Out Of The Box: Riesenradoper Umadum von Christian Muthspiel

(Von Ralf Dombrowski): Sie könne sich vorstellen, das Ganze auch nach Dubai zu exportieren, meinte Martina Taubenberger, Kuratorin der Out Of The Box Festivals. Oder nach London zum Beispiel. Schließlich sei Umadum ihres Wissens die erste Riesenradoper überhaupt und schon als solche eine Besonderheit.

Zum Finale der dritten Festivalausgabe im Münchner Werksviertel (5.-7. August 2022) dem bereits das Gebärdensprachenballett „Babel“ und das Datenhandschuhkammerorchesterkonzert „Digitale Poesie: The Human Touch“ vorausgegangen waren, setzte das Auftragswerk des österreichischen Komponisten Christian Muthspiel technisch und konzeptuell noch einmal einen drauf. Denn für die Verwirklichung wurden 27 Musiker*innen seines OrJazztras Vienna in die Kabinen des Riesenrads gesetzt und jeweils über einzelne Kanäle mit dem Mischpult auf dem Bauplatz des geplanten Münchner Konzerthauses verknüpft, das wiederum aus den einzelnen Signalen ein Ganzes entstehen ließ und es dem ungezwungen auf Liegestühlen verteilten Publikum präsentierte.

 

 

Zwischen Jahrmarkt und Zoom-Sitzung

Dabei gab es neben der Besonderheit der Konstruktion noch weitere ungewöhnliche Elemente. Zum einen konnte man als Zuhörerin jeweils eine Umdrehung in einer der Kabinen mitfahren und erlebte damit die Laborsituation der jeweiligen isolierten Künstlerinnen, die nur sich selbst und eine rudimentäre Klanggestalt des Ganzen im Kopfhörer hörten. Darüber hinaus war die gesamte Komposition so gestaltet, ohne ein synchronisierendes Metronom auszukommen. Man spielte stattdessen nach Stoppuhr. Die Partitur wurde nach Sekunden gegliedert, Unschärfen der klanglichen Wirkung waren vorgesehen und nur bedingt kontrollierbar. Das Experiment bestand damit weniger im pittoresken Event des Jahrmarkthaften, als eher in der Grenzauflösung von Räumlichkeit und zeitlicher Gliederung. Zwar wurde ein Libretto eingehalten – Textpassagen von T.S Elliot, Pablo Neruda und Allesandro Barrico konkurrierten mit den Instrumenten und der Situation um Aufmerksamkeit – es blieb aber marginal ebenso wie die szenische Umsetzung, die sich auf das Drehen des Rades, die auf Leinwand übertragenen Zoom-Fenster aus den Kabinen und die zufällig mitfahrenden Passagiere beschränkte.

 

 

Die Musikalische Ästhetik des Riesenrads

Insofern war Muthspiels Oper eher ein Oratorium auf improvisatorischem Fundament, dem durch die Struktur auch gestalterisch Grenzen gesetzt waren. Denn die fehlende Synchronität der Partitur bedingte den Flow-Charakter der Musik und die Konzentration auf Phänomene der Ausdehnung wie Dynamik, Schichtungen, Schwebungen. Klare Rhythmik ließ sich zugunsten eines ferndirigierend, über Kopfhörer gesteuerten Pulses nicht umsetzen, harmonische Details waren ebenso situativ, weil nicht präzise steuerbar. So entstand der in sich widersprüchliche Eindruck des Installativen in der Bewegung, eines Voranschreiten im Zirkulären. Umadum war damit neben der logistischen Überwältigung auch ein strukturelles Experiment. Wahrscheinlich war das das eigentlich Spektakuläre, auch wenn es weit weniger auffiel als das Eventhafte der Inszenierung. Die Verkreisung des Linearen – wofür ein Riesenrad alles stehen kann!

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