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Jazzzeitung

2011/05  ::: seite 16

rezensionen

 

Inhalt 2011/05

Inhaltsverzeichnis

STANDARDS

Editorial / break / Nachrichten aus der Jazzszene / kurz, aber wichtig Jazzlexikon: Michel Petrucciani no chaser: Feuilleton!

TITEL - Musik am Rand?
Zum 12. Darmstädter Jazzforum

DOSSIER - The Best Die Young
Ungelebte Lebensläufe · Von Hans-Jürgen Schaal

Berichte
Leipziger Jazztage // „Jazz auf Reisen“-Jubiläum mit Dusko Goykovich im Neuburger Birdland // Jazzfestival Saalfelden 2011 // Jazz Festival Viersen 2011 // Willisau Jazz Festival 2011

Portraits
Eddie „Lockjaw“ Davis // Pianist Stefano Battaglia // Quartett Fattigfolket // Sängerin Yara Linss // Nürnbergs Jazz-Szene // Matthias Winckelmann // Walter Bittners Zakedy Music

Jazz heute und Education
Die neue Hochschule für Kunst, Design und Populäre Musik in Freiburg // Der BMW Welt Jazz Award im dritten Jahr // Unter der Lupe: das Bayerische Jazzinstitut in Regensburg // Abgehört: Im Zick-Zack aus der Stadt
John Scofields Solo über „Out Of The City“

Rezensionen und mehr im Inhaltsverzeichnis

 

CD-Rezensionen

Trombone Shorty
For True

Universal 06025 2769379

Das erste Album „Backatown“ von Trombone Shorty war schon eine Sensation. Sein neuester Streich „For True“ kann nicht nur locker mithalten, ohne bereits Gehörtes erneut aufzuwärmen, sondern ist auch musikalisch wieder ein absoluter Knaller. Der 25-jährige Trombone Shorty präsentiert einen eigenen, unverwechselbar knackigen Sound. Unglaublich, wie lässig er daherkommt und sich nicht um Konventionen schert. Während „Backatown“ in erster Linie mit seiner Band Orleans Avenue entstand, ist „For True“ nun zusätzlich vom Spirit seiner Gäste geprägt. Ob mit der Rebirth Brass Band, dem Rapper 5th Ward Weebie, der sagenhaften, aus New Orleans stammenden Sängerin Ledisi, Jeff Beck, Kid Rock, Lenny Kravitz oder gemeinsam mit Cyril & Ivan Neville, den Ton gibt der Meister an; seine Band und die Gäste folgen! Das Fundament dieser erfrischenden Mischung ist nach wie vor New-Orleans-Jazz, gewürzt mit Soul- und Funk-Ingredienzien, mit Hip-Hop-Beats unterlegt oder gespickt mit treibenden Rockriffs. Alles in einen Topf geworfen, kräftig umgerührt und schon entsteht daraus dieser großartige Sound. Die Weiterentwicklung zu „Backatown“ ist verblüffend, was zum einen am homogenen Spiel der Band liegt, vierzehn fantastischen, neuen Songs und nicht zuletzt an der Beteiligung der großartigen Gäste. Wenn Trombone Shorty mit seiner Orleans Avenue im Dezember endlich wieder auf Tour ist, sollte man sich diesen Gig nicht entgehen lassen. Leider sind als Höchstbewertung für ein Album nur fünf Sterne möglich, leider!
Thomas J. Krebs

Marc Copland/John Abercrombie
speak to me

Pirouet PIT3058

Welch glückliche Verbindung: Seit den frühen 70ern kennen sie sich, spielten bereits 1972 in Chico Hamiltons Band zusammen, Marc Copland damals noch unter seinem Geburtsnamen Marc Cohen
auf dem elektrifizierten Altsaxophon. Nach Coplands Hinwendung zum Klavier immerhin zehn Jahre studierte er das neue Instrument im Stillen, bevor er 1985 seine zweite Karriere startete kam es immer wieder zur Zusammenarbeit mit John Abercrombie, live und auf CD, nicht zuletzt auch bei Pirouet im Quartett mit Drew Gress und Billy Hart sowie zuletzt im Quintett mit den Genannten und Dave Liebman. Nie jedoch ergab sich die Gelegenheit zum Duo. Oder musste die Zeit erst reif werden? Zu beider Persönlichkeit würde eine solche Erklärung passen.
Beide sind sie charakterstarke, eigenwillige, kompromisslose Sucher nach dem idealen Ausdruck, der unmittelbar passenden Farbe, Anhänger der stets changierenden, überaus sorgsamen Neuannäherung an das kaum Fassbare. Im Duo nun spinnen sich die Fäden so unaufgeregt und ruhig hin und her, dass die kommunikative Dichte erst nach und nach bewusst wird in ihrer im besten Sinne spannungsreichen, komplementären Intensität. Keiner von beiden hat es nötig, aufzutrumpfen, nichts Lautes, Plakatives, Hektisches wird hier präsentiert. Kein Ton zuviel! Die Aufnahmen strahlen bei allem musikalischen Abenteuer, das sie im Detail enthalten, eine nachgerade wunderbare Herzensruhe aus auf der gemeinsam unternommenen Reise vom Schweigen zum Klang.
Tobias Böcker

Max Merseny
Thank Y’All

enja TIP-888 851 2

Vielen Dank an alle. Das Stück mit dem gleichnamigen Titel wie sein Debütalbum setzte Max Merseny an das Ende der Tracklist. Vielleicht war das sogar eine gute Entscheidung, denn mit dreizehn Minuten dreißig (einschließlich eines Hiddentracks) ist es recht lang. Vom rauen Hip-Hop und vom sexy Soul heutiger Prägung ist die Musik weit entfernt.
Ja, eigentlich ist sie phasenweise sogar ziemlich altmodisch: Da ergießen sich sinnfreie Vokalisen über den Hörer (Agi“), da lässt die legendäre Hammond B3 ihre Muskeln spielen, und über allem dreht das Altsaxophon des Bandleaders Merseny seine Runden. Schwungvoll und messerscharf setzt Merseny jedoch in fast jedem Song moderne Akzente, von wiedergefundenen Funkgitarrenriffs bis zu treibenden Schlagzeugfiguren.
Neben Gästen wie Tony Lakatos, Eva Ahoulou oder Patrick Scales zählen Pianist/Keyboarder Matthias Bublath, Gitarrist Ferdinand Kirner, Bassist Igor Kljujic und Drummer Christoph Holzhauser zur Stammbesetzung.
Bestechend das glasklare Gitarrenspiel Kirners im Verbund mit der sehr nostalgisch klingenden Hammond B3 von Bublath, die dem prächtigen Altsaxophon immer aufs Neue bespielbaren Boden vorbereiten. Auch ein superber Blues wie in „Soul Serenade“ steht auf dem Speiseplan dieser technisch brillanten Band, die manchmal etwas zu perfekt agiert, und auf die der Ausspruch des bildenden Künstlers Nam June Paik zutreffen könnte: „Wenn zu perfekt, liebe Gott böse!“.
Klaus Hübner

Archie Shepp/Joachim Kühn
Wo!Man

Archieball/Harmonia Mundi

Wenn „two musical powerhouses“ aufeinandertreffen, wie es in den liner notes dieser exzellenten CD heißt, ist Spannung garantiert. Doch wer bei Archie Shepp und Joachim Kühn, die erstmals im Duo spielen, nachdem sie bereits 1967 im Quartett gemeinsame Aufnahmen machten, Himmelstürmendes erwartet hatte, sieht sich getäuscht. Die explosive Kraft dieses Albums allerdings entspringt innersten Tiefen, entfaltet sich erst allmählich. Der Saxophonist spielt nicht unbedingt sein gesamtes Potential aus, doch entwickelt er seinen Sound unverkennbar und unvermittelt aus dem Augenblick heraus. Ein harter, knarziger Ton, krächzend mitunter, von explosiver Kraft, „dann wieder mit viel Luft hinausgeschwungen wie ein Gruß an Ben Webster“ (Kunzler-Lexikon). Aus der Tradition heraus formen Shepp und der mit feinfühliger Zurückhaltung glänzende Kühn Stücke wie den Ornette-Coleman-Klassiker „Lonely Woman“ und den Ellington-Titel „Sophisticated Lady“ neu. Während in „Harlem Nocturne“ Rhythm´n´Blues zu Ehren kommt, ist es auf „Sketch“ und „Segue“ die freie Improvisation. Deutlich wird, dass sich die beiden einstigen Free-Exponenten in blindem Verständnis füreinander zugetan sind und mit traumwandlerischer Sicherheit die Improvisationsbälle zuschmeißen. So oft bluesige, schwebende Melodien unisono vorgetragen werden, so oft werden harmonische Grenzen gesprengt. Kühns fließende Piano-Melodik, die nie in lyrischen Ornamenten ausharrt, beharrt ebenso auf eigenwilliger Traditionspflege wie Archie Shepps Schreie und Growls.
Reiner Kobe

Rudresh Mahanthappa
Samdhi

ACT 9513 – 2

Nun ist auch Saxophonist Rudresh Mahanthappa bei ACT gelandet und legt mit „Samdhi“ sein beeindruckendes Debutalbum vor. Seit er 2008 mit seinem Dakshina Ensemble für Furore sorgte, entwickelte er sich kontinuierlich vom Shooting Star zu einer etablierten Größe der Jazzszene. Seine Zusammenarbeit im Duo mit Vijay Iyer fand ebenfalls große Beachtung, und mit Bunky Green mischte er zuletzt die Szene auf. Was Mahanthappa und seine Spielweise auszeichnet, ist eine immerwährende Suche nach neuen Horizonten und tiefgründigen Sounds. Abseits ausgetretener Pfade stellte er für „Samdhi“ eine interessante Band zusammen, bestehend aus dem versierten New Yorker Gitarristen David Gilmore, Rich Brown am Bass, dem vielversprechenden jungen Drummer Damion Reid und „Anand“ Anantha Krishnan an der Mridangam, dessen westlich wie östlich geprägte Perkussion praktisch „die Brücke ist, über die wir auf Samdhi gehen“. Samdhi, die Dämmerung, eine ganz besondere Stimmung oder auch Zustand zwischen Tag und Nacht, den jeder anders empfindet, sich aber niemand entziehen kann. So ist die Musik zu Anfang noch harmonisch, fast eingängig, während sich schleichend jazzige Elemente mit indischen Motiven verbinden, Mahanthappa mit seinem eigenen Saxophonsound Raga und Blues kombiniert und trotz allem einem avantgardistischen Ansatz treu bleibt.
Thomas J. Krebs

Susi Hyldgaard
DANSK

Enja/yellowbird 2011

Diese subtile Singer-Songwriterin ist wieder an ihren Wurzeln dran und braucht für ihr aktuelles Album außer Bassist Jannik Jensen und Schlagzeugerin Benita Haastrup nur sich selbst – und das auf Piano, Keyboards, Ukulele, Gitarre und Akkordeon! Und natürlich ist da ihre unvergleichliche Stimme, dieses kraftvolle, warme Organ, das wohl gar nichts anderes kann, als in jedem Moment maximale emotionale Tiefe zu verbreiten. Ach ja – und ihre Töchter Emma Scheuer Hyldgaard und Freja Emilie Hyldgaard hat sie als blutjunge Gastsängerinnen auch mal mit ins Boot geholt. Sie hat auf ihrem neuesten, schlichtweg DANSK betitelten Album alle Fäden in der Hand. Und bleibt sich selbst doch in jedem Moment nah genug, dass sie sich über alle stilistischen Umwege und Kontraste hinweg mit entwaffnender Ehrlichkeit selbst auszudrücken kann. Treffsicher geht also die Reise auf „DANSK“ ins Intime, Persönliche und manchmal Skurrille hinein. Das hat auch durchaus mal etwas Selbstentblößendes, wenn sie etwa ihr Geburtserlebnis aus der Nähe beschreibt. Musikalisch geht es ebenso mehrsprachig zu: mal eben einen erdigen Blues dahinwerfen, dann wieder mit einem loungigen Bossa-Nova-Triphop für Kuscheligkeit sorgen. Um gleich darauf mit gut dosierter Doppelbödigkeit wieder aus sowas auszubrechen – all dies steht bei Susi Hyldgaard in jeder Sekunde im Dienste ihres selbstbewussten Songwriting-Potenzials.
Stefan Pieper

Manfred Bründl Silent Bass
Tip Of The Tongue

Laika 3510270.2

Mit großen Namen ist gemeinhin wohlfeil handeln. Schon mit den ersten Takten jedoch verbietet sich jeglicher Verdacht: Zu ernsthaft geht der in Weimar lebende und lehrende Bassist Manfred Bründl seine Beschäftigung mit dem Vermächtnis Peter Trunks an. Detailliert wird das Erbe des Bass-Großmeisters der späten 50er-, 60er- und frühen 70er-Jahre musikalisch aufgearbeitet. Nach einem tödlichen Autounfall geriet Trunk, den Michael Naura seinerzeit in einem Atemzug mit Jimmy Blanton, Ray Brown und Scott LaFaro nannte, weitgehend in Vergessenheit. Zu Unrecht, wie sich in der Hommage Bründls herausstellt. Die Rolle des Bassisten besteht dabei nicht in erster Linie in solistischer Profilierung, sondern zeichnet sich aus durch integrative Kraft, Substanz und Energie. Rainer Böhm, p, Jonas Burgwinkel, dr, und Hugo Read, as, begleiten Bründl auf seiner Spurensuche, die – ganz im Sinne des immer wachen Geistes des Geehrten – das Erbe nicht allein hebt und zu verwalten sucht, sondern sehr bewusst ins heute überträgt. Fragmente, Themen und Improvisationen Peter Trunks lassen in Bründls Kompositionen aus einer reichen Palette an Farben beeindruckend lebendige Bilder entstehen. Dass die CD Trunks 2008 verstorbener Frau, der Sängerin Stella Banks, gewidmet ist, die mit dem frühen Tod ihres Mannes die eigene Lebensbasis zusehends verlor, macht die Hommage umso ehrenwerter.
Tobias Böcker

Fattigfolket
Park

Ozella Music OZ 038 / Distr. Galileo

Die Idee, Parks zum Dreh- und Angelpunkt eines ganzen Albums zu machen, mag im ersten Moment irritieren: Parks, was gibt’s denn da groß zu hören: Blätter rascheln, Bäume rauschen, Hundegebell, Teenie-Gegacker, quietschende Kinderwagenräder und Vogelgezwitscher? Derart unmittelbar aber verstehen die vier jungen Männer des norwegisch-schwedischen Quartetts „Fattigfolket“ ihre Musik natürlich keinesfalls. Die Umsetzung von Eindrücken, die die Musiker in fremden Städten quer durch Europa gewonnen haben, versteht sich (hör-)bildhaft, persönlich – und eigenwillig. Für „Fattigfolket“ sind Parks lebensnotwendige Fluchtorte. Während Konzertreisen nutzte das Quartett jede freie Minute, um vom Berliner Grunewald bis zum Hesperidespark in Valencia die Batterien wieder aufzuladen. Im Studio entstanden daraus inspirierende Ideen, die ihrerseits Kompositionen und Improvisationen auslösten. Die haben’s in sich – ungewöhnliche Arrangements in einer spannenden Besetzung mit zwei Bläsern (sax/cl, tp), Bass und Schlagzeug. Rhythmisch komplexe Grooves, über die Stimmungen hinweggleiten, vorbeiziehen, oft über einfache melodische Linien tänzelnd, wobei sich Blech und Holz subtil und konkurrenzfrei cool in der Führung und eindrucksvollen Begleitung abwechseln. „Parks“ wirkt oft wie ein akustisches Vergrößerungsglas, das Fundstücke hervorhebt, an welchen man meist achtlos vorübergeht.(Portrait auf S. 6!)
Michael Scheiner

Le Grand Uff Zaque
„Cliché“

Reposit / Radar

„Le Grand Uff Zaque“ – der Name dieser Band dürfte ein Omen ein. Erstens weist die aus Karlsruhe stammende Truppe so auf ihren geradezu französischen Charme hin. Zweitens zeigt das lautmalerisch schmissige „Uff Zaque“ an, dass hier rhythmisch die Post abgeht. „Le Grand Uff Zaque“ – das sind vier sich instrumental verausgabende Herren, der Rapper Sebastian Moser und die Soul-Sängerin Laura Oyewale – angeblich eine afrikanische Prinzessin. Live bringt das Sextett schon lange die Säle zum Kochen; nun lässt es auf dem Debütalbum „Cliché“ die kreative Sau raus. Puristen dürfen um die Platte einen Bogen machen. Uff Zaque verjüngen den Jazz, indem sie ihn mit aktueller Clubmusik vermischen. Die bunte, den Musikern zufolge „megafette“ Collage vereint unter anderem HipHop und Klassik, Soul und Walzer, Drum’n’Bass, Elektro sowie die witzig übersprudelnden Freestyle-Raps von Sebastian Moser. Eine höchst vielfältige, stets in die Beine fahrende Mischung. Mal wird das Rondo aus Beethovens „Pathétique“ rhythmisch zerfetzt, mal mit der elektronisch mäandrierenden Trilogie „Waldbruch“ die romantische Tradition aufs Korn genommen. Schließlich erkunden Uff Zaque mit sperrigen Melodien a là Thelonious Monk das Genre Jazz’n‘Bass. Eine zeitgemäße Fusion-Musik, die einerseits clubtauglich ist, andererseits aber hintergründig, vorurteilsfrei und solide erschrammelt daher - kommt.
Antje Rößler

Ed Partyka Jazz Orchestra
feat. Efrat Alony: Songs Of Love Lost

Mons Records MS 874510

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile, gerade wenn auf jede Einzelstimme größter Wert gelegt wird. So könnte ein Motto für Big Bands lauten seit den Tagen Fletcher Hendersons. Ed Partyka, Bassposaunist, Tubist, Arrangeur und Komponist, stammt aus Chicago, übersiedelte vor über zwanzig Jahren nach Deutschland und ist seit 2006 Professor für Jazz-Theorie, -Komposition und -Arrangement an der Kunst-Uni Graz. Etliche Big Bands hat er durch sein Mitwirken bereichert und mit Kompositionen versorgt, unter anderem das Vienna Art Orchestra, das Bob Brookmeyer New Art Orchestra, die WDR Big Band, die NDR Big Band, die Rainer Tempel Big Band und das Nürnberger Sunday Night Orchestra. Für die „Songs Of Love Lost“ hat er sich mit Musikern aus Deutschland, Österreich, Holland und – mit der seelenverwandt melancholischen Sängerin Efrat Alony – auch aus Israel zusammengetan um die Vision eines so geschichtsbewussten wie zeitgemäß modernen Sounds Wirklichkeit werden zu lassen: „Wir müssen nach vorne schauen und zur Seite und nicht zurück. Ich versuche ,Orte’ zu finden, wo eine Big Band noch nie zuvor war.“ Die komplexen Kompositionen und grenzüberschreitenden Arrangements erschließen, verbunden mit beeindruckenden Soli, unter anderem von Silke Eberhard, cl, bcl, as, Petra Krumphuber, tb, Mark Wyand, cl, ts, Jörg Engels, tp, ein vielfältiges, kraftvoll forderndes, zugleich nachgerade romantisches Klangerlebnis, emotional, sublim und überaus farbenreich.
Tobias Böcker

Wolfgang Lackerschmid
Common Language Common Sense

hipjazz 005

Augsburg ist eine sehr alte Stadt, ihre Existenz beginnt manchen Quellen zufolge 15 v.Chr., als die Römer im heutigen Stadtteil Oberhausen ein Legionslager errichteten. Sie ist eine der ältesten Städte Deutschland, seit 1650 feiern die Augsburger jährlich das „Hohe Friedensfest“, mit dem das Ende der Unterdrückung im Dreißigjährigen Krieg gefeiert wurde. Auf dieser Basis stellt der Augsburger Vibraphonist Wolfgang Lackerschmid seit 2009 jährlich das Ensemble „Common Language Common Sense“ neu zusammen und arbeitet damit nicht nur für den Frieden, sondern würdigt auch die Religionen der Welt. Denn der „Augsburger Religionsfrieden“ von 1555 ist als Manifest für die Gleichberechtigung aller Religionen zu sehen. Frieden und Freiheit – zwei Pfeiler der Jazzmusik – schreibt Wolfgang Lackerschmid auf die Fahne seiner neuen Produktion, deren sieben Titel sich der Dominanz des Krieges in unserer Zeit entgegen stemmt. Dass Lackerschmid sich gegen (Religions)Kriege widersetzt, die in diesen Tagen das Leben der Menschen weltweit beeinflusst, zeigt sich in der Besetzung des Ensembles mit Musikern unterschiedlicher Nationalitäten und Religionen. Bemerkenswert, wie harmonisch die unterschiedlichen Religionen angehörenden Bandmitglieder (Protestant, orthodoxer Christ, Mohammedaner oder Buddhist) sich auf eine gemeinsame „Religion“ verständigen. Friedvolle Freiheit offenbart sich hier in Klangexperimenten, freien Improvisationen und dem perfekten Zusammenspiel freier Individualisten.
Klaus Hübner

radio.string.quartet.vienna
radiodream

ACT Music ACT 9512-2

Sie scheinen wollüstig und sanft zu sein, dann wieder tieftraurig und bitterernst, die „Radioträume“ des radio.string.quartet.vienna. Manchmal klingen ihre Phantasmorgien wie ein mittelschwerer Albtraum oder wie der fiktive Soundtrack für den spannendsten denkbaren Fernsehkrimi (natürlich in schwarz-weiß). Mal glauben wir, ein scheuendes Pferd zu hören, das droht, in einen tiefen Abgrund zu stürzen, dann wieder drängt sich das zerzauste Klangbild einer strurmdurchtosten Nacht auf. Wie auch immer, die „radiodreams“ sprechen eine düstere, aber nie dumpfe, sondern eher pittoreske, an vergangene Zeiten erinnernde Sprache. Selten gewinnt so etwas wie romantisches Gefühl die Oberhand, wagt der Traum so deutlich zur Lovestory zu werden, wie es dann doch beim letzten Stück, „Extraction/I loves you, Porgy“, geschieht: Wie ein ansprechender Film verlangt auch ein Traum ein Happy End. In „radiodream“ ist alles drin, ist alles verwoben. Die Musik dringt unter die Haut, bis ins Mark, bis ins Herz; das Rohmaterial liegt – typisch radio.string.quartet.vienna – jenseits des Gewohnten, Eingefahrenen, Bekannten. Dabei ist es ein sehr filigraner Grund, der hier von zwei Violinen, einer Viola und einem Cello skizziert wird. Hin und wieder leuchtet ein Gesangsfragment von Bernie Mallinger auf und kippt die Perspektive erneut: Einem Mäander gleich dreht sich die Musik, zum Strudel werdend abwärts. Ob die Träume der Menschen auch so aufregend sind? Wir wollen es nicht hoffen – diese CD aber darf es sein.
Carina Prange

 

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