Digitalisierung im Jazz / Fördermöglichkeiten Jazz

Stestens mit Einführung der CD traf eine Digitalisierungswelle mit eklatanten Folgen auch die Jazzszene. Aufnahmetechniken, Distribution/Vermarktung und Präsentation wurden auf den Kopf gestellt. Die Digitalisierung bedeutet Fluch und Segen, wobei der Fluch derzeit zu überwiegen scheint. Aber das muss nicht so sein …


 

Schöne weite Hörwelt

Musik wird überwiegend zuhause und zunehmend per Streaming gehört. Durch die Pandemie gewann das audio-visuelle Streaming noch an Bedeutung, ohnehin populär durch youtube.

Beim Audio-Streamen (insbesondere durch Spotify) hat der Konsument durch die anfallende – geringe – Gebühr das trügerische Gefühl, für die Musik zu zahlen. Viele, vor allem junge Menschen haben noch nie bzw. marginales Geld für Konzerte, Tonträger oder die Nutzung der Urheberechte ausgegeben. Heute sind Millionen von Titeln quasi kostenfrei verfügbar und das – je nach Anbieter – in bester CD – Qualität. Downloads dagegen haben an Bedeutung verloren.

Fluch der Digitalisierung

Die durchgängige Erfahrung der JazzmusikerInnen ist, dass die kommerziellen Streaming – Dienste wie Spotiy & Co  so gut wie nichts zahlen. Eine Spotify – Ausschüttung beträgt im Schnitt pro Stream ca 0,004 € (Apple music: 1 Cent), den sich das Label und MusikerIn aufteilen müssen.  Für viele Jazz- MusikerInnen ist somit durch den arg gesunkenen Tonträgerverkauf ein monetäres Standbein weggebrochen. Die Plattenfirmen/Label haben ebenfalls Probleme Produktionen zu unterstützen, Auflagen von mehr als 500 Stück lohnen sich kaum noch, so die Einschätzung von Jeff Cascaro. Vadim Neselovskyi bedauert ebenfalls die Entwicklung: „ Heute ist die CD/LP nur eine Visitenkarte, kaum eine Produktion amortisiert sich. Haupteinnahmequelle sind die Konzerte, auch durch GEMA, ASCAP etc. kommt was rein, wenn man bei Konzerten eigene Stücke spielt bzw. die im Radio zu hören sind.“

Musikerinnen und Label beugen sich dem Marktdruck und stellen ihre Musik den Streamingdiensten zur Verfügung, um überhaupt noch präsent und im wwweb vorfindbar zu sein. Ob eine „Nischenmusik“ von einer nennenswerten Anzahl von HörerInnen wahrgenommen wird, ist angesichts von 60.000 neuen Songs jeden Tag allerdings fraglich.

Stephan-Max Wirth bemängelt zudem die z.T. undurchsichtigen Modalitäten bei Spotify, – besonders problematisch ist auf jeden Fall der Auszahlungsmodus: „Wird nicht binnen einer bestimmten Zeit 15 € erreicht, fließt das „Angesparte“ in den Gesamtetat. Somit wird wieder Mainstream gefördert, Spartenmusik wie Jazz („Longseller statt Bestseller“) fällt unter den Tisch“. Spotify-Streaming wird auch erst ab 30 Sekunden gezählt, wodurch Intros deutlich kürzer wurden.

Das Drama der Pandemie

Seit April 2020 sorgte die Pandemie für die Beendigung bzw. Einschränkung öffentlicher Auftritte, Unterrichtende konnten die eine oder andere SchülerIn durch Online-Unterricht halten. Lichtblick: Seit Juni 2021 sind wieder Konzerte möglich unter Einhaltung von Hygienekonzepten.

Das Streamen von Konzerten erscheint als eine Option bzw. Notlösung, um überhaupt als MusikerIn oder Veranstalter Präsenz im web zu zeigen. Aber letztlich sehnt sich jede MusikerIn, Veranstalter und Gast nach Livekonzerten, um mit allen Sinnen Musik machen und erleben zu können. Mittlerweile gibt es unterschiedlichste Konzepte im Bereich des audio-visuellen Streamings: Einige sind nur Live zu erleben – mit und ohne Bezahlung, mal als „pay as you want“, andere werden nachfolgend ins Netz gestellt, andere sind live und nachfolgend nur temporär zu sehen. Dass MusikerInnen für einige Streaming Konzerte Gagen erhalten ist erfreulich; ob Konzert-Streaming nach der Pandemie eine wirkliche Bedeutung für die Alimentierung von MusikerInnen haben wird, ist ungewiss bis unwahrscheinlich.

Der Eilantrag u.a. der Stargeigerin Anne-Sophie Mutter beim Bundesverfassungsgericht gegen die Corona-bedingten Schließungen kultureller Einrichtungen wurde erst kürzlich abgewiesen. Denn, so die Begründung, es handele sich nicht um ein Berufsverbot für die Künstler. Außerdem hätten diese ja die Möglichkeit, ihre Musik über Streaming anzubieten. Eine völlig weltfremde Begründung, denn müsste man um die 500.000 Streams pro Monat haben, um einige 100 Euro dann ausbezahlt zu bekommen. Streaming sei zwar eine wunderbare Möglichkeit, dem Publikum zu sagen, ‚Hallo, ich lebe noch‘, doch „es ist absolut keine Einnahmequelle“. (ARD – Gespräch mit Anne-Sophie Mutter und Karl Lauterbach/ 26.05.2021, Maischberger)

Segen und Chancen der Digitalisierung

Als Chance für MusikerInnen sieht Jan Klare z.B. Band Camp: „Was die Allermeisten jetzt benutzen, die sich selbst promoten, ist Band Camp. Man kann hier auch sehr viele Musik umsonst hören, aber die Musiker haben ihre Vermarktung in der Hand und die Provision, die die Plattform nimmt, ist überschaubar.“ Viele Labels sind hier allerdings nicht präsent, da sie verständlicherweise von einem download profitieren wollen bzw. müssen, um zu überleben.

Als Teil der PR sind eine eigene website und socialmedia heutzutage kaum mehr wegzudenken. Die Flut der Emails sorgt bei den Veranstaltern allerdings für wenig Resonanz, – „trotz toller (Vor-)produktion / Videos ist es unheimlich schwer, ein Bein auf die Erde zu bringen.“ so Schlagzeuger Christoph Haberer.

Gängig ist die Präsenz auf Youtube, zum Teil mit einem eigenen Channel. Das Spektrum reicht von Konzertmitschnitten, Interviews bis hin zu Exkursen, pädagogischen Tipps etc. Sehenswert, vor allem für Schlagzeuger, ist z.B. der drum channel von Bennie Mokross oder die Interviewreihe von Pablo Held (als Print in der Jazzthink). Youtube hat mittlerweile eine Vereinbarung mit der GEMA, die wiederum für JazzmusikerInnen – bei eigenem Repertoire – für marginale Ausschüttungen sorgt.

Durch das mittlerweile problemlose Versenden/downloaden von Musik sind neue kreative Möglichkeiten eröffnet worden: Musiktracks können durch das Zugreifen auf Musikfiles durch die i.d.R. zeitversetzte Bearbeitung in weltweiter Zusammenarbeit kreiert werden. Generell hat die Digitalisierung der Musik es vielen MusikerInnen ermöglicht, sich ein homestudio einzurichten, da Soft- und Hardware erschwinglich wurden: Musik kann (vor-)produziert werden, Kompositionen und Arrangements können in kreativer Form entwickelt werden. Was das Promoten der eigenen Musik angeht, ist die Digitalisierung der Musik (bzw von Videos) ebenfalls hilfreich: Ohne großen Aufwand können sich Interessierte einen Eindruck von der Musik der jeweiligen KünstlerInnen machen (Konzertbesucher-/Hörer-Innen, Veranstalter, Presse, TonträgerkäuferInnen …). Auch so manche Playlists bringen nachhaltige Entdeckungen zutage, – und das ohne monetäre Barrieren, – somit Kultur für alle.

Einschätzungen / Perspektiven für MusikerInnen

Tom Lorenz – Vibrafonist/Komponist:

„Ich sehe in der Digitalisierung der Musik im Allgemeinen und von Jazzveranstaltungen im Speziellen keine großen Chancen. Man braucht unbedingt Publikum für ein direktes Feedback, damit man beim Spielen über sich hinaus wachsen kann. Für alles, was aus Bildschirmen flackert, wollen die Menschen auch nichts zahlen, Musik wird doch schon seit vielen Jahren als nicht zu bezahlender Selbstbedienungsladen wahrgenommen, als ob es ein Grundrecht wäre, das man kostenlos nutzen darf, wie das atmen.“

Jan Klare – Saxofonist/Komponist:

„Ich habe Wühltische auf Band Camp eingerichtet …  – natürlich gezielt als Konsum Kritik gedacht. … Es ist eine interessante Frage, wie sich der Wert von Musik in dieser von Digitalisierung geprägten Zeit verändert/darstellen lässt. Die Entwicklung lässt sich natürlich nicht stoppen oder auch bremsen… Wir werden langsam Paradigmen Wechsel erleben. Ich finde es letztendlich spannend und es eröffnet auch neue kreative Denkweisen; ich bin ja gottseidank nie vom Plattenverkauf abhängig gewesen.“

Jeff Cascaro, Sänger/Trompeter/Komponist/Professor für Jazzgesang (4.5.21)

Jeff Cascaro, Sänger im Bereich Jazz & Soul, kann aufgrund seiner auch kommerziell erfolgreichen Karriere den Nutzen von Streaming anders bewerten als die meisten eher im Avantgarde Jazz agierenden MusikerInnen: „Ich habe einen Gemischtwarenladen mit Unterrichten, Spielen, Coaching.

… . Leider wird der CD Verkauf immer bedeutungsloser, er ist in meinem Fall um ca.85% eingebrochen …. Streamingdienste sind Fluch und Segen für die Musiker, allerdings immer noch viel zu schlecht bezahlt. Jedoch, wie in meinem Fall, wenn man im Millionenstream Bereich ist, erweitert man seine internationale Reichweite enorm . Durch die Pandemie habe ich im Moment 60-70000 monatliche Hörer mit Millionen von Streams. Einzig die Vergütung und die Qualität der Streams müssten dringend optimiert werden. … Streaming, das ist Kapitalismus, in seiner pervertierten Form. Macht auch nicht vor uns Halt!“

Stephan-Max Wirth, Saxofonist (Interview 27.5.2021)

Der Berliner Musiker nutzt zur Promotion MPN (Music Promotion Network mit ca 4000 Adressaten). Er schätzt allerdings nach wie vor die CDs, die er auf seinem eigenem Label selbst produziert. Von einer 1000er Auflage seiner CDs geht gut die Hälfte in die Promotion und Konzertakquise, ein Teil wird über den Galileo vertrieben: Finanziell ein Nullsummenspiel, 1997 war wohl der CD – Peak, dann ging es bergab. Die CD ist immerhin Visitenkarte, etwas nachhaltiger bei Veranstaltern und Presse als die rein digitale Promotion. Die downloads seines Labelkatalogs brachten mal um die 200 € / Quartal. An der Digitalisierung schätzt er die Schnelligkeit und relative Unkompliziertheit der Kommunikation, insbesondere als eigener Booker und Labelchef. … SM Wirth lebt zu drei Vierteln von Konzerten, der Rest kommt über die GEMA und durch Unterrichten rein. Wichtig bei den GEMA Einnahmen ist das Aufführen eigener Stücke und Arrangements, auch durch Dritte.

Optionen der Konsumenten

Die ehemalige Klarheit beim Musikkonsumieren ist offensichtlich schon lange obsolet: Bis in die 80/90er Jahre kaufte man sich eine Konzert-/Festival-Eintrittskarte oder LP/CD/Kassette und zahlte jeweils dafür, um Musik hören zu können.

Konsequent wäre es für den Musikfan einen Weg zu finden, wie er seinen Musikkonsum in ein plausibles Verhältnis zur Förderung/Bezahlung der KünstlerInnen setzt. Das kann durch den Kauf von Tonträgern, direkte Unterstützung von MusikerInnen und Veranstaltern bis hin zur ehrenamtlichen Tätigkeit für die Musik reichen. Neben der Unübersichtlichkeit der Möglichkeiten ist vor allem die Überzeugungsarbeit hierfür allerdings noch ein großes Hemmnis: die Denkweise, warum soll ich für etwas zahlen, was es (quasi) umsonst gibt, dominiert. Bisher ist es dem Gesetzgeber nicht gelungen ist, im Strudel der Diskussionen um ein „freies Internet“ die Urheberrechte von KünstlerInnen angemessen zu schützen.

Offen ist, ob nach der Pandemie das Konzertgeschehen mit entsprechender Publikumsresonanz wieder anläuft. Bleibt zu hoffen, dass das ehemalige und mitreißende, z.T. Gänsehaut erzeugende Gefühl, bei einem einmaligen Event mit allen Sinnen anwesend zu sein, Antrieb genug ist, zu Konzerten zu gehen. Um der Diskussion um die Wertschätzung von Musik eine wichtige Dimension hinzuzufügen, sollte Mensch sich vergegenwärtigen, welche Bedeutung Musik generell und vor allem für einen persönlich hat. DIE ZEIT brachte am 20.5.21 im Dossier das Titelthema „Was nur Musik kann“: Auch wenn man Abstand von der Idee nehmen muss, dass Musik eine universelle Sprache der Gefühle sei (abgesehen von Tanz- oder Wiegenliedern), so steht fest, dass Musik Menschen verbindet, Trost spendet, aufmuntert, Euphorie hervorruft, ja sogar antreibt, z.B. beim Sport. „Musik ist, das belegen zahlreiche Studien, ein akustisches Dopingmittel. Mitunter wirkt es stärker als Kokain.“ Musik – allgegenwärtig im privaten und öffentlichen Räumen, live bei Konzerten und präsent vor allem mittels Abspielgeräten, ist offensichtlich weit mehr als eine Option der Freizeitgestaltung: sie ist für viele ein akustischer Rahmen, in dem mensch sich tagtäglich bewegt, ein Medium, um ein Wohlfühlambiente herzustellen. Und das wird kontinuierlich mit neuen Tracks/Alben bereichert und aufgefrischt, historische Schätze werden gehoben und zu Gehör gebracht.

Im Feuilleton der Ausgabe der ZEIT vom 20.5.21 wird das kommende Urheberrecht (als Anpassung an EU Recht) äußerst kritisch kommentiert. „Schnipsel“ von 15 Sekunden (sog. „Pastiches“) können demnach ohne Erlaubnis/Vergütung der KünstlerInnen genutzt werden, – die Autorenschaft wird nachrangig gesehen. Der Artikel schließt mit … „Für alle, die ernsthaft Kunstwerke erschaffen, stellt dieser Kotau des Gesetzgebers vor dem Digitalkapitalismus nichts anderes als eine Demütigung dar.“

Ein knappes Fazit könnte lauten: Die Digitalisierung im Jazz – und das Streaming im Besonderen – bieten tolle Optionen für MusikerInnen und HörerInnen, aber die Bezahlmodelle sind ungerecht und verbesserungsbedürftig.

 

Optionen der Unterstützung:

  • Konzertbesuch (mit Eintritt)
  • Tonträgerkauf ( > am besten bei Konzerten)
  • Virtual Tickets (für Streaming Konzerte)
  • Download – Beiträge bei diversen Labels
  • Ehrenamtliche Mitarbeit beim lokalen Jazzclub oder Kulturverein
  • Nutzung von Band camp (Fair Trade Streaming / Fair Trade Musikpolitik)
  • Spenden an Veranstalter und Initiativen
  • Spenden an MusikerInnen/Initiativen/Jazzclubs
  • Spende an #OhneMusikOhneMich, www.initiative-musik.de/corona-hilfsprogramm/ etc.
  • GoFundMe (Crowdfunding-Kampagnen)
  • u.v.a.

Text: Günter Maiß, Raumplaner/Kulturmanager, Ehrenvorsitzender domicil Dortmund e.V. Herzlichen Dank an alle befragten MusikerInnen

Alle Angaben ohne Gewähr, Stand 24.6.21

Beitragsbild: Ansicht Domicil in Dortmund. Foto: Kurt Rade

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