Audience Development (9) – Weitere Ideen…

1) Wohnzimmer- und Proberaumkonzerte


Zu Beginn dieser Blogreihe diskutierten Dutzende Jazzmusiker auf Facebook über das Für und Wider zahlreicher neuer Konzertreihen, die dem Publikum freien Eintritt und den Musikern statt Gage die Einnahmen aus freiwilligen Spenden „bieten“. Eine Vielzahl dieser Konzertreihen wurde von den (zumeist jungen/ studentischen) Musikern selbst ins Leben gerufen, was mich zu einem Unterlassungsappell veranlasste. Der Wunsch, möglichst viel spielen/ konzertieren zu wollen, ist dagegen ebenso verständlich wie unterstützenswert.

Vielleicht wäre folgender Vorschlag eine Überlegung wert: Ladet eure Familie, eure Freunde oder eure Kollegen ein und macht ein Wohnzimmer- oder Proberaumkonzert. Habt einen netten Abend, probiert neue Sachen aus, macht einen Audio- und/oder Videomitschnitt, bittet um und bekommt wertvolles Feedback, lernt nebenbei ein wenig die Veranstalterseite kennen. Was hat warum funktioniert und was nicht?
So könnt ihr vor Publikum auftreten, eure Musik und euren Auftritt verfeinern, ausgehend von eurem direkten Umfeld Freunde und Förderer eurer Musik gewinnen, ohne dass ein Überangebot an unterprobten Gratiskonzerten im öffentlichen Raum euch das eigene (Über-)Leben erschwert, die musikalische Qualität verwässert und falsche Signale an das Publikum sendet.

2) Straßenmusik

Klar, auch bei der Straßenmusik bleibt die Gage auf freiwilliger Spendenbasis. Aber: wenn der Club leer ist, ist er leer – draußen sind die Passanten wenigstens gezwungen, euch zu bemerken.
Zudem vermeidet ihr die merkwürdige Diskrepanz zwischen „für die Musik zahlen ist freiwillig“ und „…aber die Getränke kosten natürlich“. Es gibt auch keinen Haustechniker, dessen Abendhonorar euer eigenes bei weitem übersteigt.
Eignet sich eure Musik zur Straßenmusik? Probiert es doch einfach mal aus und schaut, was passiert!*

3) spontane Interventionen im öffentlichen Raum

In den letzten Jahren haben auch die Jazzmusiker das Prinzip Flashmob für sich entdeckt: ob als Werbeaktion für ein Festival, zur Feier des UNESCO Weltjazztages oder um auf die lebendige Jazz-Szene der Region aufmerksam zu machen. Bei aller Spontaneität – je besser diese scheinbar zufälligen Zusammentreffen geplant und geprobt sind, desto größer der Effekt. Warum, wofür oder wogegen findet der Flashmob statt? Soll er dokumentiert werden – und wenn ja, wie? Was wünscht ihr euch vom Publikum, was möchtet ihr ihm wie mit auf den Weg geben?

„Intervenieren“ könnt ihr natürlich auch alleine – sei es durch öffentliches Üben im Zug oder Alphornspielen auf dem Mittelstreifen einer viel befahrenen Bundesstraße.

4) Überraschungskonzerte

Aus Norwegen hörte ich von der Idee, Konzerte an ungewöhnlichen Orten zu veranstalten und vorab nur die Zeit und den Ort, nicht aber das Programm bekannt zu geben. Die Zuhörer sind also eingeladen, sich überraschen zu lassen – und können so unvoreingenommen mit der Musik konfrontiert werden. Die meist mehreren Musikbeiträge eines Abends können und sollen stilistisch durchaus weit auseinander liegen; Hauptsache, die Qualität stimmt.
Die muntere Genremischung scheint den Geschmack eines breiten Publikums zu finden.

5) Hörstündchen

In gewisser Weise eine Abwandlung des Wohnzimmerkonzerts, nur mit Musik aus der Konserve – beim „Hörstündchen“ präsentiert ein Jazzmusiker dem Publikum Schätze aus seiner Plattensammlung. Eine Zusammenstellung seiner eigenen Lieblingsmusik ist ebenso denkbar wie Auswahlen zu einer bestimmten Epoche oder einem (musikalischen oder außermusikalischen) Oberthema. So kommen die Zuhörer nicht nur in den Genuss spannender, für sie möglicherweise neuer Musik, sie erfahren auch mehr über den Jazzmusiker, sein Wissen, seine Persönlichkeit und seine musikalischen Vorlieben.

* (… sagt der etwas neidische Pianist, dessen Instrument immer zu unhandlich für Straßenmusik war.)

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2 Kommentare

  1. Ich bin hier über die ersten Sätze gestolpert und bin immer froh, wenn Menschen in Bezug auf den „Eintritt frei Wahn“ die gleiche Meinung vertreten wie ich. Ich bin selbst Musiker und versuche bei den Kollegen Überzeugungsarbeit zu leisten … leider selten mit Erfolg. Ich reagiere auf Konzerteinladungen mittlerweile so: “ Ich komme gern zu euren Gigs, aber nur wenn ich Eintritt zahlen muss.“ Der Satz ist alt und abgedroschen, dennoch nicht weniger wahr: „was nichts kostet ist nichts wert!“

    1. Bitte um Entschuldigung, aber diesen Satz: „Was nichts kostet, ist nichts wert“ kann ich nicht mehr hören. Die wertvollsten Dinge im Leben wie Freundschaft, Liebe, Zuneigung, Fürsorge (in ungewerblicher Form), sind allesamt kostenlos. Normalerweise. Was etwas kostet, hat einfach vor allem eines: einen Preis. Brecht hat das ja wunderbar in einem Gedicht über Angebot und Nachfrage zusammengefasst: „Weiß ich, was ein Mensch ist? / Weiß ich, wer das weiß! / Ich weiß nicht, was ein Mensch ist / Ich kenn nur seinen Preis.“

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