Who is afraid of jazz?

angstGanz früher hatten manche Leute noch Angst vor dem Jazz. Er war ihnen zu wild, zu aufmüpfig, zu frenetisch, zu sittenlos. Später dann zu sperrig, zu hektisch, zu kompliziert, zu frei, zu chaotisch, zu laut. Heute muss niemand mehr Angst haben. Die meisten Jazz-Neuheiten, die als CDs in meinem Briefkasten landen, tönen so ruhig, langsam und melancholisch, als wäre gerade jemand in der Familie gestorben. Man hört sanfte Akkorde, einen schläfrigen Bass, ein verhuschtes Schlagzeug, vielleicht ein gehauchtes Saxophon. Die Welt ist irgendwie ganz furchtbar ernst und total am Wegdämmern.

Natürlich verstehe ich, dass die jungen Musiker heute den Jazz nicht mehr so spielen wollen, wie er früher klang. Man kann nicht einfach wild loshotten wie in den Zwanzigern oder smart swingen wie in den Dreißigern. Man kann nicht anfangen, sperrig zu boppen wie in den Vierzigern oder bluesig zu grooven wie in den Fünfzigern. Man kann nicht zurückgehen und wieder frei loslegen wie in den Sechzigern oder elektrisch ausholen wie in den Siebzigern. Die Zeiten sind vorbei, die Zeiten sind andere.


Nur: Wer sagt, dass man deshalb ohne Feuer spielen muss, frei von Energie, witzlos, ohne rhythmischen Schwung? Dass man klingen muss wie brave Klavierschüler, die eben noch Schumann geübt haben? Wie schüchterne Konfirmanden, denen gerade der Ernst des Lebens aufging?

Ich suche auf neuen Jazz-CDs nicht länger nach packenden, aufrüttelnden Hör-Erlebnissen. Wenn ich Dynamik will, Drama, Rhythmus, Emotion, dann lege ich mir Beethoven auf. Oder Mahler. Oder Strawinsky. Wer hätte gedacht, dass ich sogar Bruckner einmal spannender und frenetischer finden würde als neuen Jazz! Schlimmer noch: Jetzt bin ich es, der Angst hat vor dem Jazz. Angst vor tödlicher Langeweile.

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7 Kommentare

  1. Sorry – das sehe ich ganz anders. Jazz verstehe ich als Ausdruck von Emotion, absolut in der Gegenwärtigkeit verhaftet und immer neu. Klar gibt es auch wirklich phantasielosen Jazz – aber das hat nichts mit der Geschwindigkeit oder dem Rhythmus zu tun. Ich selbst bevorzuge z.B. straight ahead Jazz, sehr gerne Balladen. Und die können total begeistern und toll sein. Free Jazz z.B. ist nicht so meines – zu laut und oft viel zu viel Egozentrik.
    Ich kann nur empfehlen: Einfach mal eine Pat Martino CD einlegen (nein, gibt’s nicht bei ECM) und die Faszination der Genialität, Komplexität und Perfektion erleben. Überraschend z.B. Exit (immer noch) oder Live at Joshi`s (tolle Klangwelten) —- und wem da langweilig wird, soll einfach mal versuchen es nachzuspielen.

  2. Nichts gegen unterschiedliche Geschmäcker und Vorlieben. Aber Du sollst Dir kein Bildnis machen. Der Mensch ist lernfähig und zu empfehlen ist, dass man ein musikalisches Statement zuerst an dem misst, was es beabsichtigt – es aufnimmt und eventuell auch wertschätzt für das, was es sein will. Wichtig ist auch, sich im Klaren zu sein, was ich jetzt von Musik erwartet: Entdeckungen? Erinnerungen an grosse vergangene Momente? Aufmerksames Zuhören oder leichte Hintergrundsmusik? Jazz kann heute ganz verschiedene Bedürfnisse erfüllen. Und dann ist Beethoven ebenso anregend wie Anthony Braxton oder z.B. eine Feldaufnahme aus Afrika.

    1. Sehe ich ähnlich, Herr Solothurnmann. Sie als improvisierender Musiker haben allerdings zwangsläufig einen breiteren Horizont als Konsument XY, der z. B. erwartet, vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk oder von der CD-Abteilung im Media Markt neue Anregungen zu bekommen. Ich bin kein Musiker, bekomme aber genug Anregungen durch die aktive Teilnahme an spannenden Musikforen, um musikalisch nicht in der Vergangenheit zu bleiben. Hamburg ist für avantgardistischen Jazz nicht gerade berühmt, aber auch hier verirren sich immer wieder hochkaritäge Musiker – wie nächste Woche z. B. Tobias Delius vom ICP-Orchestra, der mit 2 jungen Norwegern im Trio Whirl sehr spannenden zeitgenössischen Jazz macht.

  3. Tödliche Langeweile. Naja, ich würde es nicht ganz so hart ausdrücken, aber langweilig wird dem einen oder anderen sicherlich immer öfter (zumindest höre ich das in meinem persönlichen Umfeld in zunehmendem Maße). Es ist unbestritten so, dass die Massen an talentierten Studierenden an deutschen Hochschulen bzw. europäischen Konservatorien binnen weniger Jahre technisch gesehen auf einem unfassbar hohen Niveau agieren. Nur: Wie viele von denen haben denn noch wirklich etwas zu erzählen, wenn man bei all den Stunden des Übens und des „Auscheckens“ offenbar immer häufiger vergisst zu leben? Wo sollen die Geschichten dann bitteschön auch herkommen? Natürlich gibt es Ausnahmen, die bei allem technischen Geschick auch noch etwas zu sagen haben, aber es handelt sich eben um Ausnahmen.

    Und noch eines kommt hinzu: Gerade an niederländischen Konservatorien, an denen eine nicht unbedeutende Zahl deutscher Nachwuchsjazzer studiert, wird Jazz gern sportiv gesehen. Viele der Dozenten dort haben eine klassische Ausbildung, irgendwann Jazz kennengelernt und sich in ihn verliebt. Das sei jedem zugestanden. Doch wo sind denn die Ed Krögers geblieben, die sich früher Jazzplatten mehrfach kaufen mussten, weil diese vor lauter Heraushörerei („Du willst Jazz lernen? Dann fang an zu hören! Es ist im Prinzip bereits alles auf Platte.“) regelrecht abgedudelt waren?

    Musik spiegelt auch immer das reale Leben wider: Der Leistungsgedanke der rezenten Gesellschaft des „schneller, höher, weiter“ ist längst in der Musik angekommen. Folglich sollten wir an unserem Anspruchsdenken und unserem Zusammenleben arbeiten – dann wird auch der Jazz (und nicht nur der) garantiert wieder interessanter fürs Herz.

  4. Meine ersten beiden Schallplatten mit Jazz-Titeln kaufte ich 1965; da war ich 11 Jahre alt. Es folgte eine lange, aufregende Nacht mit Armstrong, Monk, Adderley, Parker, Coltrane usw.
    Zugegeben, eine CD-Neuerwerbung heute würde mich nach langen Jahren heftigen Jazz-Konsums möglicherweise nicht mehr im gleichen Maße erregen. Aber das liegt eher an meiner großen Lebenserfahrung und Gelassenheit als weit weniger am Angebot. Nie war es so vielfältig und durchaus auch aufregend wie heute! Es ist anders.

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