Deutschland. Ein Bigband-Märchen?

In unserem Blog-Eintrag Till Brönner will Zentrum für Jazz gründen haben wir Brönners Äußerungen aufgegriffen, in denen er ein Zentrum für Jazz in Deutschland fordert. Darin prognostiziert er für die deutschen Rundfunk-Bigbands eine Rest-Lebensspanne von weniger als zehn Jahren.


In der Süddeutschen Zeitung von Freitag, 26.11.10 ist nun ein Artikel erschienen, der Deutschland als wichtigstes Land für den Big-Band-Jazz außerhalb der USA bezeichnet und die Bedeutung der Rundfunk-Bigbands auch für amerikanische Jazzmusiker betont, die immer wieder mit ihnen konzertieren und aufnehmen.

Ein Auszug aus dem Artikel „Tranatlantische Schwingungen“ von Lewis Gropp:

„Tatsächlich ist die deutsche Big-Band-Landschaft weltweit einmalig. In Europa leistet sich niemand mehr den Luxus einer professionellen Big Band mit Musikern in Festanstellung, abgesehen von den Niederlanden mit dem Metropol Orkest oder Dänemark mit der DR Big Band. Dass es in Deutschland gleich vier Big Bands dieser Art gibt, ist ein absolutes Alleinstellungsmerkmal. Selbst in den USA hat sich die Big Band-Landschaft stark gewandelt und verdünnt. Neben dem von Wynton Marsalis unter großem Aufwand und mit Stiftungs- und Sponsorengeldern betriebenen Jazz at Lincoln Center Orchestra spielen hier vor allem die von den Universitäten getragenen Big Bands und die Independent-Szene eine Rolle. Andere traditionsreiche Orchester wurden nach und nach aufgelöst, zuletzt die Carnegie Hall Jazz Band im Jahr 2002, und das, obwohl sie in Kritikerkreisen zu den besten des Landes zählte. Um Orchester dieser Größenordnung finanzieren zu können, fehlt vielen Institutionen das Geld. ‚In den USA gibt es diese Art von Kontinuität einfach nicht‘, erklärt der Jazzforscher und Leiter des Jazz Instituts Darmstadt, Wolfgang Knauer. ‚Darum sind die Big Bands hierzulande auch künstlerisch so erfolgreich.'“ (Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr. 274, Freitag, den 26. November 2010 , Seite 17)

Qualität an der Spitze – Frust an der Basis

Die Qualität und die Erfolge der erwähnten Bands sind unbestritten. Der Artikel ignoriert allerdings die Tatsache, dass die „Traumbedingungen“ unter denen diese Bands arbeiten können – inklusive Festanstellung und Rentenversicherung – nicht repräsentativ für die gesamte deutsche Big-Band-Szene sind. Natürlich nehmen amerikanische Jazzstars gerne mit diesen wunderbaren Bands auf. Daraus aber das Bild eines blühenden deutschen Bigband-Eldorado abzuleiten, geht jedoch ein wenig zu weit. Die öffentlichkeitswirksame Arbeit der Rundfunk-Bigbands täuscht über die schwierige Situation anderer professioneller Bands in Deutschland hinweg, die oft in reiner Projektarbeit stecken bleiben, selten konzertieren und aus Kostengründen mit minimaler Probenarbeit operieren (siehe Blogeintrag Till Brönner will Zentrum für Jazz gründen). Der Autor hat sich die Darstellung einer kulturellen Spitze in der deutschen Jazzszene und deren Bedeutung für die amerikanische Jazzszene vorgenommen, an der Basis sieht es anders aus. Das hätte er durchaus erwähnen können.

Die Renten sind sicher! Oder?

Ein Hinweis auf die auch bei den Rundfunk-Bigbands nicht in alle Ewigkeit gesicherte Situation gibt der Autor am Ende doch, indem er den Manager der WDR Band Köln zu Wort kommen lässt.

„‚Ich bin mir nicht sicher, ob man in Deutschland den kulturellen Wert dieser Institutionen zu schätzen weiß‘, sagt Lucas Schmid, Produzent und Manager der WDR Big Band. In Zeiten rigider Sparprogramme ist es wichtig, sich daran zu erinnern.“ (Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr. 274, Freitag, den 26. November 2010 , Seite 17)

Wenn man Till Brönner glauben darf, sollte Schmid diesen Aufruf in Zukunft noch möglichst oft wiederholen. Es könnte nämlich so kommen, wie Lewis Gropp das Ende der amerikanischen Top-Bands in seinem Artikel beschreibt, denn auch das erwähnte Metropole Orkest in den Niederlanden musste in der Vergangenheit durchaus um seine Existenz bangen und seit 2008 40% seines Budgets selbst erwirtschaften; (Quelle: Wikipedia). Dieses Prinzip auch bei den deutschen Rundfunkbigbands angewendet,  wäre für den einen oder anderen Klangkörper vielleicht zuviel und das deutsche Bigband-Märchen könnte schon in wenigen Jahren vorbei sein…

Darf noch transatlantisch schwingen: HR-Bigband. Foto: Dirk Ostermeier
Darf noch transatlantisch schwingen: HR-Bigband. Foto: Dirk Ostermeier
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