Das 55. moers festival zwischen Märchen, Neuer Musik und urbaner Öffnung

(Von Stefan Pieper) Die 55. Ausgabe des moers festivals hat zu Pfingsten alles wieder auf Anfang gestellt. Nach einem Jahrzehnt in der Festivalhalle am Stadtrand ist das Festival zurück in die Innenstadt gekehrt: fünf Tage statt vier, eine große Freiluftbühne am Kastellplatz, dazu Kirchen, Clubs und zahlreiche weitere Spielorte drinnen wie draußen für circa 100 Konzerte insgesamt. Und drumherum Menschen aller Altersgruppen, die reichlich kamen – mit noch mehr kontroversen Meinungen und Empfindungen zum neuen Konzept. Am Ende soll das Monster sterben. Teil drei von Gellért Szabós „Der moderne Mensch und der heilige Berg“ steuert auf der Open-Air-Bühne auf einen verstörenden Höhepunkt zu. Szabó selbst tobt, fuchtelt, treibt – und das hat etwas zutiefst Furchteinflößendes, umso mehr, als sein Leipziger „Ideal Orchestra“ dieser Raserei eine geradezu unheimliche Präzision entgegensetzt. Ein bizarres Hochamt aus Klangmassen und schauspielerischer Eruption, das zwei Tage zuvor in St. Josef noch auf ganz anderer spiritueller Wellenlänge funkte, als schließlich ein Bach-Choral spirituelle Erlösung spendete. Werbung Erst durch Gleichgültigkeit werden die bösen Wölfe groß Erlöst werden soll das Publikum in Moers von jenem Donald Trump, der in den Videoeinspielungen des STM-Schauspielers Matthias …

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Fuchsthone Orchestra feat. Evi Filippou: Peaks & Plots

(Von Robert Fischer) Neue Frauen braucht das Land? Wohl kaum, denkt man an all die großartigen Musikerinnen, die aktuell auch als Leaderin eigener Formationen für frischen Wind in der Szene  sorgen. Die in München geborene, in Köln lebende Saxofonistin, Bassklarinettistin, Komponistin und Bandleaderin Christina Fuchs gehört schon ein bisschen länger dazu, ebenso die Kölner Saxofonistin, Komponistin und Bandleaderin Caroline Thon. Beide haben viel Erfahrung in der Leitung großer Ensembles – Christina Fuchs gründete 1992 mit Hazel Leach das „United Women’s Orchestra“, Caroline Thon 2011 das Thoneline Orchestra. Seit 2019 gibt es das von beiden gemeinsam geleitete 22-köpfige Fuchsthone Orchestra, dessen 2023 erschienenes Debütalbum, „Structures & Beauty“, bereits erkennen ließ, was spätestens jetzt, mit dem zweiten Album „Peaks & Plots“, zur Gewissheit wird: Das Fuchsthone Orchestra gehört zu den faszinierendsten Jazzensembles unserer Zeit. Was neben der Qualitität der komplex arrangierten Kompositionen, die für jedes Programm zu gleichen Teilen von Christina Fuchs und Caroline Thon beigesteuert werden, sicher auch an den großartigen Musikerinnen und Musikern dieses inzwischen in vielen Live-Auftritten immer mehr zusammengewachsenen Orchesters liegt. Werbung Virtuose Spielfreude Eine besonders glückliche Entscheidung war es, für das zweite …

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Erfolgreiche Nachwuchsförderung Jazz-Jugend forscht: Zur besonderen Ausgabe des Biberacher Jazzpreises 2026

Als er 1990 zum ersten Mal ausgerichtet wurde, war der Biberacher Jazzpreis der erste Nachwuchswettbewerb Deutschlands im Jazzbereich. Dass die biennal stattfindende, vom Jazzclub Biberach zusammen mit der Stadt getragene Veranstaltung nicht nur traditionsreich ist, sondern bis heute zu den wichtigen ihrer Art gehört, sieht man schon an den Preisträgern, aus denen fast durchgehend etwas geworden ist: Angefangen mit Cornelius Claudio Kreusch, max.bab, Kristjan Randalu oder Laia Genc bis zu Matthias Lindermayr, Jakob Manz (vor Johanna Summer) oder zuletzt vor zwei Jahren Renner. Diesmal war es eine besondere Ausgabe, war der Jazzpreis doch in das zweiwöchige Landesjazzfestival Baden-Württemberg integriert, das zum 50. Geburtstag des Jazzclubs nach Biberach vergeben worden war. Und im Festival-Gewand präsentierte er sich auch: Besucherrekord mit 380 Besuchern im ausverkauften Saal der Stadthalle; nie war der Sound besser; nie die Betreuung und Videobegleitung professioneller; nie die Beleuchtung schöner, nicht zuletzt dank den vom Lichttechniker selbst gebauten Bühnenstrahlern, die sanfte Farben von großen Metallschirmen abstrahlten. Werbung Wer die inzwischen allerorten angesiedelten Nachwuchspreise seit längerem verfolgt, weiß um die Qualität, die hier geboten ist. Viele gehören mittlerweile regelmäßig zu den Höhepunkten von Festivals. So …

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Attraktiver Jazz für alle – Ein Resümee des Jazzfrühlings Kempten 2026

Seit langem gehört der Jazz zu dem, was man gerne Hochkultur nennt. Man sieht das an der akademischen Ausbildung der Musiker parallel zur Klassik, an den selbst für jedes Vorort-Kulturzentrum oder -Bürgerhaus inzwischen obligatorischen Jazzreihen oder am selbstverständlichen Einzug des Jazz in die „Kulturtempel“. Doch die wichtigsten Festivals, zumindest in Bayern, sind noch aus einer von einzelnen Gallionsfiguren angeregten Graswurzelbewegung entstanden und werden nach wie vor von ihr getragen. Was also in Burghausen die IG Jazz ist, ist in Kempten der Kleinkunstverein Klecks e.V. Zum 41. Mal hat der Verein mit seinen gut 70 aktiven Mitgliedern den „Jazzfrühling Kempten“ ausgerichtet. Mit heuer wieder gut 50 Konzerten auf fast 30 Bühnen gehört er nach wie vor zu den großen, anerkannten und eine ganze Stadt erobernden Festivals. Freilich hatte der Jazzfrühling in seinen besten alten Zeiten schon mal über 100 Konzerte. An seiner Größe wäre das Festival aber auch fast gestorben. Schon vor Corona hat der Verein einen Verjüngungs- und Konsolidierungsprozess gut hinbekommen. Auf Gerold Merkle und Hansjürg Hensler als prägende Figuren folgte ein Team um den Pianisten Andreas Schütz. Der Verein zieht ausreichend neue junge Mitglieder, …

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Konzertreihe „jW geht Jazz“ in der Berliner Maigalerie feiert Zweijähriges

(Von Gisela Sonnenburg) Das ist selten: Eine Tageszeitung betreibt eine Galerie und präsentiert dort regelmäßig Konzerte mit renommierten Jazzmusizierenden. Diese Besonderheit bietet die überregional erscheinende, linke Berliner Tageszeitung „junge Welt“ („jW“), die sich damit kulturell zu profilieren weiß. Zustande kam die „jW geht Jazz“ genannte Reihe aber durch einen Notfall. Denn die Jazzkoryphäe Hannes Zerbe, bekannt als Pianist, Komponist und Organisator, musste befürchten, dass die von ihm ausgerichteten, seit Jahrzehnten beliebten Jazzkonzerte im Berliner Musikinstrumenten-Museum mangels Förderung durch den örtlichen  Senat eingestellt würden. Diese Förderung kam später wieder dazu. Doch auch die zunächst nur als Ersatz gedachte, nicht mit Steuergeld geförderte Konzertreihe „jW geht Jazz“ in der Maigalerie der „jungen Welt“ wurde ein Erfolg – und blieb. Jetzt begeht sie ihr zweijähriges Jubiläum. Zeit der Unsicherheit „Das war damals wirklich prekär“, erinnert sich Hannes Zerbe, wenn man ihn auf die Zeit der Unsicherheit in Bezug auf die Finanzierung der Konzerte im Musikinstrumenten-Museum in Berlin anspricht. Zerbe, 1941 im heute polnischen Litzmannstadt geboren, ist seit Jahrzehnten eine treibende Kraft im  Berliner Jazz. „Jatz“ spricht Zerbe sein Lieblingswort auf deutsch aus, als Ausdruck seiner ostdeutsch geprägten Herkunft. Aber …

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Jazz kommt aus Afrika – zur jazzahead! 2026

(Von Kat Pfeiffer) Ein paar Töne – und klar ist: Das ist Jazz. Doch wie klingt eine Menge, die über Jazz verhandelt? So wie auf der jazzahead! 2026. In Halle 6 summt es wie in einem Bienenhaus – etwas lauter als im Vorjahr. Die jazzahead! verbindet Showcase-Festival, Club-Night in der Stadt, Branchentreffen, Workshops und Konferenz. Messe und Konferenz sind ausschließlich Fachbesuchern vorbehalten. Vor Ort treffen sich Booker, Labels, Musikorganisationen, Vereine, Festivalmacher, Journalistinnen und Musiker. In diesem Jahr ist die jazzahead! 20 Jahre alt geworden und wirkt von Jahr zu Jahr internationaler. Früher Meeting für deutsche Player Die größte Fachmesse Europas breitet sich weltweit aus. „jazzahead! war am Anfang ein Meeting für deutsche Player”, sagt Sybille Kornitschky, die treibende Kraft hinter jazzahead! „Wir hatten im ersten Jahr tatsächlich Teilnehmende aus drei Ländern: Deutschland, Italien und Österreich. Heute ist diese Veranstaltung weltweit die Nummer eins. Die Teilnehmenden kommen aus 62 Ländern von allen fünf Kontinenten. Das sind rund die 3.000 registrierte Teilnehmer, die anlässlich der jazzahead! nach Bremen reisen. Im Rahmen des Festivals, weil wir auch ein stadtweites Festival produzieren, sind das über 20.000 Menschen, die wir an …

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Marta Sánchez: Well prepared

(Von Robert Fischer) Einmal ist immer das erste Mal. Die im Jahr 1983 in Madrid geborene, in der spanischen Hauptstadt auch aufgewachsene, seit 2011 in den USA lebende Marta Sánchez hat sich viel Zeit gelassen für ihr Solo-Debüt. Umso neugieriger durfte man sein, welches Konzept sich die in der zeitgenössischen Kreativmusikszene mit eigenen Bandprojekten sowie als viel gefragte Begleitmusikerin höchst aktive, auch international tourende Pianistin für dieses Debüt überlegt hat. Im Februar 2026 flog die Musikerin, die zuletzt 2025 mit dem Downbeat Critics Piano Rising Star Award ausgezeichnet wurde, für zwei Konzerte nach Deutschland, um das am 17. April erscheinende Soloalbum vorzustellen. Das erste der beiden Konzerte fand am 19. Februar in München statt, wo sie von Martin Kolb für seine verdienstvolle Reihe JAZZplus in die Seidlvilla eingeladen worden war. Marta Sánchez ist leicht verschnupft. Erst an diesem Nachmittag kam sie nach einem langen Flug aus New York City, und nun sitzt sie schon in der Münchner Seidlvilla beim Soundcheck. Der ein bisschen länger dauert, denn ihr Soloalbum hat sie auf einem präparierten Klavier eingespielt, und diese Präparation gilt es nun für den Auftritt sorgfältig vorzubereiten. …

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jazz_news. Motiv. Foto: Hufner

Olga Reznichenko erhält den SWR Jazzpreis 2026

Die in Leipzig und Berlin lebende Pianistin gestaltet extrem aktiv und extrem vielseitig den Sound des aktuellen Jazz in Deutschland mit, ob vom Flügel aus oder an den Tasten elektronischer Instrumente. Ihre Kompositionen sind aus feinen Ideen zu einem festen Netz gewoben, in das sich auch ihre Mitmusikerinnen und Mitmusiker beim Improvisieren beherzt hineinfallen lassen können. Ihr Faible fürs Entdecken neuer Klänge und Spielarten ist immens und die Palette ihrer musikalischen Projekte ist denkbar breit. Wir hoffen, Olga Reznichenko mit diesem Preis in ihrem Wirken unterstützen zu können und freuen uns auf ihr Preisrägerinnenkonzert im Herbst. Der SWR-Jazzpreis ist mit 15.000 € dotiert und wird seit 1981 gemeinsam vom Land Rheinland-Pfalz und dem SWR vergeben. Werbung Die Jurymitglieder in diesem Jahr waren: Keisuke Matsuno (Musiker), Annika Sautter (Kulturmanagerin), Ulrich Stock (Journalist), Bettina Bohle (Leiterin Jazzinstitut Darmstadt), Etienne Emard (Referatsleiter Musik beim Ministerium für Familie, Frauen, Kultur und Integration des Landes Rheinland-Pfalz) und wir, Julia Neupert & Konrad Bott vom SWR. Am 31. Oktober 2026 findet die offizielle Preisverleihung als Konzert im BASF-Gesellschaftshaus in Ludwigshafen statt. Olga Reznichenko tritt dort mit ihrem neuen Ensemble „Olga’s Magic …

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Gelungenes Mini-Jubiläum – zur 55. Internationalen Jazzwoche Burghausen

Die 55. Internationale Jazzwoche Burghausen zeigte Wege auf, wie Bayerns ältestes Jazzfestival Szenewandel und Sparzwänge bewältigen kann. Ein Aufreger ist ja gut für jedes Festival-Langzeitgedächtnis. Die Polizei rückte zwar bei der 55. Ausgabe der Internationalen Jazzwoche Burghausen nicht an, anders als 2017 bei Cassandra Wilson und 1976, als Chet Baker verhaftet wurde. Dafür war beim Konzert von Festival-Liebling und Dauergast Wolfgang Haffner (nach eigner Schätzung war er mindestens 16 Mal hier) die Jazz-Polizei anwesend. Deutschlands prominentester Drummer hatte sich zu seinem großen Jubiläumskonzert (60. Geburtstag, 50 Bühnenjahre, 40 Jahre seit dem ersten Burghausen-Auftritt) einige Weggefährten eingeladen. Neben Viktoria Tolstoy, Nils Landgren und dem Überraschungsgast Jakob Manz auch Shantel, einen alten Freund aus dem Pop-Bereich, in dem Haffner ja auch gerne zu Gast ist. Und der 58-jährige Stefan Hantel stemmte das in die Wackerhalle, womit er in den Zweitausenderjahren zum Disko-Star geworden war: den Balkan-Pop seines Bucovina Clubs. Was das Burghauser Publikum überdeutlich verprellte: Buh- und Aufhören-Rufe waren zu vernehmen, viele stimmten mit den Füßen ab und verließen die Halle. Werbung Man kann sich nun trefflich darüber streiten, ob man das Burghauser Publikum – die Gebliebenen …

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