Ungeahnte emotionale Räume: Simin Tanders neues Album „Unfading“ betört

Sie ist so reich und voller archaischer Kraft, diese Welt jenseits der alltäglichen „emotionalen Normalität“. Es müssen nur die Tore aufgestoßen werden. Die aktuelle CD von Simin Tanders neuem Quartett wirkt wie ein kostbarer Schlüssel dafür.


Sehnsuchtsvolle Musik

Die Stimme der deutsch-afghanischen Sängerin transportiert pures, manchmal archaisches Gefühl – ungefiltert direkt, zugleich zerbrechlich. Großartig, wenn eine künstlerische Entwicklung und vor allem eine konsequent erarbeitete Stimm-Beherrschung auf dieses und kein anderes Resultat hinaus läuft. Auf ihrem neuen Album „Unfading“ steht Simin Tander eine neue Band zur Seite. Die 15 Stücke dieser Platte erklingen nicht einfach so, sie wandern vielmehr über imaginäre Firmamente, breiten sich aus und ergreifen Besitz. Dafür sorgt allein schon das in sich ruhende, atmende Timing im Schlagzeugspiel von Samuel Rohrer. Melancholie ist die Grundsubstanz. Traurigkeit? Sehnsucht? Die Zustände, die sich auf Anhieb so stark ausbreiten, verweigern sich der üblichen Beschreibung: „Es ist etwas, was war und wieder da ist, nach vorne geht, im neuen Glanz erstrahlt, eine Endlosigkeit besitzt. Ich verbinde damit eine sanfte, endlose, weibliche Bewegung“, formuliert Simin Tander ihr künstlerisches Anliegen.

Vielseitiges multikulturelles Repertoire

Sie vertont in den Eigenkompositionen des neuen Albums lyrische Texte von Dichterinnen in der paschtunischen Sprache, interpretiert einen Hit aus dem Afghanistan der 1960er-Jahre, greift auf die Poesie von Sylvia Plath ebenso wie auf ein klassisches spanisches Wiegenlied zurück. Immer formt die Schönheit unterschiedlicher Sprachen dieses betörende Gesamtkunstwerk. Die keineswegs immer nur getragenen, sondern gerne auch mal kraftvoll-archaischen Stücke kosten Freiräume aus, bleiben zugleich der jeweiligen lyrischen Grundidee treu. Simin Tander kommuniziert in jedem Moment intuitiv mit ihren neuen Mitmusikern, deren Spiel sich – oft eher unaufdringlich und subtil – an die weitgespannten melodischen Linien anschmiegen. Rezitativische Passagen sind nicht nur Sache von Simin Tander selbst, sondern ebenso des sensationellen tunesischen Viola d’Amore-Spielers Yasser Haj Youssef, dessen sphärische Arabesken und Flageoletts für filigrane Klangfeuerwerke sorgen. Eine weitere, sensible Stimme ist der schwedische Bassist Björn Meyer, der seinen E-Bass oft als sangliches Melodie-Instrument zum Einsatz bringt, aber ebenso für kraftvollen Biss in den treibenden Parts – denn auch die gibt es! – sorgt.

Das CD-Releasekonzert findet am  Freitag, 16. Oktober 2020, im Bunker Ulmenwall statt.

Simin Tander – Gesang
Jasser Haj Youssef – Viola d´Amore
Björn Meyer – Bass & Effekte
Samuel Rohrer – Schlagzeug

Das Titelbild zeigt das Cover der CD „Unfading“ von Simin Tander.

Autor: Stefan Pieper

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