CD-Rezension: Grencsó Open Collective »Flat«

Improvisatorische Kraft, die Freude machtgrencso_cover

Von Mathias Bäumel – Wer glaubt, der Titel »Ivan’s Childhood« auf der vorliegenden CD »Flat« des Grencsó Open Collectives bezöge sich auf den gleichnamigen, ersten abendfüllenden Film von Andrej Tarkowski, der irrt. Gewidmet ist dieses Stück dem 1946 geborenen ungarischen Musiker (Gitarre, Flöten, Perkussion), Volksmusikforscher und Musikpädagogen Iván Nesztor. Nesztor hat viele seiner etwas jüngeren Musikerkollegen in Ungarn beeinflusst – sowohl durch seine Lehrtätigkeit – inklusive seiner Lehrbücher zum Jazzschlagzeug – als auch durch gemeinsames Musizieren.


Als Deutscher ein ganzes Stück vom ungarischen Musikleben entfernt, weiß ich nichts darüber, wie Nesztors Kindheit verlaufen ist. Hört man das Stück, scheint sie sehr lebendig gewesen zu sein: Eine warm klingende, kräftige Bassklarinette skizziert eine optimistische, wie Zeichentrickfilmmusik wirkende Melodie, die immer mehr durchsetzt wird von skurrilen Ragtime- und Boogie-Phasen, schnellen melodischen Fetzen und verzögert durch rhythmische Dehnungen, bis die Musik in spielerische Tollheiten mündet.

Was in diesem Stück im Kleinen erklingt, steht auch für das Ganze der CD. Stilisiert Altes steht im Kontrast zu forcierten, modernen, individuellen Soli, kräftige, vor allem stets sehr melodisch improvisierte Saxofonlinien werden gebrochen von splittrigen Piano-Clustern. Auch wenn das Tenorsaxofon des Bandleaders wunderbar kräftig und sonor klingt, sollte sein Querflötenspiel nicht vergessen werden – das gibt dem Ganzen nicht nur einen weiteren, bereichernden Farbtupfer, sondern besticht wirklich durch seine melodische Qualität! Künftig bitte mehr davon!

Sympathisch und fast erwartet gibt es auch mit »Csinálosi erdön« eine Hommage an György Szabados. Das Stück mit dem im Dialekt formulierten Titel (eigentlich müsste es heißen »Csanálosi erdön«) ist eine Volksmelodie aus der Region Szatmar im Westen der Maramuresch; sie ist in den Sammlungen von Béla Bartók und Zoltán Kodály enthalten. Der gedankliche Sprung zu Szabados ist da nicht sehr weit.

Alles in allem: Die CD besticht durch phantasievollen zeitgenössischen Jazz mit zauberischen Melodien, einem klanglichen Abwechslungsreichtum und einer improvisatorischen Kraft, die Freude macht.

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