Elliot Galvin – höllische Klanggewitter, irritierte Zuhörer

In der britischen Jazzszene hat es neben einer breiten Trad-Linie und einem innovativen Fusionzweig seit den 1970er Jahren auch eine starke Free-Szene gegeben. Auf dem Festland ist diese nur wenig wahrgenommen worden. Umso höher ist es dem Jazzclub anzurechnen, dass er mit dem Quartett des britischen Pianisten Elliot Galvin ein Schwergewicht der gegenwärtigen Jazzszene eingeladen hat, der an diese frühen Avantgarde- und Freejazz-Strömungen anknüpft. Geisterhafte Klavierklänge Bevor die ersten geisterhaften Klavierklänge die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zogen, fielen bereits die ungewöhnliche Instrumentierung und geschlechterparitätische Besetzung ins Auge. Eigentlich schade, dass dieser Umstand noch immer einen  Aufmerksamkeitswert besetzt, obwohl doch die Gleichberechtigung in weiten Teilen der Gesellschaft längst zur Normalität gehört. Werbung Neben dem Bass als einzigem elektrisch verstärktem Instrument, gespielt von Ruth Goller, waren Piano, Schlagzeug und eine Geige im Einsatz. Die allerdings war, wie bei vielen E-Gitarristen mit einer ganzen Latte von Effektgeräten verbunden. In einem langen frei improvisiertem Solo steuerte Mandhira de Saram diese derart virtuos mit den Füssen, dass sich über der Zuhörerschaft ein geradezu höllisches Klanggewitter entlud. Mit der brachialen Geräusch- und Lärmorgie gab die Violinistin der anfänglichen morbid-verlorenen Stimmung, …

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Der kommende Jazzfestivalsommer in Augsburg, Unterföhring und im Bayerischen Hof

Im Sommer hat man oft Entscheidungsnöte was Festivals betrifft. Auch der Jazz hat im Juli und August im süddeutschen Raum einiges an Festivals zu bieten, und dieses Jahr gibt es beim Internationalen Augsburger Jazzsommer, dem Internationalen Jazzweekend Unterföhring, sowie dem Jazzsommer im Bayerischen Hof so gut wie kaum Überschneidungen. Offensichtlich haben die Veranstalter aus den letzten Jahren gelernt.   Werbung 31. Internationaler Augsburger Jazzsommer vom 05.07. – 09.08.2023 Nachdem das Festival letztes Jahr sein 30-jähriges Jubliäum feiern konnte, kann es mit insgesamt 356 Konzerten und über 100.000 Besuchern eine beachtliche Bilanz ziehen. Das diesjährige Programm bietet erneut ein großartiges, abwechslungsreiches Line-up auf hohem musikalischem Niveau. Den Auftakt wird dieses Jahr die amerikanische Altsaxophonistin Lakecia Benjamin bestreiten, die zur Zeit zu den wichtigsten Rising Star Artisten zählt. Mit der Kathrine Windfeld Big Band und dem Julie Campiche Quartett gesellen sich zwei weitere bedeutende Protagonistinnen der internationalen Jazzszene zum Festival dazu. Der südafrikanische Pianist Nduduzo Makhathini wird ein Gastspiel mit lokalen Musikern zelebrieren, außerdem werden sich das Kurt Rosenwinkel Quartett, Jakob Manz Groove Connection und das Alfredo Rodriguez Trio die Ehre geben. Des Weiteren treten auf das …

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Von der Idee zur Marke: Jazz & The City Salzburg

Tina Heine hat es geschafft, innerhalb von vier Jahren das Festival Jazz & The City von einer Idee zur Marke werden zu lassen. Aus der Erbmasse eines strukturell traditionellen und bereits seit zwei Jahrzehnten bestehenden Jazzfestivals in Salzburg hervorgegangen, hat sich eine Konzertreihe in ein urbanes Event verwandelt, das der Stadt fünf Tage im Herbst ein junges, vielseitiges und immens agiles Antlitz verleiht. Zwar schwärmen weiterhin Bus-Kohorten zumeist fernöstlicher Touristen über die Gassen aus und versuchen shoppend und fotografierend ein Bild von europäischer Gegenwart zu erhaschen. Daneben aber sieht man andere Leute, freakige, szenige, auch ganz normal interessierte Musikfans, die mit dem Programm unter dem Arm von einem Venue zu nächsten pilgern, um Konzerte in ungewöhnlichen Umgebungen oder auch ungewöhnliche Künstler in bekanntem Ambiente zu erleben. Dabei gelingen dem Festival gleich mehrere Kunststücke. Zum einen sind nur wenige Konzerte klassischer Jazz im traditionell swingboppenden Stilverständnis. Wenn ein Schlagzeuger wie Pedro Melo Alves oder ein Geiger wie Théo Ceccaldi auf die Bühne kommen, dann muss man vielmehr mit Experimenten, freien Klängen, mit Energieausbrüchen oder auch clusternder Texturarbeit rechnen. Viele Konzerte brechen außerdem mit dem Tabu des …

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