Rainer Wein

Rainer Wein

Seit Urzeiten schon liefert Rainer Wein seine Kolumne für die gedruckte Jazzzeitung. Titel: "No Chaser". Ende 2010 erschien bereits der 78. Text. Preisfrage: Wann hat er damit begonnen? Mit Informationen zu seiner Person ist er dagegen geizig. So viel ist immerhin bekannt: Er hat einen Produzenten-Freund in Italien namens Stefano und eine On-Off-Beziehung mit Petra, seiner Nachbarin. Hier mal etwas Autobiographisches (das war seine Print-Kolumne Nr. 34, das Baby ist inzwischen eingeschult)... ... ... Neuigkeiten von meiner hübschen Nachbarin: Sie ist schwanger. (Nicht von mir, ich schwöre.) Seitdem sie es weiß, will sie andauernd Musik-Tipps von mir. (Nicht für sich, sondern für das ungeborene Baby.) „Ach, es gibt doch genug Baby-Songs“, sagte ich: „Baby, it’s cold outside. I can’t give you anything but love, baby. Oder: Baby, you are my destiny.“ Das fand sie dann nicht so richtig lustig. Überhaupt muss ich sagen: Seitdem Petra (so heißt meine Nachbarin) schwanger ist, nimmt sie alles sehr ernst. „Die musikalischen Schwingungen, die ein Kind im Mutterleib erfährt, bestimmen später seine Sexualität, seine Berufswahl und sogar seine TV-Vorlieben“, verkündet sie immer wieder. „Vor allem natürlich seinen Musikgeschmack“, sage ich dann jedes Mal. Für die Zeit nach der Geburt hat Petra dagegen vorgesorgt. Ein ganzes Regalbrett voll CDs wartet auf das arme Kind: „Bach for Babies“, „Mozart for Babies“, „Adagio for Babies“. Alles nach neuesten therapeutischen Erkenntnissen altersgemäß geordnet: ab 3 Monate, ab 6 Monate, ab 12 Monate. „Und wo ist der Charlie Parker für die Fünfjährigen?“, wagte ich zu fragen. „Jazz-Harmonien sind ganz schlecht für Kinder“, antwortete sie, als ob sie auch nur die leiseste Ahnung von Parkers Harmonik hätte. „Das ist wissenschaftlich erwiesen, dass Jazz hyperaktiv macht. Auch die Zahl der Diabetiker steigt unter Jazz-Einfluss.“ Ich versuchte, ruhig zu bleiben. „Na, dann wird’s wohl ein rotwangiger Chefarzt oder Staranwalt werden, dein Kind. Deren musikalische Entwicklung bleibt ja bekanntlich bei Mozarts Krönungskonzert stehen.“ Irgendwie schaffte es Petra in ihrer Schwangeren-Würde, mir daraufhin ein alles verzeihendes Buddha-Lächeln zu schenken. Seit sich ihr Bauch rundet, ist sie aber auch irgendwie noch schöner geworden. Neuerdings lädt sie mich sogar zweimal die Woche zum Abendessen ein. Sie sucht doch nicht etwa einen Vater für ihr Kind? Ohne Parker geht da nichts, so viel steht fest.

Who is afraid of jazz?

 Posted by on 8. Dezember 2014  Blog  7 Responses »
Dez 082014
 
Who is afraid of jazz?

Ganz früher hatten manche Leute noch Angst vor dem Jazz. Er war ihnen zu wild, zu aufmüpfig, zu frenetisch, zu sittenlos. Später dann zu sperrig, zu hektisch, zu kompliziert, zu frei, zu chaotisch, zu laut. Heute muss niemand mehr Angst haben. Die meisten Jazz-Neuheiten, die als CDs in meinem Briefkasten landen, tönen so ruhig, langsam und melancholisch, als wäre gerade jemand in der Familie gestorben. Man hört sanfte Akkorde, einen schläfrigen Bass, ein verhuschtes Schlagzeug, vielleicht ein gehauchtes Saxophon. Die Welt ist [… mehr]

Abenteuerlust

 Posted by on 3. Dezember 2013  Blog  No Responses »
Dez 032013
 

Mein neues PolyParaphone kann praktisch alles. Seine Auto-Key-Funktion öffnet morgens das Garagentor, mit dem Syntraffic-Programm lotst es meinen Wagen durch den Berufsverkehr, es checkt mich mit einem simplen Iso-Funksignal am Arbeitsplatz ein, fährt über die HyperApp meinen Computer hoch, sortiert dann per AutoComTel die eingegangenen Mails, bestellt schon mal über Holofood mein Mittagsmenü und kommuniziert dank der Office-Epifunktion übers Intranet mit dem CEO. Mein PolyParaphone enthält meine komplette funktionale Persönlichkeit. Vielleicht schicke ich es ab morgen einfach ohne mich ins Büro. Dann [… mehr]

Die Frankfurter Geistmesse

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Okt 112013
 

Bei der Heiligen Messe soll ja gelegentlich der Heilige Geist vorbeischauen. Aber nun wurde auch auf der Frankfurter Buchmesse der „Geist“ gesichtet. Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, forderte bei der diesjährigen Messeeröffnung den Erhalt der Buchpreisbindung, weil anderenfalls „die Macht des Geldes über den Geist“ siege. Erstaunlich ist an dieser Formulierung, dass das Medium Buch einfach so mit Geist identifiziert wird, als wäre jeder Buchtitel mindestens Shakespeare oder Kant und das Wort „Geld“ in der Buchbranche unbekannt. Tatsächlich macht [… mehr]

Jazz Day

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Jun 302012
 

Fast hätte ich es gar nicht mitgekriegt: Es gibt jetzt einen Welttag des Jazz! Die UNESCO und Herbie Hancock haben den 30. April zum „International Jazz Day“ erklärt. Natürlich erschrickt man da erst mal: Ist es schon so schlimm? Solche Tage werden in der Regel ja erst ausgerufen, wenn etwas akut vom Verschwinden bedroht ist: der Wald und das Wasser, das Urheberrecht und das geistige Eigentum, die Feuchtgebiete und das deutsche Butterbrot. Ist es auch für den Jazz schon fünf vor zwölf? [… mehr]

Downloaden ist cool

 Posted by on 18. Juni 2012  Blog  No Responses »
Jun 182012
 

Wer wäre nicht gern Musiker? Ein Instrument spielen, auf dem Bandstand stehen, eigene Stücke präsentieren, Studio-Aufnahmen machen, eigene CDs verkaufen, Interviews geben… Nur leider fehlt den meisten von uns das Talent, um als Musiker erfolgreich zu sein. Denn andere sind besser. Selbst wenn wir Geld hätten, um uns eine gute Band zusammenzukaufen und ein tolles Studio zu mieten: Die anderen sind immer noch besser. Aber jetzt kommt Bewegung in die Sache. Jetzt kommt die große Chance für alle Betuchten, Millionäre und Promis. [… mehr]

Feb 272012
 

Vor nicht zu langer Zeit gab es in jeder deutschen Kleinstadt einen des Schreibens kundigen Jazzfan – im Zivilberuf Oberstudienrat oder Rathausbeamter –, der fürs Lokalblatt die örtlichen Jazzkonzerte besuchte. Dieser gute Mann kannte sich aus: Er wusste, dass Stan Getz kein Sänger war und Billie Holiday kein Kerl. Er konnte sogar ein Sopransaxophon von einer Klarinette unterscheiden. Doch dieser historische Typus des lokaljournalistischen, kleinstädtischen, verbeamteten Jazzfans ist akut vom Aussterben bedroht. Heute schicken die Lokalblätter zu Jazzkonzerten meist die hübsche Redaktionspraktikantin [… mehr]

Verrelevanzt

 Posted by on 7. Februar 2012  Blog  1 Response »
Feb 072012
 

Verliert Jazz an Relevanz, wenn der Pianist Jens Thomas die Rockband AC/DC covert? Und gewinnt Jazz plötzlich seine Relevanz zurück, wenn die Feuilletons über ihn schreiben? Verliert Jazz an Relevanz, wenn sein Publikum altert? Und gewinnt er an Relevanz, wenn die Werbehauptzielgruppe mit einem Mal Melody Gardot entdeckt? Besitzt denn diese Frage nach der Relevanz des Jazz überhaupt irgendeine Relevanz? Und wenn ja: Kann sie die auch wieder verlieren wie der Jazz die seine? Oder zurückgewinnen? Wie relevant sind im Vergleich zum [… mehr]

Der Barpianist

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Dez 302011
 

Am 27. Dezember 2011 zitierte Karl Lippegaus in der Süddeutschen Zeitung einen angeblichen (und anonymen) Besucher des Jazzfests Berlin. Der soll Folgendes gesagt haben: „Dass ein eher barpianistisch ausgerichteter Finne einen Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik bekommen kann, ist nicht mehr nachvollziehbar.“ Der zitierte Jazzfest-Besucher wertete diese Preisentscheidung als Hinweis darauf, dass es im Jazz keinen „Point of Reference“ mehr gebe. In der Tat wackeln in der Jazzwelt die Maßstäbe und Orientierungen. Bestes Beispiel dafür ist, dass ein informierter Jazzfest-Besucher – womöglich ein [… mehr]

Die Ansage

 Posted by on 8. Dezember 2011  Blog  2 Responses »
Dez 082011
 

Liebe Jazzmusiker, wir verstehen euch ja: Jazz macht Mühe. Da hat man endlich einen Gig ergattert, steht auf der Bühne und alles soll klappen. Die Tempi sollen stimmen, die Einsätze, das Saxophonblättchen soll nicht quietschen, die Musik muss nach vorne losgehen. Und ein paar originelle Ideen in der Improvisation wären auch nicht schlecht. Klar, dass man dann zwischen den Stücken nicht auch noch den Bühnenkasper machen kann oder den plaudernden Conférencier. „Danke. Das nächste Stück ist auch von mir“ – das muss [… mehr]

Jazz in Berlin (4)

 Posted by on 16. November 2011  Blog  1 Response »
Nov 162011
 

Es ist noch nicht lange her, da strömten Jazzmusiker von überall her, um hinfort in der Hauptstadt zu leben. Umbruch! Aufbruch!! Experiment!!! In geschätzten 200 Clubs konnte man Tag und Nacht performen, mal mit zwei Schlagzeugern, mal mit drei DJs, lauter Überraschungs-Gigs mit Überraschungs-Gästen – und 30 Euro Gage gab’s auch noch! Heute – so habe ich mir im Schwarzen Café in der Kantstraße erzählen lassen – muss man einen Überraschungs-Gig schon ein halbes Jahr vorher anmelden, die Wartelisten für interessierte Musiker [… mehr]