Jazzfest 2013 – Michael Wollny und Abraham Inc. – Strenge Extase vom Main und New Yorker Kraftschmelze

Ein musikalischer Höhepunkt des diesjährigen Festes. Denkbar verschieden die beiden Auftritte, packend waren sie auf beide Weisen. Die Wunderkammer XXL des Michael Wollny mit Tamar Halperin & der hr-BigBand kochte kompositorische Konstruktion hoch, Abraham Inc. feat. David Kracauer, Fred Wesley, socalled and others, schmolz sie im Party-Tiegel ein und ließ den Saal beben


Strenge Extase (Michael Wollny / Tamar Halperin & die HR-BigBand)

Wollnys Wunderkammer-Kompositionen mit dem von Tamar Halperin ergänzten Tasteninstrumenten-Konvolut (Celesta, Cembalo, Quetsche) haben ja eine ganz eigene Tonsprache. Diese spielt häufig mit Akkordbrechungen aus Terz- und Quartentürmen, in gebrochenen Rhythmen. Die Musik spiegelt sich in den Musikern. Daraus wird eine präzis unscharfe Binnenharmonik gezogen, ähnlich wie ein Zwiefacher. Das haut einen um, zumal wenn Wollny mehr oder minder komplex und instantan komponierte Soli dazwischen setzt. Jetzt kommt mit den Arrangements von Jörg Achim Keller die hr-BigBand in Spiel. Mundgeblasene Kaskaden von den Bläsern fügen sich hinzu, mit dem Schlagzeug wird die Musik durchlöchert. Das fegt einem Orkan gleich durch den Raum.

Fotos: Petra Basche

Man liest häufig, das erinnere an Filmmusik. Das stimmt. Der Einsatz des Cembalos trägt dazu bei. Von Miss Marple bis Edgar Wallace, dazu BigBand-Sounds wie man sie in Fernsehfilmen der 60er Jahre vernahm. Das sitzt bei denen, die es noch kennen, tief. Ebenso wie diese Terzen- und Quartentürme, die an das Berg’sche Violinkonzert wie den Anfang an die erste Kammersymphonie Schönbergs erinnern lassen. Stummfilmwelt, expressionistisch. Alles zusammen ein musikalischer Moloch, der sich umwälzt. Mittendrin dann Passagen, heikelster Ausdünnung, zierliches Tongewebe. Der Hörsinn wird gefordert und mitgerissen.

Breaking Party (Abraham Inc. feat. David Kracauer, Fred Wesley, Socalled and others)

Nach der Pause dann die große musikalische Suppe. Ein Stück NewYorker Weltmusik. Jazz, Funk, Klezmer, Hiphop! Eine Mischung, die, anders als bei Joachim Kühns Africa-Projekt zusammengewachsen ist. Befruchtende Koexistenz, jeder kann alle Genres bedienen. Sie kosten es aus, sie rocken, sie haben Spaß an der Musik, sie müssen niemandem etwas beweisen. Innen drin dann auch mal eine Krachepisode, eine Trauermusik, der Posaunist Fred Wesley als Storyteller, Fred Kracauer mit fast hörnerv-destruierendem Klarinetten-Solo. Socalled schleift den Sampler.

Am Rand rechts C-Rayz Walz, der Rapper, der Kommunikator und Übersetzer – formiert schon mal seine Hände zu einem Herz – er walkt den Moon. Es ist gerade so, als wären seine Bewegungen ein eigenes Instrument.

Fotos: Petra Basche

Am Ende Mitmachmusik. Ich habe mir sagen lassen, das habe es wohl noch nicht gegeben auf dem Jazzfest, dass die Leute im Publikum aufstehen und in der Tat wirklich bewegt sind. Sie drehen sich, sie tanzen, wie wippen, haben Laune. Der Kessel brennt zwar nicht, aber er köchelt, so gut das eben in diesem Raum geht.


Das Grau des Tages ist passé. Die Wollnyschen Kabinettstückchen auf der einen Seite mit ihren Lichtbrechungen, die feine Farbauflösungen hervorbringen auf der einen Seite, auf der anderen die kulturell gesättigte Musik, voller Lebenssaft. Warum auch soll Musik nicht mal die Sau raus lassen dürfen. Warum soll Musik nicht zeigen dürfen, dass sie Teil der Lebenswelt ist. Tweettweet.

Martin Hufner

PS: Impressionen Martin Hufner

Impression Tag 3. Foto: Hufner
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