Heimsuchung aus dem urbanen Underground: Kid be Kid in der Bochumer Christuskirche

Kid be Kid – so nennt sich eine junge Berlinerin, die zurzeit immer gefragter wird. Im Ausland sogar noch mehr als in Deutschland. Ihr Soloauftritt im Bochumer Kulturzentrum Christuskirche legte vom ersten Ton an offen, warum dies so ist!


Der ehemalige Altarraum ist an diesem Abend mit durchsichtigem Zellophan umbaut, was – gepaart mit einer exquisiten Soundanlage – eine stylische Clublounge ergibt. Aufregend ist allein schon, wie sich in der atmosphärisch beeindruckenden Liveperformance an diesem Ort bei dieser zarten Person gleich vier mächtige Komponenten bündeln: Sie kann singen – und wie! Mit einer empfindsamen, manchmal brüchigen, durchaus an die Melancholie von Portishead erinnernden Stimme. Sie spielt Klavier – mit ausdrucksstark artikuliertem Anschlag. Simultan benutzt sie einen Synthesizer als das, was dieses Instrument sein will: Nicht als verschämtes Hilfsmittel, sondern als Lieferant expressiver, manchmal wabernd psychedelischer Flächenklänge.

Vor allem jedoch: Sie braucht weder Schlagzeuger noch Drumcomputer – denn allein ihre Stimme besorgt all dies scheinbar wie von selbst! Beatboxen, diese Kunst, mit allen möglichen stimmlichen Tricks Konsonanten zu perkussiver Wirkung zu verhelfen, das hat sie sich autodidaktisch beigebracht. Das ist bei ihr alles andere als ein modisches Gimmick, sondern vielmehr ein selbstverständliches funktionales Element für die weitgespannten, hypnotischen Stücke der Berlinerin. Das sorgt durchgängig für einen dunklen, elektropopartigen, trippigen Puls, der vor kantigen Garage-Rhythmen nicht halt macht, zugleich mit einem Feuerwerk an filigranen Akzenten aufwartet. Unfassbar ist auch dies: Dieses ganze integriert sie völlig selbstverständlich in die Gesangslinien der Melodien.

Wo viele Künstlerinnen, Akrobatinnen auf allerhand wundersamen Dingen circensich herumexperimentieren, kommt bei „Kid be Kid“ eine unglaublich empfindungstiefe Musik heraus. Ihre Gesangsstimme ist nicht im konventionellen Sinne „schön“ und will das auch nicht sein – aber gerade diese heisere Brüchigkeit in höheren Lagen wirkt umso berührender. Damit schloss sie die Empfindsamkeit eines tief persönlichen Jazzidioms mit dem aktuellem urbanen Underground mit seinen Beats, Scratches und dystopisch verzerrten Grime-Klangflächen wie zurzeit wohl keine andere kurz.

Alle Fotos: Stefan Pieper

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