Improvisation über Improvisation #10

Jazz ist eine stilvolle Zelebrierung des musikalischen Moments. Am liebsten in Gesellschaft. Um den Moment zu feiern, bedarf es theoretisch nicht viel. Über je mehr Wissen man verfügt, und je direkter man dieses Wissen im Moment abrufen und auf sein Instrument übertragen kann, desto mehr hat man – wiederum theoretisch – in diesem Moment zu sagen.
Was man davon dann tatsächlich sagt, ob man überhaupt etwas sagt, hängt von den eigenen Entscheidungen ab. Ist man abwartend oder impulsiv, kontrolliert oder ausgelassen, wortkarg oder redselig, sicher oder unsicher? Möchte man bestimmen oder mitmachen, zustimmen oder widersprechen… ? Und vor allem – ist man an jedem Tag gleich? Stehen nicht jeden Tag wieder andere Charaktereigenschaften im Vordergrund, abhängig davon, wie man sich gerade fühlt, was man erlebt hat, was man sich wünscht?


Doch halt – ich sprach eingangs davon, Wissen abrufen zu können. Das klingt nach bewussten Entscheidungen. Der amerikanische Autor Malcolm Gladwell veranschaulicht in seinem Buch „Blink“ eindrucksvoll, wie viel schneller und effektiver wir Entscheidungen treffen, wenn wir unseren Instinkten vertrauen und uns auf unser Un(ter)bewusstsein verlassen.
Auf unsere Instinkte können wir uns jedoch dann am besten verlassen, wenn wir aufgrund der Summe unserer eigenen Erfahrungen davon überzeugt sind, dass wir im gegebenen Moment wirklich etwas zu sagen haben. (Die Ausnahme bildet der Instinkt, nicht zu spielen, sondern abzuwarten, bis man wieder etwas Substanzielles zum „Gespräch“ beitragen kann.)

Neben den instrumentalen Fähigkeiten gilt es also auch, die Qualität und Überzeugtheit seiner Entscheidungen zu verbessern. Absolute Begriffe wie „richtig“ oder „falsch“ sind im Jazz fehl am Platz – es gibt nur gute und weniger gute Entscheidungen.
Hinzu kommt die eben angesprochene „Summe der eigenen Erfahrungen“, von denen nur ein kleiner Teil direkt mit der Musik, der größte Teil mit dem Leben an sich zu tun hat. Wayne Shorter formuliert es so: „Music is a small drop in the ocean of life.“

Das landläufige Urteil, im Jazz ginge es darum, dass jeder seine „persönlichen Gefühle“ äußern könne, wird oft abschätzig bewertet – „da spielt doch jeder, was er will“. Abgesehen davon, dass ich es für ein Privileg halte, wenn jeder machen kann, was er will, und man dennoch zu guten gemeinsamen Ergebnissen kommt, ist der Ausdruck persönlicher Gefühle nur ein kleiner Teil des Reizes, den Jazz für mich ausmacht. In der Musik offenbaren sich viele Persönlichkeitszüge der beteiligten Musiker, und diese Persönlichkeiten sind nicht selten faszinierend. Jazz ist personality music im besten Sinne. Um es mit Pat Martino zu sagen: „Jazz ist keine Musik, die Du analysierst, sondern der Jazz analysiert dich.“

In seiner Fähigkeit, gewaltfrei ein Höchstmaß an individueller Freiheit, Entfaltungsmöglichkeit und Gleichberechtigung innerhalb heterogener Gruppen zu gewährleisten, besitzt der Jazz eine utopische Kraft, die ihresgleichen sucht. Die Existenz eines solchen Modells kann für jede denkwillige Gesellschaft nur förderlich – und damit förderungswert sein.

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