Musikalischer Flash Back: Miroslav Vitous und seine Zeit mit Weather Report

DSC06358Von Stefan Pieper – Die frühen Weather Report klangen etwas anders als in jener „Hochphase“, in der unter Mitwirkung des E-Bassisten Jaco Pastorius die Meilensteine wie „Black Market“ oder „Heavy Weather“ entstanden, allesamt Beispiele einer stilistischen Geschlossenheit und hoher Eleganz, die diese Platten auch heute noch unübertroffen sein lässt. Die frühe Phase unter Mitwirkung des Bassisten Miroslav Vitous stehen eher für eine experimentelle Offenheit – vor allem hat hier die Mitwirkung einiger Weather-Report-Mitglieder in den einschlägigen Miles Davis-Gruppen spuren hinterlassen – vieles ist hier an „In a Silent Way“ oder „Bitches Brew“ noch sehr nah dran.

Miroslav Vituos, auch heute nach wie vor ein unermüdlich kreativer Musiker blickt auf seiner aktuellen ECM-Veröffentlichung mit einem spielfreudigen Sextett und aus heutiger Perspektive auf dieses Material. Vor allem geht es hier ums kreative Weiterdenken im Sinne einer weiter gewachsenen improvisatorischen Freizügigkeit. Für größtmögliche Dichte beim Zusammenspiel sorgt hier allein das Konzept einer „Double Band“ – also mit gleich zwei Schlagzeugern (Gerald Cleaver und Nasheet Waits) und jeweils einem Saxofonisten, sauber links und rechts im Hörspektrum angeordnet, versteht sich (Gary Campbell und Roberto Bonisolo)!


Das ist schon Grundlage genug, dass die Musik wie in einem Hexengebräu unberechenbare Siedepunkte ansteuert. Zuhauf leben einschlägige Klangfarben, die auf diese innovative Phase der Musikgeschichte verweisen und zum bewährten Markenzeichen vieler ECM-Produktionen wurden. So etwas erobert hier in neuen, denkbar freien Strukturen den Raum, vor allem diese psychedelisch verzerrten E-Bass-Läufe und flirrende Sirenengesänge auf dem gestrichenen Bass, teilweise in hohen Flagolett-Registern. Vitous selbst agiert im Zentrum dieser Konstellation und mit grandioser Spielfreude. Ebenso wenig fehlen elegant modulierende Synthesizerlinien und latent psychedelische Flächenklänge (Keyboards: Aydin Esen).

Sämtliche aufgebotenen Referenzen sind ein Sprungbrett für Neues: Vitous und seine Mitmusiker zerlegen und variieren etwa Scarlett Woman, Seventh Arrow oder das Wayne-Shorter-Stück „Pinoccio“, in welchem freie Strukturen einer totalen metrischen Auflösung auf die Spitze getrieben werden. Überhaupt blitzen immer wieder zeitlos geniale kompositorische Ideen in neuen Kontexten auf, bevor lustvoll in kühnen Kollektivimprovisationen interveniert wird.

Mit so viel intelligent praktizierter Offenheit erstrahlt dann auch das Stück Birdland (eines der totgecovertsten Stücke in gängiger Jazzpraxis) wieder in ganzer Frische und einem ausgeprägten Händchen zur verspielten Variation. Wer genau hinhört, entdeckt ein erstaunliches Detail: Bevor Vituos auf dem stark verzerrten Bass das erste Birdland-Thema intoniert, schickt er eine kurze, filigrane Wendung voraus, die exakt dem Thema aus Dvoraks berühmtem Cellokonzert entspricht. Ein Zufall? Oder spielt der gebürtige Prager, der 1966 in die USA emigrierte und 1988 nach Europa zurück kam hier auf einen großen böhmischen Landsmann aus der Vergangenheit an?

Mirouslav Vitou: Music of Weather Report

ECM Records 2016

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