daniel Webers Solo-Debüt

Dramatische Personen – frei übersetzt, können das der sechsjährige Sohn, die narrische Nachbarin oder Marlon Brando in „Apocalypse Now“ sein. Der Saarbrücker Schlagzeuger und Komponist Daniel Weber hat sich für sein Solo-Debüt für Personen aus der Theatergeschichte entschieden. Nachdem er in 2019 und 2020 für zwei Stücke, Antigone und Gaslicht (Gaslight von Patrick Hamilton), Musik geschrieben hatte, dachte er, es werde Zeit für eine erste Soloproduktion. „Die Arbeit an einem Solo-Projekt als die Verdichtung musikalischer Kommunikation, die Faszination des Zurückge-worfenseins auf sich selbst, auf einen inneren künstlerischen Dialog“ habe sich geradezu aufdrängt, heißt es dazu im Pressetext.


Daniel Weber, porträtiert von Vera Klinger

In der Vorbereitung bemerkte Weber, dass einiges aus den Theatermusiken von der Stimmung her gut zu darin vertretenen Figuren passt. Davon liess er sich bei den zweitägigen Aufnahmen in einem Saarbrücker Studio inspirieren und er-improvisierte neun Stücke, die er diesen Figuren zuordnete. Startet „Moondog“ mit Vogelrufen und prescht dann im unerbittlichen Joggingtempo über Toms und Felle, bis es erschöpft im Beckenrausch endet, kriechen bei „Nancy Pears“ Schauer über die Haut. Metallene Kratz- und Schabgeräusche lassen viel von der psychoaktiven Stimmung des Bühnenthrillers aufkommen.    „Polyneices“ dagegen, wie seine Schwester „Antigone“ und „Creon“ mythische Figuren aus Sophokles Tragödiendichtung Antigone, erhebt sich aus leisen, ratsuchenden Besenspuren und dunklen Klängen, die wie eine düstere Vorahnung wirken, zu  machtvollen Trommelschlägen, wilden Rhythmen und Wirbeln, die urplötzlich in der Luft hängend enden.

Wieder neue Knister- und metallene Rollklänge verbunden mit in sich kreisenden, aus einem Rumwerkeln entstehenden, lustvollen Geräuschen führen bei „Bella Boyd“ – einer Figur aus Gaslicht – zu ambivalenten Eindrücken zwischen Humor und Erschrecken. „Gaslight“ schließlich, mit über zehn Minuten längstes Stück des so vielfältigen, wie unglaublich abwechslungsreichen Albums, zeichnet mit subtilem Hall langsam dichter werdender Gongklänge und fast meditativer Tupfer auf Becken, Ränder und Felle eine innere Dynamik auf, die in einem Sturm dramatischer Becken mündet.

Egal welche Klang- und Geräuschquelle Weber auch nutzt und in sein musikalisches Universum einbaut, er kommt eigentlich immer vom herkömmlichen Schlagzeug spielen her. Zwar nutzt er kleine Präparationen und erweitert damit sein klassisches Drumset, sein Spiel aber bleibt pur, konzentriert auf rhythmische Komplexität und Farben mit denen er fantastische Stimmungen erzeugt. Wenn man sich nicht gerade völlig davon gefangen nehmen lässt, glaubt man manchmal den Widerhall von Schlagzeugern wie Pierre Favre oder Günther Baby Sommer zu hören. Dessen drittes Soloalbum „Sächsische Schatulle“ von 1988 und 1993 war Webers erstes – und vermutlich auch prägendes – Hörerlebnis mit Solo-Schlagzeug. Dass er dann auch noch den britischen Schlagzeuger Tony Oxley als wichtige Inspirationsquelle anführt, dieser hat bereits Anfang der 1970er Jahre mit improvisierten Soloperformances experimentiert, erscheint fast schon wie eine Selbst- oder gar Zwangsläufigkeit.

Ein Album voller faszinierender Momente, starker Kontraste, nicht immer offensichtlichem Humor und eines musikantischen Ideenreichtums sondergleichen.

Autor: Michael Scheiner

Daniel Weber, Dramatis Personae, JazzHausMusik JHM 277

Besetzung: Daniel Weber (dr, perc),

 

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