Die 55. Internationale Jazzwoche Burghausen zeigte Wege auf, wie Bayerns ältestes Jazzfestival Szenewandel und Sparzwänge bewältigen kann.
Ein Aufreger ist ja gut für jedes Festival-Langzeitgedächtnis. Die Polizei rückte zwar bei der 55. Ausgabe der Internationalen Jazzwoche Burghausen nicht an, anders als 2017 bei Cassandra Wilson und 1976, als Chet Baker verhaftet wurde. Dafür war beim Konzert von Festival-Liebling und Dauergast Wolfgang Haffner (nach eigner Schätzung war er mindestens 16 Mal hier) die Jazz-Polizei anwesend. Deutschlands prominentester Drummer hatte sich zu seinem großen Jubiläumskonzert (60. Geburtstag, 50 Bühnenjahre, 40 Jahre seit dem ersten Burghausen-Auftritt) einige Weggefährten eingeladen. Neben Viktoria Tolstoy, Nils Landgren und dem Überraschungsgast Jakob Manz auch Shantel, einen alten Freund aus dem Pop-Bereich, in dem Haffner ja auch gerne zu Gast ist. Und der 58-jährige Stefan Hantel stemmte das in die Wackerhalle, womit er in den Zweitausenderjahren zum Disko-Star geworden war: den Balkan-Pop seines Bucovina Clubs. Was das Burghauser Publikum überdeutlich verprellte: Buh- und Aufhören-Rufe waren zu vernehmen, viele stimmten mit den Füßen ab und verließen die Halle.
Man kann sich nun trefflich darüber streiten, ob man das Burghauser Publikum – die Gebliebenen ließen sich vom anschließenden, gewohnt souveränen Auftritt von Nils Landgren wieder halbwegs besänftigen – für seine Standhaftigkeit bewundert, die Übergriffigkeit von Pop-Acts abzuwehren, die schon manches Jazz-Festival ruiniert hat. Oder ob man in Zeiten, in denen der (bessere) Pop ohnehin oft unter dem Jazz-Label läuft, nicht getreu Shantels Aufforderung etwas toleranter und offener sein soll.
Für beides konnte man in Burghausen Argumente finden. Und die Beiträge für diesen Diskurs waren so stark wie lange nicht mehr. Die Burghausen-typische bunte Mischung aus Tradition und Avantgarde, aus großen Namen und Newcomern war so austariert wie selten. Selbst die Altstars kamen in interessanten Besetzungen oder ungewöhnlichem Kontext an die Salzach. Robben Ford etwa, Veteran der jazzigen Blues-Gitarre, trat als Stargast des Zurich Jazz Orchestras an. Mit einem soliden, wenn auch zu lauten und am Ende doch in den Bigband-Schemata verharrenden Auftritt, aus dem das Arrangement von John Lennons „Jealous Guy“ herausragte.
Für einen Festival-Höhepunkt sorgte Theo Croker, der aktuell angesagteste Trompeter der internationalen Szene. Seine Hommage an Miles Davis zu dessen 100. Geburtstag unter dem Titel „Blue Moods: Miles In The Golden Hour“ war bezwingend. Stücke wie „So What“ oder „Blue In Green“ des legendären „First Quintet“ waren nahe am Original, aber doch von Crokers eigener Ästhetik durchdrungen. Deutlich mehr in Richtung Pop schlug das Pendel bei Cory Henry aus. Streng genommen konnte man bei ihm eines der besten Prince-Konzerte seit Prince erleben. Jedenfalls hieb der Gospel-geprägte Grammy-Abräumer mit seinen Funk Apostels stark in diese Kerbe. Sein einzigartiges Improvisationstalent an den Tasten von Keyboards und Orgel kam dabei vielleicht etwas zu kurz.
Der spannendeste und mutigste Auftritt auf der Wackerhallen-Bühne war zweifellos jener der afrikanisch-französisch-britischen Sängerin und Bassistin Amy Gadiaga. Zwischen sperrig und repetitiv adaptierten Standards und eigenen Stücken abwechselnd, nahm sie sich bei ihren extemporierten Gesangs- und Scat-Passagen wie beim mit Cues und Zurufen an ihr Trio begleiteten Bass-Spiel die größtmögliche Freiheit. Noch unfertig ist das, aber frisch und überraschend. Und in seinem Charme und Impact (aber auch nur in dieser Hinsicht) tatsächlich mit den ersten Auftritten einer Esperanza Spalding vergleichbar. Jedenfalls wurde der Mut der IG Jazz belohnt, eine blutjunge Aufsteigerin auf die große Bühne zu holen, deren richtiges Debütalbum erst noch erscheint: Das wohl vor allem wegen des danach folgenden Robben Ford sehr zahlreich erschienene Wackerhallen-Publikum erhob sich hinterher unter Jubel geschlossen aus den Sitzen.
Genauso mutig war die Besetzung des Stadtsaal-Konzerts am Samstag. Der türkische Saxofon-Revoluzzer Korhan Futaci bot mit seinem Quartett und der Mischung aus stark perkussiv geprägtem orientalischem Freejazz eine ebenso faszinierende Vorstellung wie die lyrische Sprechgesangsartistin Moor Mother mit ihrem filigranen Quintett. Leider schlecht besucht, was auch für den Eröffnungsabend am Mittwoch gilt, wo Altstar Mike Stern gerade mal gut 400 Besucher anlockte – die Wackerhalle fasst bekanntlich 1500 Besucher.
Womit wir bei der Zukunft des Festivals wären. Alle Kommunen sind ja aktuell finanziell unter Druck, die Stadt Burghausen steckt noch stärker in der Bredouille als andere. Wegen der Krise der Chemieindustrie sind die stark von Wacker abhängigen Steuereinnahmen auf weniger als die Hälfte gefallen. Der Zuschuss für die veranstaltende IG Jazz – nicht nur das Festival, sondern das gesamte Jahresprogramm betreffend – fällt im kommenden Jahr bei seit Corona enorm steigenden Kosten um gut 20 Prozent niedriger aus und wird vielleicht weiter sinken. Veränderungen sind unausweichlich. Spielraum gibt es bei den großen Gagen, bei der thematischen Ausrichtung der Konzerte und beim Rahmen- wie Jahresprogramm.
Verglichen mit anderen Festivals ist die Basis freilich solide. Zum einen dank des unerschütterlichen Engagements der IG Jazz mit ihren alles in allem 70 ausschließlich ehrenamtlich tätigen Beteiligten. Aber auch dank einer neben den „großen“ Konzerten gefestigten Programmstruktur. Das beginnt mit dem vor 16 Jahren gestarteten Europäischen Burghauser Nachwuchs-Jazzpreis als Festival-Teaser. Seit Jahren ist die Veranstaltung im Stadtsaal lange vorher ausverkauft, stets sind es herausragende und spannende Abende, die vielen als Jazzwochen-Highlights in Erinnerung bleiben. Heuer holte sich das Münchner Trio Renner gegen exzellente internationale Konkurrenz den ersten Platz – kein Lokalpatriotismus, das schon mit vielen anderen Preisen bedachte Ensemble hatte sich das mit ihrer ebenso druckvollen wie filigranen Vorstellung und ihrer kompositorischen Klasse verdient.
Dann ist die „Jazznight“ in den Kneipen ein stets ausgebuchter Eckstein – auch wenn heuer bei den acht Bands eher wenig Jazz im weitesten Sinne dabei war. Auch der ebenfalls schon traditionelle samstägliche Blues-Nachmittag ist ein sicherer Publikumsmagnet und erweitert des Programmspektrum auf sinnvolle Weise. Ein Herzstück der Jazzwoche bleiben mehr denn je auch die nächtlichen Sessions im Jazzkeller. Selbst bei vergleichsweise wenigen Einsteigern ist das Festival hier ganz bei sich. Etwa Donnerstag Nacht, als Cory Henry es am Schlagzeug krachen ließ. Und mit dem Trio der Pianistin Shuteen Erdenebaatar als Session-Band, das neben ihr mit dem Bassisten Nils Kugelmann und dem Schlagzeuger Sebastian Wolfgruber drei herausragende Shooting Stars der deutschen Szene in den vergangenen Jahren aufbot, schlug man hier neuerdings ebenfalls die Brücke zum jungen Jazz, und zwar einem wirklich mitreißenden. Wie das der „Next in Jazz“-Sonntag zum Abschluss auch schon seit ein paar Jahren erfolgreich macht, diesmal mit dem Deutschen Jazzpreisträger Jakob Bänsch und den Bands Aye! und Inui.
Nicht minder eindrucksvoll das in Kooperation mit den Vereinen Lightning Bird und Plattenzimmer veranstaltete Duo-Konzert des norwegischen Duos Stian Westerhus & Maja Ratkje. Das Sheakespeare-inspirierte Programm mit Westerhus ganz ungewohnt ausschließlich an der Akustikgitarre und Ratkje an Orgel und Geige war nicht zuletzt dank des eindrucksvollen Gesangs der beiden Kammerjazz vom Feinsten. Und passte damit bestens ins wundervolle Ankerkino, das man definitiv als Spielort empfehlen kann.
Womit man zwangsläufig auf die Wackerhalle zu sprechen kommt, die ja von der Größe, der Lage wie der Atmosphäre her schon lange Fluch wie Segen ist. Der Diskurs über die zukünftige Ausrichtung der Jazzwoche, was Spielorte, Ausrichtung und „Wachstum“ angeht, wurde jedenfalls schon bei der Abschluss-Pressekonferenz eröffnet. Jede Krise ist bekanntlich auch eine Chance. Auch wegen des aktuellen personellen Umbruchs – mit Alexander Hauf gibt es einen neuen Vorsitzenden in der Nachfolge des hier unter anderem mit der Ehrennadel der Stadt verabschiedeten Herbert Rißel, mit Regina Stöberl und Hannah Eberle junge, sich aktiv umschauende Bookerinnen – ist die Gelegenheit für Veränderung in Burghausen günstig.
Text und alle Fotos: Oliver Hochkeppel
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