Echo Jazz – Raus aus dem Kellermief?

So wirklich will sich im ernsthaft verbissenen Deutschland keiner über den neuen Wurf der hiesigen Musikindustrie, den ECHO JAZZ, freuen. Warum eigentlich nicht? Liegt wohl am bereits redlich verdienten kommerziellen Image seiner älteren Brüder ECHO und ECHO KLASSIK, bei denen man vermuten darf, dass die Champagnermarken für’s Catering schon getestet werden, bevor die Nominierungen rausgehen.


Der moderierende Till Brönner ist bei dieser Sache vermutlich nicht die schlechteste Wahl – nicht weil er angeblich so gut aussieht, letztlich ist er optisch auch nur einer von uns Normalos –, sondern weil er zufällig auch noch passabel mit der deutschen Sprache umgehen kann. Also kein verbaler Rohrkrepierer ist. Soll’s ja geben unter Jazzern – viele Töne, wenig Silben. Was das ewige „Dressman“-Gegrummel angeht: Zerknautschtes Sakko und ausgelatschte Turnschuhe mit Existenzialisten-Kopfbedeckung dürfen sowieso nur noch Jazz-Rentner tragen.

Nein, der Brönner ist schon richtig bei dieser Veranstaltung, die von ihrem Ausrichter mit professioneller Nüchternheit als „Musik-Entertainment-Marke“ beschrieben wird. Will wohl heißen, auch beim ECHO JAZZ steht die Präsentation im Zentrum der Aufmerksamkeit und man begreift sich zunächst einmal vor allem als Event. Klingt, ehrlich gesagt, nicht ermutigend, was die Auswahlkriterien für die Preisträger angeht. Vielleicht hofft man, dass wenn’s genügend blitzt und blinkt, der Kellermief verschwindet, der den Jazz seit Anbeginn der Zeiten begleitet hat und an den Klaus Doldinger sich noch lebhaft zu erinnern scheint (siehe JazzZeit-Interview).

In Wirklichkeit ist der Jazz längst in den snobistischen Höhen der Hochkultur angelangt, was noch gefährlicher ist für die Industrie, die in Bochum mit Pomp und Gloria Imagepolitur betreiben will. Die mittlerweile recht akademisch geprägte, vom Kultursponsoring benebelte Jazzszene wird den Teufel tun und Leuten applaudieren, die ihnen von der Industrie als Elite präsentiert werden. Geht gar nicht anders, denn sonst müsste sie vom hohen Ross des notorischen Underdogs heruntersteigen – die Steigbügel aber sind längst mit den Stiefeln verwachsen und verkrustet. Wussten Sie es nicht? Kunst und Kommerz vertragen sich nicht, und wer Erfolg hat, kann nicht ganz knusper sein. Das weiß jeder – Klaus Doldinger am besten von allen.

Beim meckern nicht vergessen: Der ECHO JAZZ ist zwar ein Preis der Industrie, für die vor allem Verkaufszahlen zählen,  die Preisträger aber lassen sich nicht alle in Grund und Boden verdammen. Wenn man an Michael Wollny denkt, bleibt sogar die Hoffnung, dass auch Sperriges beim ECHO JAZZ eine Zukunft hat. Aber dann wird’s nicht ganz gehen ohne Schlabbersakko und Sneakers…

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15 Kommentare

  1. Dass unser vielleicht bestangezogenster Jazzmusiker Till Brönner die Echo-Jazz-Gala in Bochum moderiert, geht ja in Ordnung. Aber fragwürdig (also zum kritischen Hinterfragen einladend) wird der Echo Jazz dadurch, dass z.B. die Labels für die eingereichten Bewerbungen eine Bearbeitungsgebühr bezahlen mussten. Und nein, die Preisträger wurden nicht durch Verkaufszahlen ermittelt (wie auch, bei einem Marktanteil für Jazz in Deutschland von rd. 1,6 Prozent), sondern durch eine Jury. Und deren Entscheidungen sorgten bei mir in manchen Fällen für Stirnrunzeln – etwa, dass ein Frederik Köster zum „Trompeter des Jahres national“ wurde, eine Angelika Niescier aber, die längst in der Szene etabliert ist, zur „Nachwuchsmusikerin des Jahres“. Und bei den Presseerklärungen der Veranstalter wird’s dann ganz besonders schlimm. Sätze wie: „Ein ‚Lady sings the blues‘ von Dee Dee Bridgewater graviert sich in die Gänsehaut. Die Bochumer Jahrhunderthalle wird somit zum musikalischen Tattoo-Studio der amerikanischen Künstlerin“ sind sinnfreier Blödsinn und lösen bei mir „Fremdschämen“ aus. Typisch deutsch, meine kritische Haltung? Ja, das hoffe ich doch sehr.

  2. …leider leider, Jörg, wurden die zerknautschten Turnhosen oftmals von grauen Jogginghosen oder zerbeulten Jeans abgelöst. Deshalb bin ich wirklich gespannt, wie – vor allem die Herren – beim ECHO auflaufen. Die Damen im Jazz kleiden sich ja von Haus aus besser. Aber so kommen wir ja ganz vom Thema ab. Typisch Frau… – und untypisch deutsch.

  3. …sind wir hier jetzt bei der Modenschau – oder im Jazz-Keller, oder gar im Jazzer-Himmel? Trägt Till Brönner Leoparden-Tangas, und welche Farbe hat sein Dr.Bösels-Lippenfett? Pink???
    Es spricht für den Zustand des Genres, dass hier viel über Begleiterscheinungen und wenig über die musikalische (oder auch soziologische) Substanz geschrieben wird…

  4. Gleichgültig, ob beim Echo Pop, Klassik oder eben Jazz, genau um diese nebensächlichen Begleiterscheinungen dreht es sich bei dieser Veranstaltung. Obwohl auch die Jazz-Musikindustrie mittlerweile auf dem Boden der Tatsachen aufgeschlagen ist, hat man anscheinend noch immer den Traum vom „unbegrenzten Wachstum des Jazz-Musikmarktes“ vom Ende der 90er Jahre als Blaupause im Kopf – inkl. des Wunsches, mit Hilfe des Pop dem Jazz neue Hörer und vor allem Käufer zuzuführen. Nachdem sich in den vergangenen zehn Jahren aber viele dieser Träume eher als Wunsch denn als Wirklichkeit herausgestellt haben, versucht man es nun mit dem Echo Jazz – oder mit einer Jazzkomm innerhalb der Berliner Popkomm.

  5. Wahrscheinlich liegt die einzige Chance des Jazz auf größere Marktanteile in der schrumpfenden Größe des Gesamtmusikmarktes – wenn man einmal die wohlwollende Annahme zugrunde legt, dass es unter Jazzkäufern weniger böse Downloader gibt, als im Popbereich. Das dürfte allerdings kaum im Sinne des (Musikwirtschafts-)Erfinders sein und Dieter Gorny müsste sich dann auch nicht so anstrengen, das faltige Gesicht des Jazz mit verjüngenden Botoxspritzen aufzupeppen.

  6. …ganz frische Pressemeldung: Uwe Ochsenknecht wird Klaus Doldinger laudatieren. Hier zur Info der gesamte Presstext.
    „Am Mittwoch, den 5. Mai verleiht die Deutsche Phono-Akademie zum ersten Mal den ECHO Jazz an herausragende Künstler. In der Jahrhunderthalle Bochum erhalten die Preisträger ihre Auszeichnungen aus den Händen von prominenten Laudatoren. Uwe Ochsenknecht, Sido & Cassandra Steen, Piet Klocke, Ralph Morgenstern und Helmut Zerlett präsentieren jeweils eine Kategorie und überreichen die Trophäen. Weitere Laudatoren gibt der Bundesverband Musikindustrie in Kürze bekannt. Moderator der Preisverleihung ist Jazz-Star Till Brönner. (…)
    „Das Boot“ machte Uwe Ochsenknecht 1981 weltbekannt und markiert den Beginn seiner intensiven Freundschaft zu Klaus Doldinger, der die Titelmusik zu dem prämierten Film beisteuerte. Am 5. Mai hält Ochsenknecht die Laudatio auf die Jazz-Legende. Doldinger bekommt den ECHO Jazz in der Kategorie „Instrumentalist des Jahres national“ für seine Saxophon-Künste. Rapper Sido und Soulsängerin Cassandra Steen, beide in diesem Jahr mit einem ECHO ausgezeichnet, ehren mit ihrer Lobrede Michael Wollny, den „Instrumentalist des Jahres“ im Bereich Piano.
    Entertainer Piet Klocke kommt ebenfalls als Laudator auf die Bühne und zeichnet Céline Rudolph mit einem ECHO Jazz aus. Klocke selbst spielte Anfang der 1980er Jahre in der von ihm gegründeten Jazz-Punk-Band „The Tanzdiele“. Noch steht nicht fest, ob der wortgewandte Kabarettist als Jazz-Punker oder als „Professor Schmitt-Hindemith“ die Trophäe an die „Sängerin des Jahres national“ überreicht. Der Ruhrgebietler unter den ECHO Jazz-Laudatoren, Ralph Morgenstern, ist als Schauspieler und Moderator ein wahrer Allrounder. Er stimmt das Loblied auf Curtis Stigers, den „Sänger des Jahres international“ an. Helmut Zerlett versüßt mit seinen musikalischen Intermezzos wöchentlich die „Harald Schmidt“-Show. Beim ECHO Jazz kürt er ohne Keyboard und Orgel, dafür mit Stimmgewalt und Sprachmelodie das Vijay Iyer Trio als „Ensemble des Jahres international“.“

  7. Deutschlands Rüpel-Rapper Sido als Laudator für Michael Wollny (sic!) beim Echo Jazz. Sauber! Neben Daniel Küblböck (der sich tatsächlich in der Nachfolge eines Frank Sinatra sieht) jetzt also mit Sido, dessen „Augen auf“ es als Swing Remix gibt, eine weitere Botox-Spritze für die vergreisende Jazz-Community. Was müssen wir in den vergangenen Jahren für ein Bild abgegeben haben, dass uns der Phono-Verband das jetzt zumutet. Freu‘ ich mich schon richtig auf die Gala in Bochum am kommenden Mittwoch.

  8. Ich freue mich auch schon. Wobei Sido doch mittlerweile soviel Rüpel ist wie Andreas Vollenweider. Andererseits, Nomen ist Omen, wie man in die Musikindustrie hineinruft, so schallt es heraus. NB: Der Deutschen Musikautorenpreis der GEMA (Autoren eheren Autoren) in der Kategorie Jazz ging an Nils Wogram (nominiert waren außerdem Achim Kaufmann und Rainer Tempel). Laudator war immerhin einer, der ein bisschen Ahnung hat: Matthias Winckelmann.

  9. …super, super, hyper, hyper: Der Jazz hat jetzt einen neuen Helfer, einen erfahrenen Spitzen-Lobbyisten – fragt sich nur, ob er den verdient hat:

    Dieter Gorny will den Jazz aus der Nische holen
    Denkt über ein begleitendes Festival zum Echo Jazz nach: Dieter Gorny

    Dieter Gorny, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Musikindustrie, hat in einem Interview mit der „Welt“ die Motivation hinter der ersten Echo-Jazz-Verleihung am 5. Mai in Bochum erklärt. Der Jazz habe sich „im positiven Sinne selbstständig gemacht“, was man an den Erfolgen von Roger Cicero und Till Brönner sehe. „Einen Echo gibt es nur, wenn man den Eindruck hat: Das trägt sich auch als eigenständige Veranstaltung“, erläutert Gorny. „Der Jazz hat genug Ehrenrunden gedreht, jetzt ist er endlich auf den Punkt gekommen.“

    Auf dieser Basis will Gorny den Jazz aus der Nische holen und ein größeres Publikum ansprechen: „Ich glaube, wenn man so eine spannende Musik einer breiten Bevölkerungsschicht nahebringt, haben auch die Bereiche etwas davon, die eher avantgardistisch und schräg sind.“

    Auch einen Ausblick in die Zukunft der Veranstaltung gab Gorny: „Für den Jazzmusiker ist das Konzert der zentrale Darbietungspunkt seiner Kunst. Deshalb gibt es ja auch die Idee, den Echo Jazz schrittweise um ein Festival zu erweitern.“

    Quelle: MusikWoche

  10. Meinung eines dabei-Gewesenen: Die Grundrichtung stimmt. Sonst wäre der ECHO Jazz wahrscheinlich so schnell wieder weg, wie er entstanden ist. Schließlich muss eine Weiterführung der Veranstaltung auch für die Macher aus kommerzieller Sicht vertretbar sein. So war es eine bewusst für ein breiteres Publikum gemachte Veranstaltung. Und dieses Publikum dürfte sehr schöne 90 Minuten verbracht haben. Und einiges entdeckt haben, was es vorher nicht kannte. Und professionell umgesetzt war das Ganze auch. Das könnte eine gute Einstiegsdroge in das Thema Jazz werden. Das der Echo unser Lieblingsthema nicht in all seinen Facetten abbliden kann und unserem Allerliebsten nicht einmal ansatzweise gerecht werden kann liegt in der Natur der Sache. Dafür gibt es ja auch schon grandiose Medien (wie auch die Jazzzeitung). Wenn wir wirklich wollen, das sich ein breiterer Kreis für die schönste aller Musikrichtungen öffnet, dann denke ich, sind wir mit solchen Ereignissen auf dem besten Weg. Wer erinnert sich noch an seine persönliche Einstiegsdroge? Waren das nicht auch oft die Überschneidungen von populärer Musik und Jazz? Bei mir (Jahrgang 80) waren es jedenfalls Branford Marsalis bei Sting, Michel Pettruciani bei Willemsen und Take 5 bei Jazzkantine. Und wenn man erst mal Feuer gefangen hat, wer weiss…Daher aus meiner Sicht: Hoffentlich weiter so, mit mehr Fingerspitzengefühl in vielen, vielen Punkten, die hier größtenteils schon zu Recht genannt wurden. Aber vor allem: weiter!

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