Im Flügelschlag des Grooves: Gretchen Parlato in der Unterfahrt

(Von Claus Lochbihler) Zwischen Jazz, brasilianischen Rhythmen und R&B entfaltet Gretchen Parlato eine Vokalkunst von außergewöhnlicher Feinheit. Die schönsten Momente entstehen dort, wo ihre Stimme selbst zum Instrument wird. Einmal schließt Gretchen Parlato in der „Unterfahrt“ die Augen und reckt die Nase leicht nach oben. Wie eine Jagdhündin, die Witterung aufnimmt, saugt sie den Groove ihres Trios ein: hörend, spürend, vielleicht sogar riechend. Dann öffnet sie abrupt die Augen, tritt ans Mikrofon und klinkt sich mit ihrer hellen, zarten Stimme in die Musik ein. Werbung Stimme als Instrument Parlato ist eine Sängerin, bei der Gesang, Stimme als Instrument und Vokalperkussion nahtlos ineinander übergehen. Sie verbindet das rhythmisch federnde Flüstersingen eines João Gilberto mit westafrikanischen Vokalisen und der Virtuosität eines Bobby McFerrin zu einer ganz eigenen Kunst. Klanglich ist ihre Stimme hell und fein, mitunter von beinahe blendender Intensität – wie ein Sopransaxofon. Kein Wunder, dass auch in der „Unterfahrt“ ihre Version von Herbie Hancocks „Butterfly“ zum Höhepunkt wird: Jazz-Funk als flirrende Groove-Meditation, berückend schön und dicht, getragen vom Flügelschlag ihrer Stimme. Die stärksten Momente dieses Abends entstehen oft dann, wenn Parlato weniger einen Song als …

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Der Berg spielt mit: das 44. Südtirol Jazzfestival Alto Adige zwischen Berggipfel und Clubkeller

(Text und Fotos: Stefan Pieper) Hoch oben auf dem Vigiljoch, in einem Mittagskonzert vor mächtiger Bergkulisse, geschah etwas, das den Ton dieser 44. Ausgabe am reinsten traf. Das norwegische Duo Sissel Vera Pettersen und Eirik Hegdal umarmt die Landschaft mit seiner Musik. Aus den langen, offen assoziativen Stücken öffnen sich weite Räume, die flächig und ambienthaft wirken und dann konkreter werden, getragen vom lyrisch atmenden Saxofon, Hegdals Klarinette und einer Stimme, die Pettersen ganz instrumental einsetzt. Exotisch anmutende Figuren wirken wie aus einer nordischen Folklore, die elementaren Zuständen nahe ist. Dazu pulsieren sanft tiefe Bassfrequenzen aus der Elektronik, wie die Stöße eines heißen Sommerwinds, der sich mit dem freien Spiel des Duos synchronisiert. Konzerte auf Bergeshöhe sind stets das gewisse Etwas dieses Festivals, und mit ihrem grenzenlosen atmosphärischen Gespür haben die beiden die Messlatte höher gelegt. Wenn das Wetter Regie führt Manchmal zogen nachmittags Gewitter auf und erzwangen Verlegungen nach drinnen; das war längst eingespielte Routine. Das Schweizer Trio um die Lausanner Kontrabassistin Louise Knobil wich kurzerhand in die Wohnzimmeratmosphäre des Hotels Bad Ratzes aus, am Fuße des Schlern-Massivs. Knobil, die sich als Marke inszeniert …

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Logo der Deutschen Jazzunion.

Entwurf des Bundeshaushalts 2027 bereitet FREO, Deutscher Jazzunion und PRO MUSIK schwere Sorgen

Mit dem Regierungsentwurf zum Bundeshaushalt 2027 legt die Bundesregierung ihre kulturpolitischen Prioritäten für die kommenden Jahre vor. Der Entwurf enthält erhebliche Herausforderungen für die professionelle Musikszene. Insgesamt soll der Etat des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien um rund zehn Prozent sinken. Damit setzt der Regierungsentwurf ein problematisches Signal für die langfristige Sicherung einer vielfältigen musikalischen Infrastruktur.

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Fabian Dudek: neue CD Recent

(Von Robert Fischer) Da sage noch einer, im Jazz gebe es nichts Neues. Das, was der in Köln lebende Saxophonist und Komponist Fabian Dudek gerade auf seinem neuen Album „Recent“ vorgelegt hat, mag zwar in der Entstehung „schon“ drei Jahre alt sein; im Höreindruck aber entzieht es sich souverän jeglicher Sortierung in irgendwelche – „alten“ – Kategorien. Wobei es sicher kein Zufall ist, dass er dabei mit dem Pianisten Felix Hauptmann und dem Schlagzeuger Leif Berger zwei Musiker an seiner Seite hat, die ihrerseits auf einer sehr beeindruckenden Suche nach dem unbedingt Eigenen – also letztlich: Neuen – sind, ohne Scheuklappen in welche Stilrichtung auch immer, solange das Ergebnis nur dazu geeignet ist, sich selbst musikalisch herauszufordern. Vierte im Bunde ist die in Südtirol geborene, in London lebende E-Bassistin Ruth Goller, die mit ihrem Instrument ordentlich Druck zu machen versteht. Was gut zum Gesamtkonzept der eine unbedingte Dringlichkeit offenbarenden Musik auf diesem Album passt. Werbung Unmittelbar aus dem Moment heraus Eingespielt wurde „Recent“ beim ersten gemeinsamen Auftritt dieser Band im Sommer 2023 im Kölner Stadtgarten-Club JAKI. Vorausgegangen waren zwei Probentage, ehe schließlich auf der Bühne …

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Stanley Clarke erhält die German Jazz Trophy – eine Laudatio von Mini Schulz

Pünktlich zum Start des diesjährigen Stuttgarter Festivals Jazz Open wurde traditionell die  German Jazz Trophy im SpardaWelt Eventcenter verliehen. Auch wenn der Star des Abends ohne Frage der Preisträger Stanley Clarke ist – am 1. Juli 2026 wurde gleich im doppelten Sinne Geschichte geschrieben. Schließlich wird die German Jazz Trophy heuer zum 25. Mal überreicht. Der Preis ist mit 15.000 Euro dotiert sowie mit einer Statue des Stuttgarter Bildhauers Otto Hajek. Er wird verliehen von der Stiftung Kunst und Kultur der Sparda-Bank Baden-Württemberg, der neuen musikzeitung und JazzZeitung.de „Die German Jazz Trophy würdigt seit 2001 Künstlerinnen und Künstler für ihr Lebenswerk – dafür, dass sie nicht nur einfach Musik machen, sondern Jazz in seiner reinsten Form leben – ihn denken, formen und immer wieder neu erfinden“, sagt Jurymitglied Martin Buch, der Vorsitzende des Stiftungsrats der Stiftung Kunst und Kultur der Sparda-Bank Baden-Württemberg. Werbung Vor dem Konzert des Preisträgers, der mit seinem aktuelle Quartett mnit Beka Gochiashvili (keys), Emilio Modeste (sax) und Jeremy Collier (drums) nach Stuttgart gekommen war, gab es wie immer eine Laudatio. Diese Lobesrede hielt kein Geringerer als Mini Schulz, einer der großen …

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Kein Hitzefrei für die Avantgarde: Das 44. Südtirol Jazzfestival Alto Adige hat begonnen

Das Südtirol Jazzfestival Alto Adige eröffnete seine 44. Ausgabe im Bozener NOI Techpark – und erlebte einen Traumstart unter freiem Himmel. Kurz zuvor war das Festival mit dem EJN Award for Adventurous Programming des Europe Jazz Network ausgezeichnet worden. Zehn Tage lang wird nun das ganze Land zur Bühne – mit über fünfzig Konzerten an drei Dutzend Spielstätten mit mehr als hundert Musikerinnen und Musikern aus halb Europa und darüber hinaus. Es ist diese eine Stunde am Abend, in der die Tageshitze noch in den Betonflächen des Bozner NOI Techpark steht und der Himmel über den Bergen zu glühen beginnt. Mitten in einem flachen Wasserbecken stehen drei norwegische Schlagzeuger auf kleinen Podesten: Gard Nilssen, Hans Hulbækmo und Håkon Mjåset Johansen. Hineinspringen lohnt nicht, dafür ist das Wasser zu seicht. Doch ihr Zusammenspiel entwickelt einen eigenen Sog: Sie verweben ihre Rhythmussprachen zu einem einzigen Puls – drei Individualitäten, die ihr Spiel mit der Atmosphäre ringsum verschmelzen lassen. Auf der Bergkette über dem Stadtteil leuchten mächtige Haufenwolken orange in der Abendsonne. Werbung Eben noch prägt die ausgelassene Stimmung des Begrüßens und Wiedersehens das Geschehen. Der Hochsommer, der …

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„Viel Spaß Viel Spaß“: Web Web in der Unterfahrt

(Von Claus Lochbihler) Mit augenzwinkernden Ansagen, einem neuen Album und einer neuen Bassistin präsentieren „Web Web“ in der ausverkauften Unterfahrt ihre ganz eigene Mischung aus Spiritual Jazz, „Passport“-Covern und Ethno-Anklängen. Roberto Di Gioia und seine Mitstreiter entwickeln dabei einen Sog, der Musiker und Publikum gleichermaßen erfasst – bis am Ende sogar ein Jazzprofessor aus Georgia für die Zugabe auf die Bühne kommt. „Web Web: Kover Kover, Ihr versteht?“, fragt Roberto Di Gioia augenzwinkernd, als er dem Unterfahrt-Publikum die Band und das neue Album vorstellt. Und dabei verdoppelt er ihre Vornamen dadaistisch: Tony-Tony Lakatos am Tenorsaxophon und der Querflöte, Peter-Peter Gall am Schlagzeug; und – als Neuzugang für Christian von Kaphengst – Franzi-Franzi Aller am E- und am Kontrabass. Werbung Blindes Vertrauen Zu jedem Bandmitglied erzählt Roberto-Roberto kurz, was ihn mit den Bandmitgliedern verbindet: Bei Lakatos, der in seine Soli Repeat-Licks so virtuos einbaut, als ob er den Bandnamen auch musikalisch begründen möchte, sind es 40 Jahre gemeinsames Musizieren. Bei Gall habe er, Roberto Di Gioia, beim ersten gemeinsamen Konzert schon nach vier Takten gewusst: „Mit dem willst du in einer Band spielen.“ Und bei Franzi Aller …

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Abdullah Ibrahim: Melodien-Magier und Freiheitskämpfer – ein Nachruf

(Von Oliver Hochkeppel) Wer einmal in einem Konzert von Abdullah Ibrahim war, weiß um die besondere Stimmung, die dort immer herrschte. Eine ganz eigene Art der Ergriffenheit, ein spirituelles Beben durchzog die Säle. Was da passierte, hat Ibrahim einmal selbst sehr schön beschrieben, aus der Musikersicht: „Das Universum fließt dann durch einen. Tiere spüren lange vorher, dass ein Erdbeben kommt. Wir haben diese Gabe längst verloren, aber die Musik gibt sie uns hin und wieder zurück.“ Ibrahim gehörte nie zu den großen Virtuosen unter den Jazzpianisten. Er schuf seine Magie mit anderen, ganz einfachen Mitteln. Ein typisches Beispiel dafür ist das Stück „Maraba Blue“. Ganz leise, langsam, aus dem Nichts kommend spielt das Klavier ein paar Töne, die einen Rhythmus vorgeben. Ebenso sacht legt sich dann eine einfache Melodie darüber – auch nur mit ein paar Akkorden, die dann umspielt werden. Wie bei den meisten seiner Stücke mischt sich eine leise Melancholie mit einer warmen, optimistischen Grundstimmung. Das ist es, was seine Musik so berührend machte. Werbung Zwischen Perkussion, Kapstadt und Schweiz Vereinten haben sich darin die kulturellen Erfahrungen wie die musikalischen Welten, in denen …

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Das 7. „Look Into The Future“-Festival in Burghausen vereinte wieder wegweisende Künstler aller Genres

 Ungewisser Blick in die Zukunft – Spannende Grenzgänge „Music On The Edge“ war das Motto des 7. „Look Into The Future“-Festivals in Burghausen. Es hätte auch schon auf alle früheren Ausgaben gepasst. Kein reines Jazz-Festival ist das, obwohl traditionell viele Künstler dem Genre zuzurechnen sind, nicht einmal ein reines Musikfestival. Hier wird das präsentiert, was interdisziplinär und über Genregrenzen hinaus gedacht ist, sozusagen in die Zukunft der Kultur allgemein. Dafür stehen schon seine Macher: Die Brüder Cornelius Claudio und Johannes Tonio Kreusch haben ihre so unterschiedlichen Karrieren als Jazzpianist und klassischer Gitarrist schon seit Langem in vielen Projekten als Künstler wie als Veranstalter zusammengeführt – mitunter auch inspiriert und unterstützt von ihrer Schwester Carolina Camilla Kreusch, einer renommierten bildenden Künstlerin und Kunstprofessorin. Werbung So bemühte fast jede Veranstaltung den kreativen Austausch unterschiedlicher Künste und Künstler, mit dementsprechend vielen Uraufführungen oder einmaligen Vorstellungen. Gleichzeitig beschäftigte sich „Look Into The Future“ stärker als andere Festivals mit Raum und Zeit als Vorgaben künstlerischen Schaffens. Das Kloster Raitenhaslach als „Festivalzentrale“ ist ein ebenso außergewöhnlicher Spielort wie das Ankerkino, die Studienkirche oder der Stadtsaal. In ihnen verbinden sich die Ästhetik …

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Das 55. moers festival zwischen Märchen, Neuer Musik und urbaner Öffnung

(Von Stefan Pieper) Die 55. Ausgabe des moers festivals hat zu Pfingsten alles wieder auf Anfang gestellt. Nach einem Jahrzehnt in der Festivalhalle am Stadtrand ist das Festival zurück in die Innenstadt gekehrt: fünf Tage statt vier, eine große Freiluftbühne am Kastellplatz, dazu Kirchen, Clubs und zahlreiche weitere Spielorte drinnen wie draußen für circa 100 Konzerte insgesamt. Und drumherum Menschen aller Altersgruppen, die reichlich kamen – mit noch mehr kontroversen Meinungen und Empfindungen zum neuen Konzept. Am Ende soll das Monster sterben. Teil drei von Gellért Szabós „Der moderne Mensch und der heilige Berg“ steuert auf der Open-Air-Bühne auf einen verstörenden Höhepunkt zu. Szabó selbst tobt, fuchtelt, treibt – und das hat etwas zutiefst Furchteinflößendes, umso mehr, als sein Leipziger „Ideal Orchestra“ dieser Raserei eine geradezu unheimliche Präzision entgegensetzt. Ein bizarres Hochamt aus Klangmassen und schauspielerischer Eruption, das zwei Tage zuvor in St. Josef noch auf ganz anderer spiritueller Wellenlänge funkte, als schließlich ein Bach-Choral spirituelle Erlösung spendete. Werbung Erst durch Gleichgültigkeit werden die bösen Wölfe groß Erlöst werden soll das Publikum in Moers von jenem Donald Trump, der in den Videoeinspielungen des STM-Schauspielers Matthias …

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