Joe Sachse – Nationale Volksarmee stoppte 1974 Pläne des Freejazz-Oktetts Praxis II

Von Mathias Bäumel. Manchmal lohnt sich das Kramen in älteren Musikbeständen und man entdeckt, wie wunderbar auch frühere Musik schon gewesen ist. Und so suchte (und fand) ich in meiner Sammlung die LP, von der ich mich erinnerte, dass sie eine Besonderheit darstellt: die vor etwa vierzig Jahren erschienene Amiga-Langspielplatte »Helmut Sachse – Hannes Zerbe«. Neben der darauf versammelten exzellenten musikalischen Qualität war das Besondere, dass sie, eine seltene Vorgehensweise, jede Seite separat einem Musiker widmet – die A-Seite dem Gitarristen Helmut Joe Sachse und dessen Mitspielern, die B-Seite dem Pianisten Hannes Zerbe und dessen Kollegen.


Auf dem Covertext der LP schrieb Martin Linzer 1981: »Helmut Joe Sachse spielt Jazz seit über zehn Jahren. Ursprünglich Autodidakt, studierte er von 1973 bis 1978 Gitarre an der Hochschule für Musik in Weimar (es handelte sich um ein Fernstudium, M. B.). Sein ›Zweitinstrument‹ Flöte erlernte er im Privatunterricht.«

Martin Linzer konnte damals über eine Tatsache nicht schreiben, die wir heute dank mehrerer Dokumente kennen. Nämlich dass Joe Sachse als Waffendienst-Verweigerer von Oktober 1973 bis Mai 1975 als Bausoldat in Holzdorf/Elster stationiert war und dass ihm dort die Nationale Volksarmee NVA mindestens einen großen Stein in den künstlerischen Weg gelegt hatte.

Als Gitarrist und Flötist war Sachse schon 1973 hoch anerkannt, so dass er vom Rundfunk der DDR zu Aufnahmen von Musik der zeitgenössischen Jazz-Oktetts Praxis II, dessen Mitglied Sachse war, nach Berlin eingeladen wurde. (Diese Band hatte zuvor am 2. Juni 1973 zur Jazzwerkstatt Peitz für Furore gesorgt und dort den DDR-Rundfunk neugierig gemacht.)

Offenbar hatte Walter Cikan, der zuständige Musikproduzent im DDR-Rundfunk, die Rechnung ohne die NVA gemacht, denn die verweigerte einen für die Aufnahmen erforderlichen Sonderurlaub Sachses. Begründung: »Sachse zählt zu den wenigen Bürgern unseres sozialistischen Staates, die den Ehrendienst mit der Waffe ablehnen. Des Weiteren sind seine militärischen Leistungen nicht entsprechend, dass eine Beurlaubung gerechtfertigt wäre.« So steht es in einem Brief der NVA an Walter Cikan vom 15. Januar 1974, der von einem Oberleutnant Hildebrandt unterschrieben war.

Die Folge: Von Praxis II-Musik wurden im Rundfunk der DDR weder die eigentlich geplanten noch andere Aufnahmen gemacht. Aus dem Deutschen Rundfunkarchiv DRA hieß es im Januar 2021 auf Anfrage, dass »im Bestand des DRA keine Aufnahmen mit ›Praxis II‹ überliefert sind«. Ergo: Wer heute hören will, wie Praxis II, eine der bedeutendsten Freejazz-Bands der DDR jener Zeit, geklungen hat, kann nur auf zufällig vorhandene Privatmitschnitte hoffen; reguläre Archivmaterialien oder Veröffentlichungen gibt es nicht.

Nachdem die ursprünglich geplanten Praxis II-Aufnahmen (auch mit Joe Sachse-Kompositionen)  Armee-verschuldet nicht zustande gekommen waren, sind die auf der Amiga-LP »Helmut Sachse – Hannes Zerbe« (1981) vorliegenden drei Kompositionen (»Weber/Parkweg 1«, »Dispersion« und  eine mit grafischen Zeichen benannte) die ersten Aufnahmen, die von Joes Musik und mit Joe als Bandleader veröffentlicht wurden. Dass diese Aufnahmen bis heute nie als CD wiederveröffentlicht wurden, macht die frühe Sachse-Musik zusätzlich zum Sammlerobjekt.

 

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