Frida mit Freedom of Flight

Von Stefan Pieper. Wie sehr ein Sängerinnentrio ohne weitere Harmonieinstrumente einer kraftvoll aufspielenden Rhythmusgruppe Paroli bietet, das demonstriert die Band Frida auf ihrem beeindruckenden Debutalbum „Freedom of Flight“ – aber es geht noch viel mehr.


Frida agiert im Kollektiv: Mascha Corman, Sara Decker und Julia Ehninger schreiben und komponieren Songs, arrangieren Material aus unterschiedlichen Quellen und gebrauchen ihre Stimmen lyrisch und instrumental. Weit weg erscheinen traditionsbehaftete Jazzschablonen. Genau dies macht den Weg frei für unberechenbare Interaktionen, nicht selten ein aufregendes „Call and Response“ zwischen den drei Sängerinnen und dem Bassisten Conrad Noll und Schlagzeuger Jeroen Truyen. Ebenso ist jede vokale Geste, jede Silbe und Betonung einer maximalen Klarheit in Ausdruck und Darstellung geschuldet.

„Baby one more time“

Frida zeigt zum Einstieg einem einschlägigen Popmusik-Klassiker, wo der Hammer hängt: „Baby one more time“ – eigentlich von Britney Spears bekannt gemacht, entfaltet allein schon aus dem mehrstimmig gesungenen Sprachrhythmus der Titelzeile heraus so viel unverbrauchten, frischen Groove, dass die daraus folgende hinreißende Melodielinie allein dadurch in Fahrt kommt.

Aber es wird fragiler und geht zunehmend ans Eingemachte auf dieser verschlungenen vokal-instrumentalen Reise: Ätherische Klangbilder zwischen Bass-Flagoletts und Gesangsmelodie sorgen in Emily Dickinsons „Have you got a brook in your little heart“ für so etwas wie Zuflucht. Zur polyphonischen Linie vereinen sich die drei Stimmen in Theo Bleckmans „The Realm of you“, derweil die ganze luftige a capella-Eleganz fragil über dem tiefschwarzen Bass-Keller von Conrad Noll balanciert. Ähnlich gebaut ist „Singing Lessons“. Aber hier zeigt sich der Bass, dass er nicht nur grollen und drohen, sondern auch anschmiegsam sein kann.

Kleine Jazzoper

Man hört und spürt, wie sehr sich die drei Arrangeurinnen und Sängerinnen von der Lyrik ihrer ausgewählten Quellen haben inspirieren lassen – und diese vorm Kreieren der Musik auch erst mal „verstanden“ haben. Die kompletten Eigenkreationen aus der Feder der drei Sängerinnen stehen dem nicht nach – Julia Ehninger hat mit ihrem Stück „You cover yourself“ gleich mal eine raffiniert verschachtelte kleine Jazzoper kreiert.

Sind einmal Ohren, Geist und Emotionen derart geöffnet, darf es in weitaus tiefschürfendere Gefilde gehen: „Kein Kinderlied“ heißt ein Arrangement von Sara Decker auf Basis eines Textes seitens der österreichisch-ungarischen Dichterin Mascha Kaleko. Lakonische Textzeilen schmücken ein beklemmendes Endzeitszenario aus. Es geht um Flucht, Entwurzelung, Traurigkeit – lautmalerisch, elegisch, innig.

„Time after Time“

Fast schon sarkastisch wirkt, so etwas danach mit einer cecoverten 80er-Pop-Nummer zu beantworten: Cindy Laupers „Time after Time“. Als Miles Davis diesen hochglanzpolierten Millionenseller coverte, wurde es – bei aller standesgemäßen Coolness – noch viel hochglanzpolierter! Frida macht sich um das Gegenteil verdient – und erdet die Nummer in charmanter, ehrlich jazziger a-capella-Eleganz und mit impulsiver Basslinie.

So unverfänglich und leichtfüßig soll „Freedom of Flight“ aber nicht zu Ende gehen, wo es so viel mehr zu sagen gibt: „Ein schwerer Traum“ ist ein metaphernreiches Volkslied aus dem frühen 19. Jahrhundert. Mascha Cormann hat das Lied fantasievoll und beschwörend expressiv für dieses Ensemble passend gemacht hat – es geht um Tod, Abschied, Verlust. Frida zeigt in zeitgemäßer musikalischer Diktion, dass Romantik immer relevant bleiben wird!

CD

Frida: Freedom of Flight

jazzsick records 2020

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