Von der Idee zur Marke: Jazz & The City Salzburg

Tina Heine hat es geschafft, innerhalb von vier Jahren das Festival Jazz & The City von einer Idee zur Marke werden zu lassen. Aus der Erbmasse eines strukturell traditionellen und bereits seit zwei Jahrzehnten bestehenden Jazzfestivals in Salzburg hervorgegangen, hat sich eine Konzertreihe in ein urbanes Event verwandelt, das der Stadt fünf Tage im Herbst ein junges, vielseitiges und immens agiles Antlitz verleiht. Zwar schwärmen weiterhin Bus-Kohorten zumeist fernöstlicher Touristen über die Gassen aus und versuchen shoppend und fotografierend ein Bild von europäischer Gegenwart zu erhaschen. Daneben aber sieht man andere Leute, freakige, szenige, auch ganz normal interessierte Musikfans, die mit dem Programm unter dem Arm von einem Venue zu nächsten pilgern, um Konzerte in ungewöhnlichen Umgebungen oder auch ungewöhnliche Künstler in bekanntem Ambiente zu erleben.


Dabei gelingen dem Festival gleich mehrere Kunststücke. Zum einen sind nur wenige Konzerte klassischer Jazz im traditionell swingboppenden Stilverständnis. Wenn ein Schlagzeuger wie Pedro Melo Alves oder ein Geiger wie Théo Ceccaldi auf die Bühne kommen, dann muss man vielmehr mit Experimenten, freien Klängen, mit Energieausbrüchen oder auch clusternder Texturarbeit rechnen. Viele Konzerte brechen außerdem mit dem Tabu des Sitzkonzertes. Heijra etwa kommen mit Soul-Fusion in die Stadt, der Griot Habib Koité holt die Rhythmen Malis in die »Szene«, FORQ versuchen sich an einem zeitgemäß amerikanischen Update bluesrockigen Fusion-Sounds und die Freaks widmen sich dem selben Thema aus französisch schräger Stilperspektive.

Ohne erhobenen Zeigefinger

Das hängt bereits mit einem dritten Kunstgriff zusammen. Jazz & The City vermittelt den Zuhörern Modernes, Zeitgenössisches, ohne dafür mit dem Zeigefinger des Belehrenden anzutreten. Elliot Galvins Klaviertrio etwa arbeitet durchaus komplexer als die Jazz-Charts-Kollegen. Rolf Kühn ist zwar 90 Jahre alt, entlockt seiner Klarinette aber vehemente und nicht immer versöhnliche Sounds. Die Welt der Sängerin Somi ist eine Melange aus Harlem und afrikanischer Westküste, nachdrücklich pathetisch mit der Tendenz zur Kammermusik. Stian Westerhus versteht seine Gitarre als Soundgenerator für Texturen, nicht als Dudelhobel für Rekord-Süchtige. Edward Perraud wiederum trommelt auf allem, was Sound verspricht, nicht nur im Konzert, sondern auch im Rahmenprogramm etwa bei einem Klangspaziergang durch die Stadt.

Mut zum Risiko

Auch das gehört zum Festival: der Mut, selbst nicht zu wissen, was künstlerisch passiert könnte. Das Format der Blind Dates zum Beispiel bringt Musiker spontan und unvorbereitet zusammen, eine Konfrontation der Kreativität, für die Hörer so spannend wie für die Beteiligten selbst, die sich schon mal bei einem tatsächlichen Blindkonzert wiederfinden, im Dunkeln, ohne das Gegenüber vorher gesehen zu haben. Und das sind nur ein paar Beispiele von Dutzenden von Konzerten, die innerhalb der fünf Tage die Festspielstadt zur Festivalstadt machen und vom Mozarteum bis zu Galerien, Läden, Museen, Parkanlagen versuchen, Salzburg möglichst umfassend mit der Welt der improvisierenden Musik in Kontakt zu bringen.

Grenzen des Wachstums

Sie verweisen aber auch auf die sich bereits andeutenden Grenzen des Wachstums. Denn Jazz & The City wurde in diesem Jahr noch umfassender von einem großen Publikum angenommen, so dass es immer wieder zu Engpässen bei den Konzerten kam. Manch einer stand vor dem Bösendorfersaal mit säuerlichem Gesicht, weil er trotz Wartezeit keinen kontingentierten Platz mehr bekommen hatte. Vor einigen Spielorten bildeten sich Menschentrauben, das Konzept des kostenlosen und im Salzburger Sinne inspirierenden Kunstgenusses ging mehr als auf. Da ist noch Problemlösungsbedarf für die kommenden Jahre. Aber für jemanden wie Tina Heine dürfte das eine der leichteren Aufgaben sein.

 

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