Die Sache mit der Goldkette

Comedians und Musiker dieser Welt! Bitte hört endlich auf, euch über HipHop lustig zu machen. Oder sagen wir besser: Über das, was ihr für Hip Hop haltet. 


Es gehört nicht viel dazu, sich über HipHop lustig zu machen. Zieh dir eine schlabberige Hose an und einen albernen Hut, äußere den Drang nach Beischlaf mit der Mutter des Rezipienten und tätschele dabei stolz dein Kettchen aus Gold. Fertig ist die youtube-Sensation. So wie bei Sag nie mehr Sieg Heil (6 Millionen Klicks), jedem zweiten Clip von Y-Titty oder Show Me Your Genitals, dem mit über 64 Millionen Klicks unangefochtenen Urvater aller modernen Rap-Parodien.

Stolz wie Bolle

So müssen viele Comedians denken. Coolness veräppeln und dabei selbst ein bisschen davon abstauben, nie schien es leichter.

Bei Carolin Kebekus zum Beispiel ging die Rechnung vor vier Monaten auf. Ihr Video Dunk den Herrn, für das sie sich MC Rene, das alte Schlachtross, ins Boot holte bescherte ihr nicht nur ein bisschen Publicity in der BILD-Zeitung („Zensur! WDR streicht Anti-Kirchen-Clip!“) sondern auch einen traumhaften Karriere-Boost.

Die Unterhalterin wusste sich zuvor schon gekonnt in Szene zu setzen, mit einem Programm namens Pussy Terror, bei dem also nicht nur Vintage-Look und die hübsche Frau mit frech herausgestreckter Zunge an eine russische Punkband erinnert. Aber mit Dunk den Herrn, das übrigens eine mindestens genauso oberflächliche Religions- wie HipHop-Kritik darstellt, und Zeilen à la „Ihr seid nur neidisch auf mein Kreuz mit Bling Bling“ oder „Ich danke dem Herrn für jede Menge skills“ gelang ihr der ultimative Coup. Über eine Million Klicks binnen weniger Tage. Kirche und HipHop. Unbequemer und zugleich lässiger geht’s ja gar nicht! Wahrscheinlich war Kebekus stolz wie Bolle.

Oberfläche Parodie der Oberflächlichkeit

Genau wie Rainer von Vielen vor drei Jahren schon auf Mein Block. Oder Serdar Somuncu auf sein letzte Woche erschienenes Album Wir beide, dessen Musik er bei einem recht frechen Auftritt auf Stefan Raabs Couch als sophisticated Hip Pop bezeichnete. Wobei Stefan Raab schon nach einem kurzen Hineinschnuppern seinen Finger in die Wunde zu legen wusste mit den Worten: „Ich war überrascht. Teilweise merkt man, dass es ironisch gemeint ist. Teilweise hat man das Gefühl: Das meint er jetzt ernst.“ Was eine nette Umschreibung ist für Inkonsequenz.

Somuncu Äußerungen („Jaja! Es ist ne Mischung aus Parodie… und… äh.“) unterstrichen dies nur. Auch als er seine Musik als sophisticated Hip Pop bezeichnete. Und spätestens der kurz eingespielte Song Dicke Eier ließ vermuten, dass es auf Somuncus CD so was von gar nicht sophisticated zugeht. Nein, vielmehr handelt es sich dabei um eine typisch oberflächliche Parodie der Oberflächlichkeit. Goldketten, Schlabberhosen, deine Mutter.

Wer Religion nur auf pädophile Priester reduziert oder Deutschland auf Adolf Hitler, für den ist HipHop nichts als ein paar halbstarke Sprüche und der Griff in den Schritt

Fraglich bleibt dabei, ob sich die beteiligten intensiv mit HipHop auseinander gesetzt haben. Ob sie den Unterschied kennen zwischen Rap und HipHop. (Ersteres bezeichnet nur den Sprechgesang, letzteres den ganzen Lifestyle – Music, Dance, Streetart und Knowledge.) Ob sie wissen, dass es einen Unterschied gibt zwischen lustig rappen, das heißt verschmitzt mit der Sprache zu spielen wie es zum Beispiel Deichkind in ihrem Frühwerk „Nur noch fünf Minuten Mutti“ taten, und dem Aufzählen veralteter Klischees. Klar, wer Religion nur auf pädophile Priester reduziert oder Deutschland auf Adolf Hitler, für den ist HipHop nichts als ein paar halbstarke Sprüche und der Griff in den Schritt. Der übersieht auch mal schnell, dass Aggro Berlin als Musiklabel schon vor vier Jahren pleite ging. Dass die kommerzielle Seite des Rap längst von so unterschiedlichen Figuren wie Casper, Cro,  Die Orsons und Moop Mama verkörpert wird, die unkommerzielle Seite von Audio88 und Edgar Wasser. Dass diese (wahren Vertreter des sophisticated Hip Pop) selbst Bushido und Sido längst hinter sich ließen, welche in den 00er-Jahren zu den populärsten Musikern Deutschlands zählten, mittlerweile aber händeringend nach neuen Standbeinen suchen.

Wissen Kebekus und Somuncu, dass der Minimalismus vor dreißig Jahren in den USA nicht aus einem kollektiven Unvermögen heraus entstand sondern aus einer musikalischen Notwendigkeit? Plump ausgedrückt bedeutet das: Die Ghettokids der achtziger fingen nicht mit Beatboxing und Sprechgesang an, weil sie zu blöd waren um Instrumente zu spielen, sondern zu arm.

Eigentlich sind es nur noch die schlechten Parodien, die daran erinnern, wie prollig Deutschrap an seinem Tiefpunkt einmal war

Dass diese infantile Sehnsucht nach Coolness und Härte hierzulande oft bizarre Ausmaße annimmt, müssen die wenigsten Deutschen von morgens bis abends um ihr Leben bangen, gerade wenn sie in einer Stadt wie – sagen wir – Lauf an der Pegnitz wohnen, sei dahin gestellt. Man könnte auch sagen: Idioten gibt es überall.

Dass aber die öffentliche Wahrnehmung von HipHop nicht mehr von G-Unit und dem Arschficksong bestimmt wird, dürfte mittlerweile selbst im Frankenland angekommen sein. Ja, eigentlich sind es nur noch die schlechten Parodien, die daran erinnern, wie prollig Deutschrap an seinem Tiefpunkt einmal war. Im Jahr 2005 hatten Parodien von K.I.Z. durchaus ihre Berechtigung. Doch diese Zeiten sind vorbei. Noch einmal: Es gibt einen Unterschied zwischen lustig rappen und sich über Rap lustig machen. Lustig rappen bedeutet, auf unterhaltsame Art mit Sprache zu spielen und dabei – vielleicht unter Verwendung von Dialekten – etwas Neues zu schaffen. So wie dies bei Gangnam Style, Watschnbaam oder dem Sparda-Bank-Rap geschah, drei Songs, die freilich nicht als Meilensteine der Hochkultur angesehen werden müssen aber zumindest kein Aggro-Berlin-Bashing beinhalten. Sich über Rap lustig zu machen bedeutet Imitation und Dekonstruktion.

Wenn aber das zu zerpflückende Objekt nicht mehr zeitgemäß ist, obwohl so dargestellt, wird der Song zu einem unerträglichen Echo. Und forciert damit eine falsches öffentliches Bild. Das ist ärgerlich.

Wieso stürzen sich die Comedians nicht auf Edgar Wasser oder Kollegah? Weil das schwierig wäre. Um diese Rapper gekonnt zu parodieren müsste man sie zunächst verstehen und ihren Fähigkeiten zu reimen oder komplexe Sprachbilder zu schaffen auch nur annähernd gewachsen sein. Da ist es leichter, mit nacktem Finger auf die (ehemalige) Sonderschule der Popmusik zu zeigen und dabei laut „Yo!“ zu schreien.

Rap-Parodien sind ja per se nichts Schlechtes. Aber wieso dann de facto? Wahrscheinlich ist die Antwort ganz einfach: Weil die richtigen Rapper lieber richtigen Rap machen. Weil richtiger Rap zu gut ist, um eine Angriffsfläche zu bieten. Und, weil kein Hahn mehr Kräht nach dem tausendsten halbgar-ironisch geäußerten Anglizismus. Oder wie es Retrogott einst ausdrückte: Mir ist egal, wer der König von Deutschland ist / So lange kein Platz für euch Idioten auf Neuland ist.

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