Mette Nadja Hansen und Johannes von Ballestrem – Eine Jazz-Hommage an die „Geliebte Clara“

In Bonn wird nicht nur in jedem Jahr Ludwig van Beethoven, der große Sohn der Stadt, mit einem wochenlangen, international besetzen Musikfest geehrt. Auch Robert Schumann, der die zwei letzten Jahre seines Lebens in Bonn verbracht hatte, wenn auch in beklagenswertem Zustand, wird in der Bundesstadt in besonderer Weise gewürdigt, mit einem jährlichen Schumannfest, das jetzt vom 1. bis 16. Juni zum 22. Male stattfand, diesmal unter dem Motto „Geliebte Clara“.


Aus Anlass ihres 200. Geburtstages am 3. September wurde Schumanns Ehefrau und Mutter seiner acht Kinder in mehr als zwei Dutzend Konzerten sowie Theater- und Filmvorführungen als bedeutende Musikerin gefeiert. Sie galt als berühmteste Pianistin ihrer Zeit, wurde aber als gleichwertige Komponistin nicht anerkannt, denn Frauen wurde die öffentliche Aufführung ihrer Werke nicht zugestanden. Fanny Mendelssohn, Felix’ begabter Schwester, erging es bekanntlich ebenso. So wurden während des Schumannfestes auch einige, bisher unbekannte Kompositionen Clara Schumanns aufgeführt.

Mette Nadja Hansen und Johannes Ballestrem nach ihrem Konzert. Foto: Dietrich Schlegel

Ein Abend in dem von der Klassik bestimmten Schumannfest blieb dem Jazz vorbehalten. Clara Schumann und Jazz? Welche Berührungen könnten sich da ergeben, welche Antworten die engagierten Jazzmusiker finden? Nun, der in Bonn gebürtige, in Berlin lebende Pianist Johannes von Ballestrem und die dänische Vokalistin Mette Nadja Hansen, seit 2013 ebenfalls in Berlin wohnend, versuchten erst gar nicht, Kompositionen der Clara Schumann jazzig zu bearbeiten. Vielmehr gestalteten sie ihre Hommage an die große Musikerin in ihrem eigens für das Bonner Schumannfest entwickelten Programm zugleich als eine Hommage an Frauen im Jazz, an jene Musikerinnen, die durch ihre Kompositionen und ihr Spiel, zumeist als Pianistinnen, den Jazz seit seinen Ursprüngen mit geprägt haben, ohne dass dies immer gebührend gewürdigt wurde, auch wenn viele ihrer Schöpfungen zu unzählig gecoverten Standards wurden.

Dieses Vorhaben gelang in der intimen, kammermusikalischen Atmosphäre des Schumannhauses vortrefflich. Kaum zu glauben, dass die Beiden erst zum zweiten Mal gemeinsam auftraten, so nahtlos aufeinander abgestimmt und ineinander verzahnt präsentierten sie sich als Duo. Allerdings verbindet sie das Studium am Jazz Institut Berlin, an dem Johannes von Ballestrem inzwischen selbst lehrt. Er hatte Jazzklavier bei Wolfgang Köhler und Tino Derado sowie Gitarre bei Kurt Rosenwinkel studiert und seinen Master in Leipzig bei Michael Wollny absolviert. Mette Nadja Hansen hatte sich nach Studien in Dänemark und Schweden in Berlin unter die Fittiche der berühmten Vokalistin und Pädagogin Judy Niemeck begeben. Wer je das Glück hatte, das Duo Niemeck/Köhler im Konzert zu erleben, der konnte hier hautnahe Parallelen ziehen. Pianistin und Sängerin bewegen sich stilsicher und virtuos – wie es Mette in einem eigenen Song ausdrückt – zwischen Old School und Modern Jazz, zwischen Stride Piano und Bebop.

Neben dem musikalischen Genuss wurde in vergnüglich charmanter Moderation von beiden Protagonisten biographisches und musikgeschichtliches Wissen über die Frauen vermittelt, denen die dargebotene Musik zu verdanken ist. Wer kennt schon Ann Ronell, die Musik und Text der 1932 von Irving Berlin verlegten Ballade „Willow Weep For Me“ schrieb? Niemand geringeres als George Gershwin hatte ihr einen Job als Pianistin am Broadway verschafft. Und, so wusste Johannes zu berichten, sie war die erste Frau, die in Hollywood ein Soundtrack-Orchester dirigierte. Mette führte sich einfühlsam mit dem Trauerweiden-Song in das Konzert ein, zeigte dann aber sogleich auch ihre vitale Seite bei den Songs „A Fine Romance“ und – mit einem feinen pianolosen Intro – „I’m In The Mood For Love“. Komponiert wurden die Stücke von Jerome Kern und Jimmy McHugh. Die Lyrics aber schrieb Dorothy Fields, eine der gefragtesten Texterinnen der 30er und 40er Jahre. Erwähnt sei hier nur „I Can’t Give You Anything But Love“.

Mette Nadja Hansen und Johannes Ballestrem während ihrem Konzert in Bonn. Foto: Dietrich Schlegel

Es folgten Songs von drei Musikerinnen, die als Pianistinnen, weniger aber als Komponistinnen bekannt wurden. Von Lil Hardin, Louis Armstrongs erster Frau und Mitgründerin seiner Hot Five und Hot Seven, stammt die Komposition „Struttin’ With Some Barbecue“, die von Johann solo in mitreißendem Stride-Stil gespielt wurde, ein erstes Beispiel für seine einfallsreichen Improvisationen. Mette nahm sich dann Hardins Komposition „Just For A Thrill“ vor, später noch deren „Let’s Call It Love“, interpretierte gefühlsintensiv „There’ll Be Other Times“, eine der schönsten, vor allem durch Sarah Vaughan bekannt gewordenen Balladen der vielseitigen Marian McPartland. Andere Seiten wurden nach der Pause mit Dizzy Gillespies „Cubana Be, Cubana Bop“-Hit „In The Land Of Oo-bla-dee“ aufgezogen, komponiert und arrangiert von – wer wüsste das schon auf Anhieb? – Mary Lou Williams, einer der wichtigsten Frauen im Jazz überhaupt, prägend auch für die musikalische Entwicklung vieler ihrer männlichen Kollegen.

Kaum eine Jazzsängerin, die nicht Billie Holiday im Repertoire hätte. Mette hatte sich gleich drei der Songs vorgenommen, die Billie – in Kooperation mit Arthur Herzog – selbst komponiert und getextet hat. Lady Day auch nur im Ansatz kopieren zu wollen, verbietet sich nicht nur aus künstlerischen Gründen, sondern schlicht aus Respekt. Für jede Coverversion muss eine Performance sui generis gefunden werden. Bei „Don’t Explain“ und „Fine And Mellow“, diesen An-Klagen einer resignierten, von den Männern wieder mal enttäuschten Frau, war die ansonsten quirlige und fröhlich mit dem Publikum parlierende Dänin ganz bei  sich, in sich gekehrt, traurig und trotzig zugleich. Und „God Bless The Child“ verwandelte sie in eine innige Hymne.

Zum Finale wurden Stimme und Stimmung wieder aufgehellt durch den oft gecoverten  Standard „Can’t We Be Friends“, 1929 von der – wer kennt die denn? – Pianistin und Komponistin Kay Swift geschrieben. Als letztes kam es nochmals zu einer Begegnung mit Dorothy Fields, welche die Lyrics zu dem von Jimmy McHugh komponierten Evergreen „On The Sunny Side Of The Street“ schrieb – ein letzter Beitrag des perfekten Duos Mette Nadja Hansen und Johannes von Ballestrem zum Kapitel „Wie Frauen den Jazz mitprägten“.

Beitragsbild: Mette Nadja Hansen und Johannes Ballestrem beim Schumannfest. Foto: Dietrich Schlegel

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