Jazz ist Begegnung – das 32. Südtirol Jazzfestival zwischen Coax-Kollektiv und Chick Corea

 

Thank you Klaus – wenn Rapper Baba Israel sich während eines Open Air-Konzerts am Ufer des Talfer beim Festivalchef Klaus Widmann bedankt, dann hat das nichts Artiges an sich, sondern ist authentisch. Und wenn sich später Israel, Keyboarder Jason Lindner, Drummer Justin Tyson und Bassist Andreou Panagiotis beim Publikum mit einer 20-minütigen feurigen Tanzsession bedanken, dann ist auch das alles andere als Dienst nach Vorschrift. Nicht nur bei diesem exzellenten Auftritt der New Yorker Electro Groover wurde deutlich: Die kompromisslose Leidenschaft des Festivalmachers Klaus Widmann spiegelte sich stets auch in den Beiträgen und in der Verve der eingeladenen Künstler zum 32. Jazzfestival Südtirol Alto Adige.


Wie schon in früheren Jahren galt es, Gefäße zu befüllen wie Jazz and the Mountains, Jazz and Arts, Jazz and Culture meets Economy, Jazz and Education, Jazz and Wine, Jazz meets Busoni oder Jazz Euregio mit Konzerten in Innsbruck und dem Trentino sowie Jazz meets Film.

Hinter diesen Überschriften verbirgt sich nicht nur ein abwechslungsreiches und mit wenigen Ausnahmen fast immer qualitätsvolles Programm, sondern auch ein ausgeklügeltes Finanzierungs-, Sponsoring- und Organisationskonzept für ein Festival, dass sich eine Woche lang Bozen, Meran, Bruneck, Brixen, Sterzing und vielen anderen Orten über ganz Südtirol erstreckt. Neu dazugekommen war dieses Jahr ein Ausflug ins Trentino, genauer ins kymbrische J’atz Lusérn, einer zimbrischen Sprachinsel, wo heute noch eine vor etwa 1.000 entstandene südwestbayerische Mundart gesprochen wird. Das Südtirol Festival erinnerte mit diesem Konzert mit drei Auftragskompositionen auch an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren, das die Hochebene von Lusern nach dem Kriegseintritt Italiens zu einem umkämpften und verwüsteten Gebiet machte.

Neu war auch die Saslonch Suite, ein hochalpin-musikalisches Herzensprojekt von Widmann, dass zwar die meisten Ressourcen verschlang, immer von schlechtem Wetter bedroht war, aber bei Zuschauern und Akteuren Hochgefühle wie bei einer Erstbesteigung hinterließ. Mehr dazu im Artikel Egalité – Liberté -Virtuosité unter www.jazzzeitung.de. In diesem Text stellte Oliver Hochkeppel bereits den Frankreichschwerpunkt des diesjährigen Südtirol Jazzfestivals vor. Dass neben neben prominenten Namen wie Papanosh oder Vincent Peirani zwei Drittel aller Musiker aus Frankreich kamen, war nur möglich mit Hilfe des Musikerkollektivs Coax. Der Gitarrist Julien Desprez, der Schlagzeuger Yann Joussein, die E-Harfenistin Rafaelle Rinaudo und andere gründeten dieses Musikerpool erst vor vor wenigen Jahren. Inzwischen gingen daraus zahlreiche Besetzungen vom Solokonzert bis zum Orchester hervor. Coax steht nicht nur für jungen, innovativen Jazz, sondern auch für eine neue Art, das sperrige Produkt Jazz zu vermarkten. Denkbar ist der Erfolg dieser Initiative nur durch die im Vergleich zu Deutschland vorbildliche staatliche Exportförderung der jungen Musiker. Den einen oder anderen Namen wird man auch in Zukunft hören werden – und zwar nicht nur in Frankreich.

Postscriptum: Altmeister Chick Corea und (Mit-)Gründervater des Jazzrock beschloss das Südtirol Jazzfestival Alto Adige mit einem Duokonzert mit dem Bassisten Stanley Clarke in Sterzing. Das Duo spielte vor erstaunlich kenntnisreichen Fans zunächst Songs der ersten beiden Return to Forever-Alben, wenig straight, die Themen eher eingestreut in sessionhafte Passagen, kein Rhodes, nur Flügel, Stanley teils mit mächtigem Hall-Sound. Dann „Waltz For Debbie“, „Romantic Warrior“ (fürs Duo weniger geeignet, vielleicht deshalb „Song For My Father“ mit eingebaut) und schließlich  „Armando’s Rhumba“. Chick Corea spielt solo Scriabin Prelude No.4 (1888), verließ dabei den Notentext und improvisiert respektvoll. Es folgten noch „No Mystery“ (auch das nicht ideal fürs Duo). Zugabe: „Spain“ mit Passagen zum Mitsingen/klatschen.
Die Stärke des Konzertes waren nicht zuletzt die unverwüstlichen Kompositionen. Auch wenn sich „Produktionshalle Pistenfahrzeuge der Leitner Group“ als Konzertort zunächst nüchtern anhört, die Akustik und die Atmosphäre waren gut. (kvs)

Alle Fotos von Susanne van Loon (ausgenommen J’atz Lusérn (Südtirol Jazzfestival Alto Adige)

 

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