Anregung für alle Rezeptoren: Zur vierten Ausgabe des wunderbaren „Sparks & Visions“-Festivals in Regensburg

Die vierte Ausgabe des „Sparks & Visions“-Festivals im Theater Regensburg ist soeben äußerst erfolgreich zu Ende gegangen. Alles lief wie am Schnürchen, die Teams von Festival und Theater arbeiteten reibungslos zusammen, Pressevertreter aus nah und fern waren da, und einen Zuschauerrekord gab es auch. Man darf also mit Fug und Recht sagen, dass sich das von der Agenturchefin Anastasia Wolkenstein erfundene, programmierte und geleitete junge Festival etabliert hat.

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Was ja zunächst noch nichts über den künstlerischen Wert aussagt, nicht wenige Festivals verdanken ihren Zuspruch auch modischem Populismus. Doch „Sparks & Visions“ überzeugte auch inhaltlich wieder auf ganzer Linie. Natürlich ist es in letzter Konsequenz ein Jazz-Festival, doch wie der Titel schon andeutet, kümmert sich Wolkenstein nicht allzu sehr um Genre-Definitionen oder -abgrenzungen. Es geht schlicht um Musik, die berührt oder mitreißt. Bei drei Konzerten pro Abend beziehungsweise zwei am Sonntagvormittag will das auch dramaturgisch sorgsam aufgebaut sein – was ebenfalls mustergültig gelang.

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So eröffnete das Duo Fil der Stimmartistin Leila Martial und des Cello-Klangforschers Valentin Ceccaldi den Reigen mit schillernden, mal kontemplativen, mal dynamischen Experimenten. Musik, die den Kopf frei machte für Kommendes. In diesem Fall für ein sehr zugängliches Klaviersolo von Nitay Hershkovitz und den gewohnt hochenergetischen, komplexen Sound-Walls von Marius Neset und seinem Quintet zum nicht mehr zu toppenden Abschluss.

Ebenso schlüssig war der Bogen des zweiten Abends. Den Boden bereiteten zwei ECM-Künstler, die klassische ungarisch-deutsche Gitarristin Zsófia Boros und der schwedisch-schweizer E-Bassist Björn Meyer. Erst jeweils solo, Boros lyrisch virtuos mit sechs zusammengeflochtenen, progressiv in den Tonarten voranschreitenden Stücken, Meyer mit seinem einzigartig perkussiven, von Folk bis Jazz vieles einbindenden Spiel. Und zum Schluss in einer Weltpremiere gemeinsam.

Perfekt anschließend präsentierte danach die japanische-dänische Pianistin Makiko Hirabayashi mit ihrem skandinavischen Quartett ihre spannenden Händel-Bearbeitungen. Den Abräumer und Rausschmeißer gab der britische Sänger und Pianist Reuben James, den man wohl am besten Entertainer nennen sollte. Von der Wucht an den frühen Jamie Cullum erinnernd, zog er mit viel Soul, Piano-Wirbel und Talkbox ein große Show ab. Musikalisch eher retro, aber schon mit einer überzeugenden eigenen Handschrift des 28-Jährigen.

Ganz anders, aber nicht weniger eindrucksvoll, war die „Show“, mit der es in den Sonntagvormittag ging. Daniel Erdmanns verdienstvolle Band „Velvet Revolution“ widmete sich nicht nur Andy Warhols „Velvet Revolution“, mit der man namenstechnisch ständig verwechselt wird – was nebenbei bemerkt für Erdmanns ausgeprägten Humor spricht, den man auch in seiner Musik findet, etwa an der Seite von Aki Takase -, sozusagen in die Rolle der Velvet-Underground-Sängerin Nico schlüpfte auch noch Jelena Kuljić. Sie ist, ausgewiesen durch Projekte wie „Kuu!“, nicht nur eine der fesselndsten Stimmen der Republik, sie beherrscht – nicht ohne Grund ist sie Ensemble-Mitglied der Münchner Kammerspiele – auch jeden Raum und jede Bühne, sobald sie ihn oder sie betritt. So entspann sich auch hier ein spannender Dialog zwischen Indie-Pop, Modern Music und Jazz.

Zum Ausklang erklang dann noch die sphärische Harfe von Brandee Younger, deren oft an Alice Coltrane orientiertes eigenes Spiel zwar vielleicht allzu gefällig war – zumindest im Vergleich zu Harfen-Revoluzzerinnen wie Sylvie Campiche oder auch Kathrin Pechlof -, aber in ihrem Trio mit Allan Mednard einen grandiosen, trotzdem noch weithin unbekannten Schlagzeuger präsentierte. Übrigens waren sie bezeichnenderweise – spiegelt es doch die Entwicklung der Innovationen im Jazz-Bereich – die ersten amerikanischen Gäste in den vier Jahren von „Sparks & Visions“.

Natürlich und zum Glück ist „Sparks & Visions“ kein Konsensfestival. Hier dominiert keine Spielart des Jazz, hier wird keinem Trend, keiner Mode und keinem vermeintlich großen Namen nachgelaufen. Vielmehr geht es hier ausschließlich um Persönlichkeit. Um die unverkennbare Individualität, die bei den wirklich interessanten Musikern in ihrer Musik zum Ausdruck kommt, und die damit Stellung beziehen.

So muss einem nicht alles gefallen. Manch einer etwa war von Nitai Hershkovitz enttäuscht, war dessen Vortrag doch allzu harmlos. Beginnend mit einer noch musikhistorisch interessanten Entdeckung eines brasilianischen Komponisten aus dem frühen 20. Jahrhundert (bei dem man eine gewissermaßen noch undefinierte Nähe zu Chopin, Grieg und dem Early Jazz entdecken konnte), dann aber immer mehr in Yann-Thiersen-artige Wohlklang-Bäder abgleitend. Mancher Hardcore-Jazz konnte sicher wenig mit Zsofia Boros anfangen, andere wiederum sind von den komplexen Gewittern eines Marius Neset überfordert.

Ganz sicher aber ist für jeden etwas dabei, und auch das subjektiv Enttäuschende enttäuscht interessant. Drei alle Rezeptoren anregende Tage – so war auch (und ganz besonders) diese vierte Ausgabe von „Sparks & Visions“ ein Festival, das lange nachklingt. Mehr kann man nicht verlangen.

Unser Titelfoto zeigt die Harfenistin Brandee Younger. Alle Fotos: Oliver Hochkeppel

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