30 Jahre Loft in Köln – Ein Orchestermusiker engagiert sich für die freie Musikszene

Erst 2 Jahre Bergbaustudium, nach kurzem Musikstudium fast 40 Jahre stellvertretender Solo-Flötist des WDR Sinfonieorchesters Köln, 16 Jahre Vorstand dieses Orchesters, 8 Jahre Mitglied des Personalrats des WDR, 25 Jahre Lehrer einer Hauptfachklasse an der Kölner Musikhochschule und seit 30 Jahren Hausherr des Lofts in Köln-Ehrenfeld: eine stolze Zahlenbilanz, die der gebürtig vom Niederrhein stammende Flötist und Konzertveranstalter Hans Martin Müller aus Köln sein Eigen nennen darf. Über seine langjährige Berufserfahrung, seine breitgefächerte, mit einem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete, Nachwuchsarbeit und sein politisches Engagement sprach mit ihm Andrea Will.


Andrea Will: Wenn man in Köln über Jazz spricht, kommt man am Loft – von der britischen Zeitung „The Guardian“ in eine Liste von „10 of the best jazz clubs in Europe“ aufgenommen – nicht vorbei. Die Verbindung von Flötist im WDR Sinfonieorchester und einem international bekannten Konzertort für improvisierte Musik, zeitgenössische Musik und Jazz ist nicht die naheliegendste. Wie kam es dazu?

Hans Martin Müller: In meiner Jugend spielte ich neben Flöte auch Saxophon. Mit 14 Jahren habe ich dann schon in einer Rhythm and Blues Band gespielt und bis zum Abitur einiges an Banderfahrung gesammelt. Mit der damaligen Moerser Kultband „Schacht IV“, deren „Leader“ ich auch war, sind wir dann auch im Fernsehen und in zahlreichen deutschen Clubs aufgetreten. Zudem waren wir die Hausband des Moerser Clubs „Die Röhre“, der 1968 gegründet wurde und aus dem dann 1972 das berühmte Moerser Jazzfestival hervorgegangen ist. Im Jahr 1968 ist in einer so kleinen Stadt wie Moers wirklich viel passiert. In gewisser Weise war „Die Röhre“ auch Vorbild für das Loft. Während des Studiums in Köln und danach habe ich fünf Jahre über dem Kölner Jazzclub „Päff“ gewohnt. Als ich 1986 dann das Loft gründete, war das auch ein „back to the roots“, dann jedoch ausschließlich als Organisator, nicht als Musiker.

Will: Das Loft zu einer in ganz Europa angesagten Location für Jazz zu machen war ein langer Weg. Was sind die entscheidenden Eigenschaften dafür?

Müller: Die entscheidenden Eigenschaften sind dieselben, die man überhaupt braucht, um ein Ziel zu erreichen. Den Willen und auch die Kondition zu haben, das zu tun, was man sich vorgenommen hat. Da kam mir zugute, dass ich aus einem Manager- und Ingenieurshaushalt kam. Nicht Musik, sondern Organisationstalent und auch handwerkliches Geschick waren mir in die Wiege gelegt, für Musik hatte man sich bei uns zu Hause nicht so sehr interessiert und obwohl ich vom Körperbau kein typischer Marathonläufer bin, war meine Zeit mit 3:30 Stunden bei 95 kg Gewicht mit 50 Jahren ganz anständig. Ein Talent für Kondition und Durchhaltewillen habe ich anscheinend auch.

Will: Wie hat das Loft dein flötistisches Schaffen verändert?

Müller: Erst einmal hatte ich mit dem Loft einen tollen Unterrichts- und Konzertraum für meine Lehrtätigkeit. Mein flötistisches Schaffen hat es insofern verändert, als dass ich nicht mehr ausschließlich auf das Flötenspiel konzentriert war. Dieser Zustand hat mir schon bei meinen ersten Probespielen gut geholfen, denn da stand mir der Rückweg zum Bergbaustudium immer offen. Man ist lockerer, wenn man Alternativen hat. Dann habe ich natürlich sehr viele großartige Musiker im Loft kennengelernt, deren Musik hat „meine Ohren“ bereichert, mich aber auch demütig gemacht. Ich habe dann auch einige „Jazzer“ unterrichtet, z.B. Saxophonisten, die in der Bigband auch Flöte spielen mussten, aber auch frei improvisierende Musiker, die mit der Flöte ihr Klangspektrum erweitern wollten. Von denen wiederum habe ich aber auch vieles gelernt und durch sie Musik kennengelernt, auf die ich sonst nie gestoßen wäre. Es waren zudem Komponisten der zeitgenössischen E-Musik wie Karlheinz Stockhausen, Luciano Berio, Péter Eötvös, Mauricio Kagel und viele andere mehr hier zu Gast. Das Loft war und ist durch diese Begegnungen eine ungeheure Bereicherung für mich als Person und Musiker.

Hans Martin Müller bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes

Will: Für deine Arbeit im Loft bist du mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden. Für viele junge Jazzer ist das Loft Sprungbrett für ihre Karrieren und Einstieg für Vieles. Bleibt man durch Nachwuchsförderung auch jung?

Müller: Ich bin ja nicht nur für die Tätigkeit im Loft, sondern auch für die kulturpolitischen Auswirkungen meines Wirkens in Köln ausgezeichnet worden. Als junger „68iger“ war und bin ich ein sehr politischer Mensch, der gestalten und verändern will und wollte, z.B. bei den Demonstrationen für den Bau einer neuen Musikhochschule zu Anfang der Siebziger, dann als ein Sprecher der Lehrbeauftragten, der Streiks mit angeschoben hat für bessere Bedingungen der Lehrbeauftragten. Im Orchester war ich lange Zeit im Vorstand und zusätzlich auch acht Jahre Mitglied des Gesamtpersonalrats des WDR.

Natürlich bleibt man jung durch den Kontakt mit jungen Menschen durch deren positive Energie. Ich habe zum Glück auch mit meinen beiden Kindern und den drei Enkelsöhnen einen engen Kontakt, ein weiterer „Jungbrunnen“ und dann hält ja auch die ständige Herausforderung so einen Betrieb wie das Loft am Leben zu erhalten jung.

Will: Kommen wir zu deiner kulturpolitischen Arbeit. Du hast in Köln die „Kölner Jazzkonferenz“ mit begründet und warst auch Sprecher des „Initiativkreis Freie Musik“. Wie haben diese Initiativen die Kölner Szene verändert?

Müller: Erst einmal hoffe ich noch, dass die Gründung der Kölner Jazz Konferenz (KJK) vor dreieinhalb Jahren aber auch die von mir betriebene Umorganisation des Initiativkreises Freie Musik (IFM) die Möglichkeiten verbessern, bei der Politik strukturierter auf die Anwesenheit und auf die Probleme der freien Musiker und speziell auf die der Jazzszene hinzuweisen und jetzt mit einem Mandat ausgestattet ins Gespräch zu kommen. Für das, was sie in der Kultur dieser Republik leisten werden die Künstler, die nicht in Institutionen arbeiten, zu wenig wahrgenommen und dadurch auch viel zu wenig finanziell gefördert. In Köln gibt es gerade eine große Diskussion über die Besetzung der Intendanz des Theaters – darauf reagieren die Presse und Medien mit „Es fehlt der Kulturmetropole Köln an Format“. Dass die freie Szene durchaus ein großes Format hat und unbeirrt weiter arbeitet wird da gar nicht oder kaum wahrgenommen. Jedenfalls hat die Gründung der KJK und die Umstrukturierung des IFM schon mal die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit und auch bei der Politik für die Probleme der einzelnen Szenen erhöht und dass ein Orchestermusiker das mit angestoßen hat ist schon ziemlich ungewöhnlich.

Will: Das Loft hat zum 10. Mal in Folge den Spielstättenprogrammpreis NRW verliehen bekommen. Welches Erfolgsrezept steckt dahinter?

Müller: Das Erfolgsrezept ist eigentlich relativ einfach: die Wahrnehmung – ich habe über viele Jahre bis jetzt auf fast jede Anfrage wenigstens geantwortet – auch wenn natürlich nicht immer positiv. Aber schon dadurch fühlten und fühlen die Musiker sich wahrgenommen und wertgeschätzt. Als Musiker habe ich vor jedem Respekt, der sich auf eine Bühne stellt, wir bemühen uns, alle Musiker immer gut zu behandeln oder wenigstens versuchen wir es und einige behandeln wir eben auch ein wenig besser, diese bessere „Würdigung“ ist uns aber anscheinend nie übel genommen worden. Es ist schon erstaunlich, wie viele Jazzmusiker im Loft ihren Weg begonnen haben, Frank Gratkowski, Hayden Chisholm, Nils Wogram, Pablo Held und sein Trio um nur einige zu nennen. Das Loft ist aber auch vor allem auch ein Ort der Dokumentation – das professionelle Tonstudio hat mittlerweile über 1.000 CDs aufgenommen – darunter viele Live-Mitschnitte.

Will: Verändert sich etwas in der Zusammenarbeit mit der Stadt Köln und anderen Gremien durch den wachsenden Erfolg des Lofts?

Müller: Das Loft zählt nun schon länger zu den Aktivposten der Kölner Musikszene und nichts ist natürlich so sexy wie „Erfolg“, den das Kulturamt der Stadt Köln natürlich wahrgenommen hat und dementsprechend auch reagiert hat. Ich habe das Loft als Ort von einem Musiker für die Musiker organisiert, das Wichtigste war für mich immer eine sehr gute Infrastruktur und diese war dann auch der Garant des Erfolgs. Es gibt wohl kaum einen Jazz Club, der qualitativ so ausgestattet ist wie wir. Zwei Konzertflügel, ein sehr guter Kontrabass, Schlagzeug – alle Instrumente auf höchstem Niveau – dazu eben ein professionelles Tonstudio, das von DLF, SWR und auch vom WDR gerne für Live-Mitschnitte benutzt wird. Die Stadt hat das dann vor 10 Jahren mit einem Betriebskostenzuschuss, der nach und nach erhöht wurde, honoriert, der jetzt, nachdem ich pensioniert bin und meine privaten Mittel nicht mehr so einsetzen kann, dem Loft das Überleben sichert.

Hans Martin Müller bei einem Konzert im Loft

Will: War es für dein Engagement in der freien Szene immer von Vorteil, eine Stelle in einem der großen Kölner Orchester zu haben?

Müller: Das war natürlich ein großer Vorteil so eine Stelle zu haben, vor allem was die finanziellen Möglichkeiten anging. Und dann war es erstaunlicherweise so, dass man eben als Mitglied eines großen Orchesters, aber eben auch zum Beispiel als Solo-Flötist des Bayreuther Festspielorchesters manchmal ernster genommen wurde, als wenn man jetzt selbst ein Mitglied dieser freien Szene gewesen wäre.

Will: Im Loft als Jazzstudierender aufzutreten gilt als „Ritterschlag“ unter jungen Musikern und Sängern. Sieht sich das Loft auch als Ergänzung zum Studium für mehr Praxiserfahrung unter professionellen Rahmenbedingungen, ähnlich wie die zahlreichen Orchester- und Chorakademien im Klassikbereich?

Müller: Ich sehe das nicht so ernst. Wir haben und hatten immer ein großes Herz und haben vielen Musikern einen Auftritt im Loft ermöglicht, die zahlreichen Examenskonzerte der Jazzabteilung sind ein Beispiel hierfür. Das Loft hat neben den „externen Examenskonzerten“ übrigens auch die Semesterabschlusskonzerte der Jazzabteilung erfunden, die jetzt unter dem Namen „Jazz Against The Machine“ im benachbarten ARTheater stattfinden. Natürlich ist für viele Studenten und junge Musiker das Loft der Ort, wo sie ziemlich unkompliziert ihre ersten Auftrittserfahrungen sammeln können und zugleich ihre Konzerte sehr kostengünstig vom Studio mitschneiden lassen können. Fast alle Kölner Jazzpreisträger haben sich mit Aufnahmen aus dem Loft beworben.

Will: Hat das Loft Einfluss auf die Szene indem das, was gespielt wird, bzw. die Bands, die auftreten, dann „angesagt“ sind?

Müller: Eher durch die zahlreichen Konzerte von Musikern die nicht in Köln leben hat man evtl. Einfluss auf die Szene, aber wir wählen nicht aus nach dem Motto – „das soll und das soll nicht“. Es geht um Qualität und dass wir als Motto eben „beyond mainstream“ haben, gibt den Musikern schon ein wenig die Richtung vor, die uns vorschwebt und „Jazz Sessions“ z.B. haben wir nie im Loft veranstaltet, das überlassen wir gerne anderen Veranstaltungsorten.

Will: Können „Klassiker“ in ihrer künstlerischen Entwicklung etwas von den „Jazzern“ lernen?

Müller: Ich habe jetzt schon 50 Jahre Jazzgeschichte mitbekommen und eben auch die Unterschiede von künstlerischer Entwicklung im Jazz über die Zeit. Das Spielen von Jazz wird heute fast genauso gelernt wie klassische Musik – beide können voneinander lernen – obwohl: es gibt ja kaum noch große Unterschiede. Natürlich könnten die „Klassiker“ von Jazzern lernen, mehr zu „improvisieren“, aber das Improvisieren gab es in der klassischen Musik ja früher auch, in der Barock Musik aber auch noch in der Klassik und Romantik Beethoven war ein großer Improvisator, ebenso wie Franz Liszt. Da könnte sich die klassische Musik Ausbildung auch auf ihre „Wurzeln“ besinnen. Der Jazzmusiker könnte vom klassischen Musiker vor allem lernen, dass man zu Proben und Verabredungen pünktlich erscheint – das war und ist für mich als ewig Wartender immer ein Problem gewesen.

Will: Was gibt dir die Arbeit mit den jungen Musikern zurück?

Müller: Der immer wieder neue Blick auf die Zustände der Gesellschaft aber auch auf mein eigenes Musizieren kommt durch die Nachwuchsarbeit zurück. Die Fragen und Antworten, die man hört, bringen neue Ideen und neue Sichtweisen und die sind bereichernd. Wer also in die Arbeit mit jungen Musikern investiert, bekommt reichlich zurück. Alles, was ich investiert habe, ist irgendwann auch wieder positiv zu mir zurückgekommen. Solche Erfahrungen helfen, um die Kraft zu haben, auch schwierige Situationen und Durststrecken zu überstehen. Und es tut jedem Menschen gut, wenn er spürt, dass er etwas tut was anderen hilft und die das dann auch zurückspiegeln.

Will: Was sind deine nächsten Projekte?

Müller: Mein Hauptprojekt ist, das Loft in jüngere Hände zu übergeben und meine Nachfolge vorzubereiten. Das ist bei einem Konzertort, der als Ein-Mann-Betrieb immerhin über 200 Konzerte im Jahr veranstaltet, gar nicht so einfach. Über 30 Jahre ist man da herein gewachsen. Nun ist es Zeit, die Erfahrungen weiterzugeben und vor allem die Finanzierung zu sichern, damit alles auf sicheren Füßen steht. Kostenlos, so wie ich es über die Jahre gemacht habe, wird das kaum noch jemand machen. Zurzeit baut mein Sohn Urs Benedikt, der eigentlich promovierter Biologe ist, aber mit dem Loft aufwuchs, die Strukturen für einen Wechsel auf und wie gesagt steht uns die Stadt Köln auch finanziell fördernd sehr wohlwollend zur Seite. Zudem gibt es seit drei Jahren ein Kollektiv von neun jungen Musikern, die sehr erfolgreich im Loft mitarbeiten. Ich bin also bester Hoffnung, dass der Wechsel klappt und das Loft der Kölner aber auch der nationalen und internationalen Jazz Szene erhalten bleibt.

Will: Du bist erfolgreich in verschiedenen Gebieten unterwegs. Was kannst du aus deiner Erfahrung jungen Musikern heute mit auf den Weg geben?

Müller: Leider ist die Art meiner „Karriere“ nicht wirklich oder nur zum Teil als Vorbild geeignet – sie wäre heutzutage so auch kaum noch möglich. Nach dem Abitur habe ich ja nach anderthalb Jahren Praktikum unter Tage Bergbau studiert, aber ich habe das unglaubliche Glück gehabt, zur rechten Zeit die richtigen Menschen wie meine Flötenlehrer Walter Jeschke oder Karlheinz Ullrich zu treffen, die mich als Musiker gefördert haben und ich habe diese Chancen dann genutzt und konnte, obwohl ich spät begonnen hatte, noch Musiker werden.

Es gibt sie leider nicht, die optimalen „Tipps und Tricks“, die sicher zum Erfolg führen. Darüber ist fast alles gesagt und geschrieben worden. Der „Markt“ ist ungeheuer hart, denn der Run auf die Positionen in den deutschen Orchestern ist ein internationaler Wettkampf und nur die Fittesten und Begabtesten werden Erfolg haben. Die Spitze einer Pyramide bleibt eine Spitze. Der Mut zur Vielseitigkeit wäre ein Vorschlag, aber das ist in der heutigen Zeit auch schon eine Plattitüde, denn es ist nicht mehr die Zeit der einfachen Biografien. Ich habe Bergbau studiert und bin Musiker geworden – mein Sohn ist in Genetik promoviert und betreibt jetzt das Loft als mein Nachfolger – cest la vie!

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