Beruf: Jazzmusiker (2) – Über Wert und Wertschätzung

Mit der rasanten Entwicklung des Internets ist Musik im 21. Jahrhundert zu einer Massenware geworden, von der mit großer Selbstverständlichkeit erwartet wird, dass sie immer und überall verfügbar ist, und das am besten kostenlos. Geschäftsmodelle wie Youtube und Spotify, die erst vor wenigen Jahren gegründet wurden, befeuern diese Umsonstmentalität und haben innerhalb kürzester Zeit zu einer massiven Umstrukturierung der gesamten Musikindustrie geführt. Es gibt kaum noch Plattenläden; die Anzahl der Labels hat sich merklich reduziert, und die Konditionen, zu denen wir Musiker dort Plattenverträge bekommen, sind drastisch schlechter geworden. Stattdessen wird der größte Umsatz mit Musik heutzutage von fachfremden Unternehmen gemacht: Technologiefirmen wie Apple und Internetkaufhäuser wie Amazon können es sich aufgrund ihrer dominanten Marktposition leisten, so lange an der Preisspirale zu drehen, bis alle Mitbewerber aus dem Rennen geworfen sind.


Wenn aber der „Wert“ eines Stücks Musik, dessen Herstellung oftmals sehr viel Zeit und Geld gekostet hat, auf Null sinkt, wird nicht nur dem Urheber jegliche Geschäftsgrundlage entzogen.

Etwas anderes sinkt gleich mit in Richtung Nullpunkt: die Wert-Schätzung von Musik durch den Hörer (der inzwischen leider häufig Konsument genannt wird). Wohin das führt, lässt sich überall beobachten – nahezu jeder hat inzwischen viele Tage an Musik auf seinem Rechner, iPod oder Handy gespeichert, auch wenn ihm davon vermutlich nur ein sehr geringer Teil wirklich wichtig ist. „Musikflatrates“ appellieren an die Gier der Konsumenten (bzw. an ihren Geiz, was aber zwei Seiten der gleichen Medaille sind). Im öffentlichen Raum wird es zunehmend schwierig, überhaupt Orte ohne (Hintergrund-)Musik zu finden.

Wie sollen wir etwas wertschätzen, das ständig im Überfluss vorhanden ist, das wir immer und überall in beliebiger Menge kostenlos konsumieren, „because we can“? Atemluft schätzen wir im Regelfall auch nur dann, wenn sie uns fehlt. Im Gegensatz zur Atemluft aber wird uns Musik nicht von der Natur geschenkt, sondern von Menschen in harter und langwieriger Arbeit erdacht und ermöglicht. Wenn sich die Arbeitsbedingungen weiter verschlechtern, wird die große Mehrheit der Musiker bald nicht mehr in der Lage sein, ihrer Arbeit, ihrer Bestimmung, ihrer gesellschaftlichen Funktion nachzugehen – und ihre Musik, ihr ganz persönlicher Beitrag zum Wohlergehen unserer Gesellschaft, würde uns fehlen.

Ich kenne niemanden, der gegen Musik ist; es findet sich vermutlich auch kaum jemand, dem Musik egal ist. Ich bin mir sicher, dass die große Mehrheit der Bevölkerung nichts gegen Musiker hat und deren Leistungen für die Gesellschaft durchaus anerkennen möchte. Deshalb muss schnellstmöglich ein gesellschaftliches Umdenken stattfinden: Weniger Bequemlichkeit, mehr Mitdenken. Weniger Umsonstkultur, mehr Wertschätzung. Weniger Konsum, mehr Hörgenuss.

Wir brauchen Musik zum Leben – also müssen wir die Voraussetzungen für ihre Entstehung schaffen und erhalten.

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8 Kommentare

  1. Ich finde, Du hast viele Punkt angesprochen, die alle richtig sind. Aber ich glaube auch, ein bisschen ist das gelogen.

    1. Man muss gerade auch im Jazz zur Kenntnis nehmen, dass einfach die Anzahl der MusikerInnen enorm zugenommen hat in den letzten 20-30 Jahren in Deutschland. Es gibt Jazzstudiengänge an viel mehr Hochschulen als damals. Und die MusikerInnen werden auch „besser“, was immer das heißen mag.

    2. Flatrates appelieren erst einmal an gar nichts. Ich erinnere mich noch an die Musikflatrate in meiner Stadtbibliothek – Noten, Platten, Bücher. Ich kann nicht sagen, ob mir das so sehr geschadet hat. Im Gegenteil es hat mich (neu-)gierig gemacht.

    3. 1963 schrieb Edgar Wind in „Kunst und Anarchie“ den berückenden Satz: „Machen wir uns nichts vor: Kunst ist unbequem, ganz besonders für den Künstler selbst.“ Auch daran hat sich wenig geändert.

    4. Man geht nicht mehr aufs Ganze: Wind schrieb im gleichen Buch: „Wenn die Kunst wieder eine Rolle im Zentrum unseres Lebens spielen soll, so wird sich zunächst einmal unser Leben ändern müssen, ein Vorgang, der von Künstlern und Kritikern allein nicht abhängt.“ Daran finde ich ist nun wirklich viel: Im Moment scheint mir eher der Erklärbär unterwegs, wo man Musik an wen ranbringen will. Ein letzter Verfall. Aufs Ganze gesehen ist das nur ein Verpflegen von Wunden. Das ist in deinem letzten Satz ja enthalten. Müsste man jetzt noch ausführen. …

  2. Hallo Huflaikhan,

    vielen Dank für Deinen Kommentar.

    zu 1.) Das stimmt alles, aber worauf willst Du hinaus? Ist doch toll, wenn es mehr Musiker gibt, die immer besser werden! Die Musik kann dadurch nur gewinnen.

    zu 2.) Du vergleichst Äpfel mit Birnen. Die Stadtbibliothek ist kein gewinnorientiert arbeitendes IT-Unternehmen, sondern eine öffentlich geförderte kulturelle Einrichtung. Natürlich hat Dir als Hörer die Musikflatrate nicht geschadet, und (Neu-)Gier hat ausdrücklich auch positive Seiten.
    Im heutigen Wirtschaftskontext wird das „Neugier wecken“-Argument aber doch stets ins Feld geführt mit dem Zusatz, die Leute würden durch dieses Angebot auf die Künstler aufmerksam und sich deshalb dann CDs kaufen. Tut aber niemand, wenn kein Zwang mehr besteht, weil eh alles kostenlos verfügbar ist.

    zu 3.) Diesen Satz kann ich nur unterschreiben. Aber: Die Kunst ist für den Künstler bereits unbequem, bevor wir die finanzielle Seite überhaupt betrachtet haben. Dieser Teil der Unbequemlichkeit ist für den Künstler sogar gut und absolut notwendig.
    Was wir Jazzmusiker derzeit einfordern, ist die Verbesserung (oder wenigstens die Aufrechterhaltung) finanzieller Rahmenbedingungen, die es uns überhaupt erst ermöglichen, uns ernsthaft, also mit maximalem Energie- und Zeitaufwand, um die Kunst zu kümmern. Und wenn ich bessere Arbeitsbedingungen fordere, rede ich nicht von goldenen Wasserhähnen, sondern von Bedingungen, die für mehr als 1% der Künstler ein bescheidenes Auskommen in diesem Berufsfeld ermöglichen.

    zu 4.) Was bedeutet „nicht mehr aufs Ganze gehen“ für Dich? Ich kenne etliche Künstler, die sehr wohl aufs Ganze gehen – falls das bedeutet, in der Kunst keine Kompromisse einzugehen…?

  3. Hi Benjamin,

    auch dir vielen Dank für den Beitrag. Allein die Menge, wie er hier für Facebook „geliked“ wird, zeigt, dass viele ähnliches interessiert und vielleicht auch bekümmert. Und danke, dass du dich um eine Antwort kümmerst. Ich will das also zum Teil präzisieren:

    1) Dass die Anzahl der Musiker zunimmt hat neben dem Vorteil der großen Menge, den Nachteil, das normalerweise nicht zugleich die Nachfrage zunimmt. M.a.W.: Der Kuchen wird nicht größer, aber immer mehr Leute müssen ihn sich teilen.

    2) Flatrate-Diskussion: Nun, man kann es drehen und wenden. Eine Flatrate-Abgabe wäre im Prinzip nichts anderes wie die aus Steueraufkommen finanzierte Bibliotheken. Ich gebe dir Recht, dass dieses Argument, Kostenlos = Marketing-Effekt gerne eingesetzt wird und auch schwach ist. Gleichwohl gibt es beides: Bücher, die verkauft werden und die gleichzeitig kostenlos als Downloads zur Verfügung stehen und sich nicht in die Quere kommen. Gut, Bücher eben! Ist noch was anderes als diese Luftschwingungen. Aber da müsste man mal anfangen zu differenzieren in dem von dir genannten Sinne: Wer nutzniest denn von der Kostenlos-Kultur. Wie stark sind da die unterschiedlichen Hörergruppen betroffen: Schätzen Jazzer nicht vielleicht doch ihre Künstler höher und mehr als die Popsternchen? Könnte sein. Und dann machen es die Jazzer doch schon ganz gut. Dann wären mal die Veranstalter aufs Korn zu nehmen ….

    3) Mit dem Fordern ist das immer so eine Sache. Nehmen wir simpel eine Promotionsförderung an der Uni. Im Gegenzug erwarten die Förderer eine gewisse Partizipation für ihr Renommee oder Rückfluss in deren Wirtschaftskreislauf. Ich höre da immer ein bisschen rauis: Hey, ich bin Künstler, ich muss so, also füttert mich, ihr braucht mich – und im gleichen Atemzug, ihr nutzt mich nur aus und schätzt das nicht wert. Das ist nicht einfach zu kapieren. Fürs bescheidene Auskommen wäre ja auch eine Sache wie die Grundsicherung denkbar.

    4) Aufs Ganze gehen. Nicht die Sache mit den Kompromissen. Ich finde Kompromisse nicht so ganz schlecht. Das ist eben Leben. Aber ich meine, dass man sich nicht mehr um die Kunst kümmert sondern nur noch um den Vertrieb von Kunst. Also, böse gesagt, das Abrichten von Hörern vermittels „pädagogischer“ Tricksereien.

    5) Das Silbermeer im Saal der Festspiele Berlin beim Jazzfest. Jemand sagte, das ist eben der großer Filter: Geld. Wer kann und will sich leisten, diese Karten zu erwerben. Aber auch die Leser bei JazzZeitung-Facebook http://www.jazzzeitung.de/cms/wp-content/uploads/2013/11/facebook.jpg

    Das ist nicht das Publikum, welches dafür bekannt ist, besonders wenig Wertschätzung gegenüber Musik (und Jazz im besonderen) zu zeigen.

    Bis bald,
    Huflaikhan

  4. Hallo Benjamin,

    ich kann deinen Beitrag in einigen Punkten sehr unterstützen. Vor ein paar Tagen war ich wieder auf Jazz-Konzerten in Köln und konnte mich von der „harten Arbeit“ (Hut, lange Tour, wenig ZuhörerInnen…) überzeugen – trotzdem habe ich auch einige Kritikpunkte an oder Fragen zu deinem Beitrag:

    a) Die Begriffe „Umsonstmentalität“ und „Kostenloskultur“ führen in der Urheberrechtsdebatte meiner Meinung nach nicht weiter. Die Unterstellung, dass v.a. bei Jugendlichen diese Mentalität verbreitet sei, erweist sich bei näherem Hinsehen als leere Rhetorik. Das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage gestaltet sich um einiges komplexer. Eigentlich sind wir da nach Sven Regeners Wut-Rede und den zahlreichen anschließenden Kommentaren und Reaktionen schon etwas weiter. Auch Kostenloskultur erzeugt das Bild, dass mit Musik nichts mehr verdient werde – aber Geschäftsmodelle wie Youtube oder Spotify beweisen das Gegenteil, wie du es ja selbst ansprichst. An dieser Stelle wäre es deshalb sinnvoller darüber zu diskutieren, wie die UrheberInnen und MusikerInnen gerechter an den Einnahmen beteiligt werden können. „Musikflatrates“ und Streaming sind eine logische Entwicklung der Digitalisierung. Nur stellt sich hier eben die Frage nach der gerechten Beteiligung. Auch darüber, und das weißt du sicherlich, wird bereits seit längerem diskutiert (siehe z.B. http://www.wecab.info/2395-lousy-pennies-warum-spotify-weder-erloeser-noch-sargnagel-fuer-die-branche-sein-wird/ ).

    b) Wenn du auf das spannende Film-Projekt Unsound (das ich auch untersützt habe) mit dem Hinweis, dass dem Urheber jegliche Geschäftsgrundlage entzogen werde, verweist, wundere ich mich darüber. Gerade dieser Film macht den Anschein, dass er einen differenzierteren Blick auf die unterschiedlichen Reaktionen von Akteuren in der Musikbranche wirft, die neue Wege suchen, um mit den Herausforderungen umzugehen – ihnen wird (bei aller Prekarität) nicht „jegliche Geschäftsgrundlage entzogen“.

    c) Ob die finanzielle und emotionale Wertschätzung von Musik bei HörerInnen wirklich sinkt, halte ich zumindest für diskussionswürdig. Den HörerInnen aber zu unterstellen, dass sich ihre Wertschätzung von Musik (finanziell und emotional) dem Nullpunkt nähere, halte ich für sehr bedenklich. Es liegt mE neben rechtlichen Rahmenbedingungen an den MusikerInnen, sie davon zu überzeugen, dass das nicht so ist. Wenn Bezahlen zu einem eher freiwilligen Akt wird, sollte dieser Vorwurf mE nicht in dieser Form an die HörerInnen gerichtet sein.

    d) Ich stimme Huflaikhan darin zu, dass ein Mehr an Jazz-MusikerInnen eben auch das Nachfrage-Problem mit sich bringt und ich finde, das kann man z.B. im Kölner Loft in letzter Zeit beobachten.

    Letztlich stellen sich mir zahlreiche Fragen, wie konkretere Vorschläge aus der Jazz-Szene aussehen: Forderst du mehr Jazz-Subventionierung? Forderst du eine stärkere Urheberrechtsdurchsetzung? Forderst du HörerInnen und MusikerInnen dazu auf, Spotify & Co. zu boykottieren? Alles komplexe Fragen, aber ich würde mich sehr freuen, wenn in deiner Reihe einige Antworten dazu zu lesen wären – denn Stellungnahmen der JazzerInnen wären spannende Beiträge zur Debatte.

    1. Hallo Philipp,

      vielen Dank für Deinen Kommentar und Deine Anregungen zu möglichen Inhalten! Zu einigen Punkten werde ich mit Sicherheit im Laufe der nächsten Wochen und Monate noch Stellung beziehen. Freut mich, dass Du mitliest!

      zu a) Die Urheberrechtsdebatte war gar nicht Teil dieses Blogeintrags, aber Du hast natürlich Recht: es geht darum, gerechte Beteiligungsmodelle zu finden. Ich wünsche mir nicht die Kassette zurück.
      Geschäftsmodelle wie Youtube und Spotify nützen nur denjenigen, die sie erfunden haben (Spotify wurde vor FÜNF Jahren gegründet, der Gründer Daniel Ek hat es mit geschätzten 190 Mio. Pfund Vermögen gerade in die „Rich List“ der Sunday Times geschafft…) und sind ansonsten menschenverachtend. Es geht bei diesen Angeboten nicht wirklich um Musik, sondern um irgendwas, womit man in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Geld machen kann. Und das ist für mich auch ein Zeichen mangelnder Wertschätzung.

      zu b) Klar, der Link war eher als gedankliche Weiterführung und nicht als Negativbeispiel gedacht.

      zu c) Du hast zwar Recht, dass es blöd ist, ausgerechnet die Hörer zu dämonisieren, aber Deine Herleitung suggeriert, dass die Hörer auch nur passive Opfer eines abstrakten gesellschaftlichen Wandels sind, dem sie sich nicht erwehren können („wenn Bezahlen zu einem eher freiwilligen Akt wird…“). Niemand außer ihnen kann sich dem erwehren! Man muss Youtube, Spotify und Co. nicht benutzen, man muss nicht bei Amazon bestellen… ach, aber es ist so bequem…
      Ich freue mich über jeden, der zu meinen Konzerten kommt. Ich freue mich über jeden, der meine CDs kauft. Ich freue mich über schöne Rezensionen, Applaus und warme Worte genauso wie über konstruktive Kritik. Und ich weiß, dass es unter den Hörern viele Enthusiasten gibt, die ganz auf unserer Seite sind und die Musiker unterstützen, wo sie nur können. Mir geht es eher darum, dem Werbewahnsinn der Großkonzerne und der damit verbundenen Gehirnwäsche meine Stimme entgegen zu setzen.

      zu d) siehe meine Antwort an Huflaikhan.

      Liebe Grüße,
      Benjamin

      1. Vielen Dank für die Antworten, die ich alle sehr gut nachvollziehen kann!
        zu zu a) Das Vermögen des Spotify-Gründers war für mich auch der Grund, den Service zu verlassen – da geht zu viel Geld in die falschen Taschen, aber viele Labels sind ja immer noch ganz begeistert von den Konditionen.
        zu zu c) Ich wollte mit meinem Beitrag eigentlich genau das Gegenteil ausdrücken: HörerInnen sind nur zum Teil „passive, bequeme Opfer“. Gerade die Entwicklung, dass das Bezahlen für digitale Musik heute relativ freiwillig geworden ist, sollte dazu führen, dass MusikerInnen ihre HörerInnen auf diesen Umstand aufmerksam machen. Auch den kritischen Hinweis auf die großen Konzerne halte ich für wichtig. In diesem Zuge halte ich deine Argumentationslinie „Überfluss“-„keine Atemluft“-„Wert-Schätzung duch die Hörer sinkt Richtung Nullpunkt“ für etwas unangemessen, aber du hast ja dann nc
        och einmal klar gestellt, warum es dir damit ging.
        Bin gespannt auf weitere Beiträge!

  5. Hallo Huflaikhan,

    danke für die Präzisierungen.

    zu 1) Stimmt nur, solange man dieses (Vor-)Urteil als unveränderbar gegeben hinnimmt und sich in Selbstmitleid ergeht. Deshalb freut es mich so, dass viele Musiker sich Gedanken machen, wie sie nicht nur das Angebot, sondern auch die Nachfrage steigern können, und selbst aktiv werden.
    Beispiel KLAENG in Köln: wo vor vier Jahren noch kein vergleichbares Angebot verfügbar (und angeblich auch nicht nachgefragt) war, gibt es nun zwei Festivals pro Jahr mit hochwertigem Programm, angemessener Bezahlung aller (!) beteiligten Musiker und Finanzierungssicherheit durch diverse Fördergelder. Und das nicht etwa vor leeren Rängen, sondern immer zwischen „gut gefüllt“ und „aus allen Nähten platzend“, obwohl der Eintritt nicht frei war.
    Es ist also grundsätzlich möglich, auch die Nachfrage zu steigern.

    zu 2) Die Veranstalter wären tatsächlich mal aufs Korn zu nehmen… wer weiß, vielleicht geschieht das ja noch in einer der künftigen Ausgaben? ;-)

    zu 3) Genau wegen dieses Widerspruchs braucht eine Gesellschaft doch Künstler! Um auch mal den unbequemen Spiegel vorgehalten zu kriegen. Um neue Fragen gestellt zu bekommen, anstatt es sich in seicht bestätigenden Antworten bequem machen zu können.
    Bei allem vorhandenen Willen, gute Unterhaltung zu liefern – wir stehen für mehr als nur Unterhaltung und möchten bitte anständig behandelt werden.
    Ansonsten: Gerne her mit der Grundsicherung. Die bleibt aber so lange Utopie, bis wieder genug Menschen bereit sind, sich auch dann an gesellschaftliche Regeln zu halten, wenn das den Verzicht auf persönliche Gewinnmaximierung bedeutet. Bevor uns massenhaft suggeriert wurde, dass Geiz geil sei, hat das auch lange Jahre ganz gut funktioniert.

    zu 4) Ich teile Deine Sorge, sehe die Schuld dafür aber nicht bei den Musikern selber, sondern bei einer verwertenden Industrie, die in immer kürzeren Kreisläufen immer mehr Nutzen aus Musik ziehen möchte. Das Risiko, das bei den verschiedenen Stufen der Verwertung entsteht, wird stets auf den Musiker umgelegt – der wiederum niemanden unter sich hat, auf den er das Risiko noch abwälzen könnte.
    Ein Beispiel, das auch zeigt, wie rapide sich diese Entwicklung vollzogen hat: als ich vor zehn Jahren anfing, professionell Musik zu machen, reichte als Bewerbung für einen Clubgig eine selbstgebrannte Demo-CD in weißer Papierhülle aus. Ob der Inhalt der CD drei Monate oder drei Jahre alt war, interessierte nicht allzu sehr.
    Heutzutage ist es ohne Video-EPK (teuer!) und jahresaktuelle CD (noch teurer!) kaum noch möglich, an diese Gigs zu kommen. Wem es gelingt, eine 5-Tages-Tour auf die Beine zu stellen, an deren Ende mehr als eine schwarze Null rauskommt, der hat es bereits weit gebracht. Die einzige Schuld, die uns Musiker trifft, ist, dass wir dieses Spiel immer noch zu oft mitspielen, aus Angst um unsere „Karriere“. Welche Karriere?

    zu 5) Wie viele Milliarden Euro werden in Deutschland jährlich vererbt? Geld ist wirklich ausreichend vorhanden, und das nicht nur bei den oft herbei bemühten „weißbärtigen Studienräten 50+“. Das Problem liegt woanders, nämlich in der mangelnden Bereitschaft, sich auf etwas einzulassen, von dem man nicht vorher schon weiß, dass es sich „lohnt“. Dazu mehr in der kommenden Blog-Ausgabe…

    Bis bald,
    Benjamin

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