Jazzfest 2013 – Monika Roscher BigBand / John Scofield „Überjam Band Deux“ – Gelb- und Grünschnäbel

Eine letzte Überraschung für den Jazzfan konnte das letzte große Konzert beim Jazzfest Berlin 2013 eigentlich nicht sein. Gewiss mochte manchem altgedienten Jazzfest-Gänger der Auftritt ein jungen deutschen BigBand, zumal geleitet von einer Frau, den Magen und seine eingerosteten Hirnareale verdrehen, aber das sind Kollateralschäden, die man allzu gerne in Kauf nimmt – nein, die dürften ihre Alkoholfahnen gerne an der Currywurst-Theke olfaktorisch zum global Stunk vereinen. Kurz, das Jazzfest endete fulminant. Gelbe Gorilla-Musik (Monika Roscher BigBand) Auftritt die charmante Monika Roscher, präsentierend ihre „Fehler im Wunderland“. Kein Fehler! Im Gegenteil. Man hört der Bandleiterin an, sie ist nicht allein vom Jazz sozialisiert. Sie singt nicht mit dieser Woman-Wonder-Stimme, wie sie sich global im Jazz ausbreitet sondern mit einer unprätentiösen Popstimme, wie man sie eher von freundlichen Herren kennt. Ihre Arrangements sind teils skurril, aber nicht überzüchtet. Das ist schon ein so eigener Ton, der ruhelos rauh bis derb dreinfährt. Fotos: Petra Basche Monika Roscher hat begriffen, dass man auch mal ein bisschen was „zeigen“ darf: Ihre gelegentlich eingestreuten Kostümierungen holen die Fantasiewelt des Kinderzimmers auf die Musikrampe. Das überzeugt, weil es nicht als Effekt …

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Jazzfest 2013 – Michael Wollny und Abraham Inc. – Strenge Extase vom Main und New Yorker Kraftschmelze

Ein musikalischer Höhepunkt des diesjährigen Festes. Denkbar verschieden die beiden Auftritte, packend waren sie auf beide Weisen. Die Wunderkammer XXL des Michael Wollny mit Tamar Halperin & der hr-BigBand kochte kompositorische Konstruktion hoch, Abraham Inc. feat. David Kracauer, Fred Wesley, socalled and others, schmolz sie im Party-Tiegel ein und ließ den Saal beben Strenge Extase (Michael Wollny / Tamar Halperin & die HR-BigBand) Wollnys Wunderkammer-Kompositionen mit dem von Tamar Halperin ergänzten Tasteninstrumenten-Konvolut (Celesta, Cembalo, Quetsche) haben ja eine ganz eigene Tonsprache. Diese spielt häufig mit Akkordbrechungen aus Terz- und Quartentürmen, in gebrochenen Rhythmen. Die Musik spiegelt sich in den Musikern. Daraus wird eine präzis unscharfe Binnenharmonik gezogen, ähnlich wie ein Zwiefacher. Das haut einen um, zumal wenn Wollny mehr oder minder komplex und instantan komponierte Soli dazwischen setzt. Jetzt kommt mit den Arrangements von Jörg Achim Keller die hr-BigBand in Spiel. Mundgeblasene Kaskaden von den Bläsern fügen sich hinzu, mit dem Schlagzeug wird die Musik durchlöchert. Das fegt einem Orkan gleich durch den Raum. Fotos: Petra Basche Man liest häufig, das erinnere an Filmmusik. Das stimmt. Der Einsatz des Cembalos trägt dazu bei. Von Miss …

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Jazzfest 2013 – Michael Riessler „Big Circle“ und Jack DeJohnette Group – Solistenzwang und Gruppenklang

Der zweite Tag des Jazzfestes hat im Haus der Berliner Festspiele ein Kontrastprogramm bereitgehalten. Ein großer Kreis, Michael Riesslers „Big Circle“ traf auf ein Jazzquartett um den Schlagzeuger Jack DeJohnette. Kraftsuppe trifft auf kammermusikalisches Quartett. Die Fragen stellten sich an diesem Abend anders: Reproduktion des Selbst (Michael Riessler) Der große Kreis von Michael Riesslers Auftritt war recht eigentlich das Zusammentreffen von drei kleineren. Im Zentrum Riessler selbst mit Bassisten und Schlagzeuger (Manuel Orza und Robby Armeen); links davon ein Bläsersextett der Hochschule für Musik und Theater München; rechts der Drehorgel-Virtuose Pierre Charial. Letzteres wirft automatisch die Frage auf: Drehorgel und Jazz? Wie soll das gehen? Werden Lochstreifen improvisierend gelöchert? Nein, die Drehorgel spielt, was man ihr vorgibt. Und vorgegeben ist ihr, was eine über Minuten gehende Soloeinlage anging, eine präzise staunenswerte, rhythmisch-harmonische Arbeit. Was soll daran auch Staunen machen. Den größten Teil unserer Zeit hören wir Musik, die ebenso reproduziert aus dem Radio kommt, auf Schelllackplatten, CDs und sonstigen Tonträgern längst festgehaltenes reproduziert. Daran ist man eigentlich gewöhnt. Aber in der Live-Situation ruft es Verwunderung hervor. Doch die Maschine bewährt sich. Riesslers „Big Circle“ stellt …

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Jazzfest 2013 gestartet – Christian Scott und Joachim Kühn on Stage: Stretch as jazz can

Es gibt offizielle und heimliche Schwerpunkte bei umfangreichen Veranstaltungen wie es das JazzFest in Berlin eine ist. Offiziell geht es um einen „Afrika-Akzent“, inoffiziell um Umarmungen. Das Eröffnungskonzert brachte zwei Formationen nacheinander auf die Bühen: Der Trompeter Christian Scott mit seiner Band und „Gnawa Jazz Voodoo – Joachim Kühn Africa Connection feat. Pharoah Sanders“. Wer umarmt hier wen, wie betont werden die Akzente? Unterschiedliche Antworten: Der Abend war musikalisch durchwachsen und erzeugte ebenso Langeweile wie Verdichtung. Erste Eindrücke und Bilder vom JazzFest 2013. Stretch Music (Christian Scott) Die Gruppe um Christian Scott (tp) mit Braxton Crook (sax), Matthew Stevens (git), Lawrence Fields (p), Kris Funn (b) und Cory Fonville (dm) wird hoch gehandelt. Die teilweise sehr jungen Musiker zu einer musikalischen Familie zusammen gefunden, einer Familie, die einen Kopf hat, Christian Scott und einen Körper, die Band. Darin gelingt es scheinbar mühelos, das Vokabular des Jazz in viele Richtung zu erweitern und sich einzuverleiben. Vom minimalistischen Pattern bis zum Song, von der Einzel- bis zur Gruppenimprovisation. Dabei Stielelemente parallel laufen und sich trotzdem kreuzen zu lassen, bringt eine Multidimensionalität hervor, die musikalisch funktioniert. Das alles …

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