Improvisationen über Improvisation – Einleitung

Die Improvisation ist ein zentrales Merkmal des Jazz. Sie ermöglicht es den beteiligten Musikern, trotz wenig vorgeschriebenem Material oder sogar ganz ohne auskomponierte Vorlage sinnvoll miteinander zu musizieren.


Entgegen einer landläufigen Meinung hat Improvisation absolut nichts mit Beliebigkeit zu tun. Dass das für ungeübte Ohren bisweilen so klingen mag, ist nachvollziehbar, macht diese Meinung aber nicht weniger falsch. Es ist nicht egal, was wer wann spielt – auch und gerade im Free Jazz nicht. Um zu verstehen, warum das so ist, lohnt sich der Blick auf die verschiedenen Spielformen des Jazz.

Eine seit den Anfängen bis heute sehr gängige Form ist die Improvisation über eine feststehende Vorlage, bei der die Akkordfolge (die „changes“) einer Komposition als Grundlage für die Improvisation dient. Ob diese Komposition ein einfacher Blues, ein Song aus einem Broadway-Musical oder ein komplexes Instrumentalstück ist, spielt dabei keine Rolle.
Im Normalfall sind hier viele der wesentlichen musikalischen Parameter festgelegt: harmonischer Verlauf, Melodie und gegebenenfalls Text des Stückes, rhythmisches Metrum; oft auch Tempo, Stilistik, Grundstimmung und Arrangement. Bei letzterem erfreut sich das Modell Anfangsthema – Improvisation(en) – Schlussthema besonderer Beliebtheit.

Bereits diese „Standardform“ hat Generationen von Jazzmusikern zu immer neuen Entdeckungen inspiriert. Hier beispielsweise drei Versionen des Stückes „Body and Soul“ (komponiert 1930), jeweils von einem Tenorsaxofonisten gespielt. Gleiches Stück, gleiche Akkordfolge, gleicher Ablauf (Thema – Improvisation – Thema) – und dennoch sehr unterschiedlich gespielt.

      Coleman Hawkins (1939)
| John Coltrane (1960) | Joe Henderson (1993)

Viele Jazzmusiker sind getrieben von dem Wunsch, engen Rahmen zu entkommen, Grenzen zu verschieben und Neues zu entdecken.
Wie entdeckt man Neues? Indem man Altes in Frage stellt, es dekonstruiert, in neue Kontexte einbindet und frische Impulse einfließen lässt. Gewohn- und vermeintliche Gewissheiten, selbst die liebgewonnenen, über Bord wirft. Und dann schaut, was passiert.

Aus diesem Wunsch heraus wurden im Laufe der Jahrzehnte nicht nur innerhalb der oben beschriebenen „Standardform“ Grenzen ausgelotet und verschoben, sondern sämtliche verfügbaren Parameter kamen auf dem Prüfstand: Braucht man festgelegte Harmoniefolgen? Braucht man überhaupt ein Thema? Einen konstanten Rhythmus? Muss man in der selben Stilistik verweilen? Wozu eigentlich Musiker auf der Bühne?

So entstanden unzählige Mischformen, bei denen die Improvisation mal mehr, mal weniger die Hauptrolle spielte und die doch alle zurecht Platz in der großen Schublade Jazz gefunden haben. Gegen Wertungen, Dogmen und Eingrenzungen war der Jazz stets immun. Duke Ellington hat ihn treffend als „music beyond category“ definiert.

Da Musik für mich wie eine eigene, nonverbale Sprache funktioniert, in der ich sprechen, diskutieren, fantasieren kann, werde ich in den folgenden Wochen und Monaten eine Reihe von (verbalen) Improvisationen rund um das Thema Improvisation schriftlich festhalten. Mal mit konkreter Vorlage, mal aus dem Moment heraus; mal wissend, was ich tue, mal spontan und unvorbereitet.

Ich bin sehr gespannt, was dabei herauskommt und freue mich auf zahlreiche Mitleserschaft!

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