Winterjazz 2014. Köln. Foto: Basche

Winterjazz in Köln 2014 – Bericht und fotografische Eindrücke

Die Fakten sind ja ziemlich schnell erzählt. 21 Gruppen auf insgesamt 5 Bühnen an einem Abend im und um den Kölner Stadtgarten. Knapp 75 Musiker gaben sich die Ehre. Kostenlos und drinnen, sofern man einen Platz irgendwo ergattern konnte. Stilistisch eher an aktuellen Jazz-Klängen orientiert, die nicht selten die Sphären zur improvisierten Neuen Musik streifte. Deckungsebenen gibt es ja genug.


Fotos: Petra Basche

Gleichwohl: Als Zuhörer hatte man es schwer, a) sich zu entscheiden, wohin man wollte und b) sich seinen Hörraum zu erobern. Schlangen oder Menschentrauben vor den Veranstaltungsräumen zeigen an, wie erfolgreich das Konzept ist, einen ganzen Abend sukzessiv und synchron Musiker aufspielen zu lassen und wie schwierig die Hörsituation zu finden ist.

Dabei haben sich die Veranstalter ziemlich gewitzt angestellt. Jede Bühne hatte ihren Schwerpunkt. Im Pub, Irish Harp, hätte man neuen Vokaljazz hören können, im „Zimmermanns“ etwas lautere experimentellen Jazz, im Restaurant des Stadtgartens eher Grooviges, auf der Studiobühne Soundtüftler und im „Großen Saal“ Konzertantes mit Klavier. Die Entscheidung wurde einem aber situations- und füllebedingt eher für manchen endgültig – man kam, emphatisch gesprochen, nicht mehr rein, oder nicht mehr raus.

Gehörte Höhepunkte

Dem Rezensenten erging es nicht anders. Konzentriertes Zuhören gelang ihm endlich nur im großen Saal. Dort spielt am Ende „Hans Lüdemann Nu Rism“, ein Klaviertrio mit Hans Lüdemann an Klavier und Virtual-Piano, Joscha Oetz (Bass) und Jonas Burgwinkel (Schlagzeug). Lüdemann hatte sein Keyboard dafür genutzt, das Klavier zu verdoppeln und zwar um einen Viertelton verschoben. Vierteltonjazz bekommt man nicht jeden Tag zu hören. Und das kann auch relativ dumm klingen, wie eine Klangetüde. Nicht so bei Lüdemann. Hier ergaben sich die schönsten Klangerweiterungen, Schwebungen, akustische Verschiebungen. Daneben sorgten seine Mitmusiker für einen gleichwohl rasanten Drive. Wobei besonders Burgwinkel in unvergleichlicher Art und Weise für Bodenhaftung wie sphärische Akzente sorgte. Alles sorgfältig gehört, in der Tat „Nu Rism“ exponierend. Das sog einen einem Strudel gleich in diese Rhythmenmaschinen ein, aber spuckte die Zuhörer statt nach unten, nach oben wieder aus. Die  Adaption von Brecht/Eislers „Über den Selbstmord“ zündete gleichwohl etwas weniger.

Fotos: Petra Basche

Zwei Auftritte davor hatte die Mitorganisatorin Angelika Niescier (Saxophon) in einem anderen Trio ihren Auftritt. Mit Simone Zanchini (Akkordeon) und Stefano Senni (Bass) breiteten sie episch hochkomplexe Arrangements aus. Da fehlt bisweilen etwas die Geduld in den bizarren Klanggebilden. Das Trio mochte nicht immer ganz bei sich zu sein, so wie es die Kompositionen erfordern würden. Und das behinderte anders herum den freien Fluss in die Weite. Dennoch erzeugten diese anspruchsvollen Kammermusikstücke immer wieder genug Hörhaftpunkte, an die man sich andocken konnte, um sich mitnehmen zu lassen. Bis zur nächsten akustischen Abfahrt.

Fotos: Petra Basche

 Nachtstudio-Sound

Im Studio wirkte die Musik häufig dagegen etwas solipsistisch. Ja, man kann auch mit wenigen und leiseren Tönen zarte und trotzdem raumfüllende Musik produzieren. Doch geschmiert läuft es da nicht immer. Bei „Florian Zwissler (analoger Synthesizer), Georg Wissel (präpariertes Saxophon), Nicola Hein (akustische Gitarre) und Constantin Herzog (Bass) beispielsweise versuppte es schon mal gerne in einer Tonbeliebigkeit, die für die Musiker noch interessant sein mochte, nach außen aber wie falscher Bernstein wirkte. Nicht viel anders bei „Schickentanz 4 feat. Nadolny“ (Andreas Schickentanz (Posaune), Matthias Nadolny (Tenorsaxophon), Johannes Behr (Gitarre) und Matthias Nowak (Bass)).

Fotos: Petra Basche

Im Zimmermann’s machte Tau (Philipp Gropper (Tenorsaxophon), Philip Zoubek (Synthesizer), Petter Eldh (E-Bass und Electronics) und Daniel Schröteler (Schlagzeug)) in einem viel zu kleinen Schlauch-Raum seine Aufwartung. Die akustische Enge des Raumes wollte sich nicht so recht mit der Musik kreuzen lassen. Die geradezu pedantisch mühevolle kompositorische Aufbauarbeit versickerte auf dem Wege zum Rezensenten am Ende des Schlauches. Das ist einfach schade.

Die Musikauftritte in der Irish Harp waren draußen nur wenig gut durch die Eingangstür und die Scheiben zu hören. Aber im Einzelfall schien es gewisse, rein technisch-akustische, Probleme gegeben zu haben.

Fotos: Petra Basche

Potential und Grenzen der Veranstaltung

Und das führt zurück zur Winterjazz-Problematik. Es war ja nur gut, dass es nicht zu kalt war, so dass manche Warterei zu ertragen gewesen ist und es in den Räumen selbst nicht zu stickig, wintermantelig wurde. Das Publikum war, wenn es denn seinen Platz fand, wirklich geduldig und konzentriert beim Hören. Etwas, was bei Umsonst-Und-Draußen-Festivals nicht so leicht möglich wäre. Bis auf die Acts im Restaurant geht es nämlich ohne die hörende Konzentration gar nicht! Und zu viel Durch-Lauf von Publikum wäre dann auch nicht angenehm. Wie sollte man es besser machen? Andere akustisch bessere Räume würde man sich für die eine oder andere Klangentfaltung wünschen. Nur fehlte dann das anarchistisch-atmosphärische dieses aus Miniveranstaltungen zusammengesetzten Big Events.

Winterjazz fand jetzt zum dritten Mal statt und soll fortgeführt werden. Das Vorbild aus New York feiert in diesem Jahr sein zehnjähriges Bestehen und geht über fünf Tage, an zehn Plätzen mit 90 Gruppen und etwa 400 Musikern – und kostet Eintritt. Der Vergleich von Unvergleichbarem mag nur dazu angetan sein, zu schauen, wohin die Reise gehen könnte. Köln mag und kann nicht mehr hergeben, als diese eine Nacht – doch könnte diese eine Nacht etwas mehr hergeben, wenn sie mehr Raum nutzen könnte. Ein bisschen eng wirkt auch die Auswahl der auftretenden Musiker. Das mag vielleicht ja dramaturgisch gewollt sein – es ist ja keine touristische Veranstaltung – doch wenn man sich länger dem Menschendruck ausgesetzt fühlt und die Aufführungsorte nurmehr schwer zugänglich werden, kommt unnötiger Druck auf, was den Gesamteindruck trübt.

Fotos: Hufner

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3 Kommentare

  1. Veranstaltungsräume in Köln, zwischen dem 11.11. und Aschermittwoch, gut zugängig, bezahlbar? Eher nicht. Von der Dekoration die man dabei vorfindet gar nicht zu reden.

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