Das neue Projekt der Kölner Komponistin und Saxophonistin Katrin Scherer

Dass die Kölner Saxophonistin, Komponistin und Bandleaderin Katrin Scherer über eine eigenständige Klangsprache verfügt, hat sie längst bewiesen, in drei Alben unter eigenem Namen und etlichen mehr mit dem Saxophon-Kollegen Sven Decker. Und immer hat sie eigene Kompositionen vorgelegt, die sich nicht nur aus dem zeitgenössischen Jazz und der neuen improvisierten Musik speisen. Sie sind vielmehr auch beeinflusst von Kompositionslehren aus dem frühen 20. Jahrhundert, insbesondere   von Olivier Messiaens „Technique de mon language musical“, auf die Katrin schon beim Studium an der Folkwang Musikschule in Essen gestoßen war. Auch bei Arnold Schönberg und Edgar VarÄse findet sie „einen Fundus an Möglichkeiten handwerklicher Art, die mir beim Komponieren hilfreich sein können“, erläutert sie im Gespräch, in dem sie fortfährt: „Aber ich übernehme nicht direkt Elemente von diesen großen Komponisten, abgesehen von ganz wenigen ‚Auszügen‘ in einigen Stücken. Um jedoch eigene kompositorische Vorstellungen umzusetzen, mit denen ich mich von anderen Komponisten unterscheide, gibt mir die moderne Klassik viel mehr Handwerkszeug an die Hand, als wenn ich mich nur in der Geschichte des Jazz umschaue. Aber ich bin natürlich nicht Messiaen oder Schönberg, sondern ich lasse mich nur durch sie beeinflussen, um schließlich meine eigene Musik zu schaffen, die ebenso beeinflusst wird von der ganz anderen Musik, von Rock und Pop, die ich von Jugend auf gehört habe, und natürlich vom Jazz, denn ich bin ganz klar Jazzmusikerin!“  – von Dietrich Schlegel


Und dieses Bekenntnis drückt sie neben dem kompositorischen Teil des aktuellen, im November im Kölner LOFT live aufgenommenen und vor kurzem veröffentlichten Bandprojekts CLUSTER auch in den Improvisationen der zehn Stücke ihrer neuen CD aus. Hier brilliert sie auch solistisch auf dem Alt- und vor allem dem Baritonsaxophon, ihrem bevorzugten Instrument, für das sie sich bereits mit 17 Jahren entschieden hatte. Das erste Bariton war die Belohnung des Vaters für das „errungene“ Latinum. „Das Baritonsaxophon ist der Grund, warum ich Musik mache. Sonst wäre ich nie Profimusikerin geworden“, erklärt sie, um bescheiden anzufügen, das sie sich noch längst nicht als perfekt auf diesem Instrument betrachte, da gäbe es weitaus bessere wie z. B. Scott Robinson (spielt Bariton bei Maria Schneider) oder ihre Vorbilder Pepper Adams und den Schweden Lars Gullin, den sie schon als Schülerin bewundert hatte.

CLUSTER ist eine Projektband, wie alle ihre früheren und aktuellen Bands. Sie hat keine ständige eigene Band, sondern zieht es vor, jedes Projekt mit anderen Musikern zu bestreiten. Dieses Mal fiel ihre Wahl auf drei blutjunge Kollegen aus der Kölner Jazzszene, deren Fähigkeiten als Interpreten der kompositorischen Teile ihrer Stücke als auch als Improvisatoren sie begeistern. Da ist zuerst als zweiter Bläser der vielseitige und experimentierfreudige Posaunist Moritz Wesp zu nennen, der u. a. bei Nils Wolgram studiert hat. Es ist das erste Mal, dass Katrin eine Posaune in einer ihrer Bands exponiert, aber ihr war bei einer gemeinsamen Jam Session nach fünf Minuten klar, „mit dem mache ich die nächste CD“. Ihr gefällt, „dass Posaune eine Schnittstelle zur Basslage hat, gleichzeitig aber auch sehr hoch spielen kann und klanglich sehr ‚mellow‘ ist, sich immer gut mischt mit Saxophon, im Gegensatz zur Trompete, die in einer Band oft wie eine Primaballerina nach vorne will, wofür der Trompeter selbst gar nichts kann“.

Auch auf ein Piano verzichtet sie, wie immer in ihren Projekten, weil sie ein Harmonieinstrument als zu sehr einengend empfindet. Sie mag es transparenter, in den Harmonien nicht zu festgelegt. Dabei hilft ihr neben Moritz Wesp der klassisch ausgebildete und auch musizierende Kontrabassist Stefan Schönegg, dessen frappierendem Spiel auf seinem fünfsaitigen Instrument sich derzeit auch der urwüchsige Pianist Simon Nabatov für sein Trio bedient. Auch Tonmeister Markus Braun, der die CD gemixt und gemastered hat und selbst ein gefragter Bassist ist, war begeistert von seinem jungen Kollegen. Bleibt noch der Jüngste im Bunde, der Schlagzeuger Leif Berger, der gerade erst seinen Bachelor gemacht hat und – so Katrin – „spielt, als sei er schon ewig auf der Szene, mir ein Rätsel, über was für eine Bandbreite,  was für ein Vokabular er jetzt schon auf seinem Instrument verfügt“.

Die Projektband Cluster (v.li.): Kontrabassist Stefan Schönegg, Schlagzeuger Leif Berger, sowie Komponistin & Saxophonistin Katrin Scherer und Posaunist Moritz Wesp. Foto: Cluster

Diese Vier quellen schier über vor Spielfreude und Energie, wechseln zwischen kraftvollen Soundcollagen, experimentell freien Passagen und auch intimen lyrischen Bögen, wie gleich im ersten Titel „Rocket“, in dem ein anfangs turbulenter, dann beschaulich sanfter Flug  mit einer abrupten Landung endet. Im folgenden „Feinstoff“ lässt sich Katrins Arbeitsweise besonders gut heraushören. Aus einem komponierten Anfangsthema entwickeln sich erste Improvisationen, die in ein zweites, vom ersten unabhängiges Thema überleiten, woraus weitere Improvisationen entstehen, die wiederum in eine zumeist von allen Melodieinstrumenten getragene Coda münden – in diesem Stück aus kompaktem Unisono von Bariton, Posaune und Bass. In „Scratched sketches“ besticht Stefan Schönegg mit einem langen, zunächst unbegleiteten, später von den Bläsern gestützten Solo.

„For Marina A.“ widmete Katrin nach der Lektüre ihrer Autobiographie der Performancekünstlerin Marina AbramoviÄ  – „eine sehr beeindruckende Persönlichkeit, immer auf Stuhlkante, immer Rebellion!“ Dieser Wertschätzung entsprechend beginnt sie das Stück mit einem – so ihre Selbsteinschätzung – „wilden Altsax-solo“, dem Moritz Wesp mit einer lang gezogenen, fast monotonen Linie folgt, als wolle er den programmatischen Zeitbegriff der stundenlang unbewegt vor den Besuchern sitzenden AbramoviÄ in Tonsprache umsetzen. Der Rebellion der „Marina A.“ verleiht Leif Berger in seinem effektvollen Solo beredten Ausdruck. (Hier der aktuelle Hinweis: Die Bundeskunsthalle in Bonn zeigt vom 20. April bis 12. August die Ausstellung „Marina AbramoviÄ“, die alle Schaffensperioden der Künstlerin umfasst.)

Gewissermaßen erholsam kammermusikalisch schließt sich „Präludium“ an, eine klangschöne Elegie. Deren sicheren Boden verlässt die Band dann wagemutig im folgenden „Tightrope“, mit einem ausgiebigen, „leichtfüßigen“ Solo auf dem Bariton, zu dem sich eine luftig schwebende Posaune zu einem waghalsigen und dennoch eleganten Tanz auf dem Drahtseil gesellt. Danach folgt ein Rückzug in ein „Barn“, eine Scheune, wo es einigermaßen unheimlich growlt (Posaune), sirenenhaft singt (Altsax), knarzt und rumst (Schlagzeug), wummert und plingt (Kontrabass), bis sich die geheimnisvolle Sphäre in einem energiegeladenen gesamtinstrumentalen Gewitter auflöst.

In „Serenity“ zeigt Katrin ihr ganzes Können auf dem Bariton, gefolgt von einer fast zarten, mute gespielten Posaune, beides unterlegt von einem ständigen dynamischen Gegrummel von Schlagzeug und Kontrabass, dem noch ein schönes Solo gegönnt wird, „geschrieben wie die Cellosuiten von Bach“ (Katrin). Das Ganze verläuft in eine wohlklingende elegische Coda. „Wildes Mannle“ ist ein schnelles, hin und her wogendes, groovendes Stück mit schönen Soli und Kollektivimprovisationen, benannt nach einem Dreitausender in Tirol, den Katrin letztes Jahr bestiegen hat, „sehr beeindruckend, aber auch ganz schön hart am Ende“. Das hält sie nicht ab, sich in diesem Jahr die Alpenüberquerung vorzunehmen, „aber ich wähle“, erklärt sie verschmitzt lachend, „die einfachste Route: Oberstdorf-Meran“. Welches Jazzstück mag daraus entstehen? Den Abschluss der CD bildet „Snails“: „Da schleichen wir uns rein und wieder raus“, aber mit einem für diese Spezies erstaunlich flotten Schlussspurt.

CLUSTER erscheint auf GREEN DEER MUSIC, Katrin Scherers schon vor Jahren gegründetem eigenen Label, das zu bespielen zwar einigen organisatorischen und technischen Aufwand erfordert, aber doch auch Unabhängigkeit gewährt, und die vielfältigen professionellen Vertriebswege können auch von Einzelpersonen genutzt werden. Natürlich kann auch sie nicht vom CD-Verkauf ihren Lebensunterhalt bestreiten, dazu bedarf es Einnahmen aus festen Lehraufträgen, die sie an der Folkwang Musikschule und Hochschule ausübt. Unterrichten empfindet sie aber nicht als Last, sondern erfüllt sie vollauf, auch wegen des Feedbacks der Schüler und Studierenden, vor allem der begeisterungsfähigen Kinder. Aber CDs hält Katrin als Dokumentation ihres Schaffens und als Visitenkarte für Konzertveranstalter und –besucher nach wie vor für sinnvoll. Als Jazzmusikerin ist sie kompromisslos, geht nicht den leichten Weg von Gigs hier und da, wovon sie mit ihren Fähigkeiten als Saxophonistin vielleicht einigermaßen gut leben könnte. „Nein“, betont sie selbstbewusst, „ich mache Kunst. Und wenn ich auf der Bühne stehe, dann ist das Kunst.“ Übrigens auch im Sinne bildender Kunst, denn auch die Cover ihrer CDs, die Flyer und das Marketing gestaltet sie selbst –  nicht nur mit ihrem musikalischen Schaffen eine wahre Grenzgängerin.

Katrin Scherer’s CLUSTER Quartett, c + p 2018 by GREEN DEER MUSIC
Vertrieb: www.office4music.com; www.amazon.de; www.cdbaby.com; www.itunes.com

 

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