Yaron Herman Trio im Goethe-Museum Düsseldorf. Fotos: Dietrich Schlegel.

Zwischen Elbphilharmonie und Ronnie Scott’s – Yaron Herman im Goethe-Museum Düsseldorf

Größere Kontraste im Ambiente von Konzertsälen sind kaum möglich: Vor einer Woche war es noch die gigantische Elbphilharmonie, als nächstes warten die nicht weniger eindrucksvolle Philharmonie Paris und der traditionsreiche Londoner Ronnie Scott’s Jazzclub – und dazwischen lag der mit edlem Porzellan dekorierte Spiegelsaal des Barockschlosses Jägerhof, in dem das Düsseldorfer Goethe-Museum residiert.


Yaron Herman, der israelische, in Paris lebende Pianist, und  seine Kollegen, die ebenfalls aus Israel stammenden, seit langem in der New Yorker Szene heimischen Trio-Kollegen Barak Mori am Bass und Ziv Ravitz am Schlagzeug, schienen die intime, vom Geist deutscher Klassik durchwehte Atmosphäre sichtlich zu genießen, als sie jetzt ein Gastspiel in der seit 2014 bestehenden Konzertreihe „Jazz im Goethe-Museum“ gaben. Herman und Ravitz waren mit dem besonderen Flair des Schlosses und des Saales bereits vertraut, traten sie doch bereits im August 2016 schon einmal hier auf, damals im Duo. Das mag der Kultur- und Musikjournalistin Dr. Barbara Steingießer, Initiatorin und künstlerische Leiterin der Jazz-Reihe, in die Hände gespielt haben, als es ihr gelang, das zwischen Hamburg, Paris und London tourende Yaron Herman Trio erneut nach Düsseldorf vor ein zahlenmäßig sehr viel kleineres, doch stets begeistertes Publikum aus gleichermaßen Goethe- und Jazz-Freunden zu locken.

Die Goethe-Kennerin Steingießer hatte wieder geeignete Zitate aus des Meisters Werken aufgespürt, so aus den Wahlverwandtschaften: „Das Außergewöhnliche geschieht nicht auf glattem gewöhnlichen Wege.“ Das trifft exakt zu auf die ungewöhnliche Musikerkarriere Yaron Hermans, der erst mit sechzehn Jahren zum Klavierspiel fand, nachdem er den angestrebten Beruf als Basketballer wegen einer schweren Knieverletzung aufgeben musste. Was als Therapie für den energiegeladenen jungen Mann gedacht war, entpuppte sich als Entdeckung eines hochmusikalischen Talents, das Herman mit Hilfe eines ganzheitlich unterrichtenden Klavierlehrers und obsessiven Übens erstaunlich früh zu einer überaus erfolgreichen Laufbahn als Jazzpianist führen sollte.

Wie alle großen Jazzmusiker ist auch Herman ständig auf der Suche nach Neuem, nach Ungewohntem, nach letzter Erfüllung. Nach einigen Versuchen in anderen Formaten und musikalischen Experimenten ist er jetzt mit seinem bei blue notes im Februar erschienenen Album „Songs Of The Degrees“, von denen er einige in Düsseldorf vortrug, zum Klavier und dem klassischen Klaviertrio zurückgekehrt. Er beschreibt diesen Weg als „eine innere Reise und das Resultat eines sehr intensiven Jahres in meinem Leben… Die Arbeit an diesem Album hat mir geholfen, einen Weg aus der Dunkelheit zu finden. Ich glaube, das schönste Licht findest du in der Dunkelheit.“

Das mag manchem zu pathetisch, zu pastoral klingen, aber das Suchen und Finden scheint Herman auch der Dramaturgie seiner Kompositionen zugrunde zu legen. Meist beginnt er verhalten, fast zögerlich, lädt dann den Bass ein zum Call and Response, lässt das Schlagzeug noch eine Weile außen vor, steigert sich dann langsam in der vollen Trio-Besetzung je nach Charakter des Stückes bis zum energetischen Höhepunkt, um schließlich wieder in eine Coda mit begleitendem Bass sanft auszuklingen. Vom Mikro- zum Makrokosmos? Vom Hier zur Transzendenz und wieder zurück zum Irdisch-Menschlichen? So könnte eine subjektive Deutung des speziellen Spiels dieses Pianisten fragen, dem nichts liegt an einem virtuosen Blendfeuerwerk über alle Oktaven hinweg, sondern an der Konzentration auf das Wesentliche. Diese Art des Vortrags trifft natürlich nicht für jedes der gespielten Kompositionen und Improvisationen zu. Zwischendurch fahren auch kraftvoll swingende Stücke in die Beine. Aber es scheint ein Grundmuster zu sein. Auffallend ist, dass Herman zumeist sich auf die mittleren Oktaven beschränkt, sie teils zart tastend, teils kraftvoll zupackend bedient. Oder er ergeht sich in für diesen beschränkten Oktavumfang erstaunlich rasenden Läufen. Weniger greift er mit der Rechten hinauf in die höheren Lagen und noch seltener in die tieferen. Das alles zusammen verschafft dem Zuhörer einen harmonisch geschlossenen Klangeindruck.

Ziv Ravitz versteht es, sein Schlagwerk sensibel auf die feinen Abstufungen von Hermans Klavierspiel einzustellen, sich einzufühlen in die nicht immer durchgehenden Melodiebögen und die spontanen Improvisationen. Aber er kennt „seinen Bruder“ Yaron, wie er ihn nennt, seit Jahren und weiß, wie er ihm zu folgen und beizuspringen hat. Freudige Erleichterung bei ihm dann aber auch, wenn sich die Drei in ein kompaktes Rhythmusgefüge einfädeln und er seinen enormen Drive einbringen kann. Das in feinste Nuancen abgestimmte Zusammenspiel zwischen dem Bassisten Barak Mori und vor allem Herman war auch deshalb besonders bewundernswert, weil er offenbar erst für den sonst zum Trio gehörenden Sam Minaie eingesprungen ist. Doch Mori ist auch kein unbespieltes Blatt, arbeitet er doch zusammen mit Größen wie Avisha Cohen (dem Trompeter), Peter Bernstein, Benny Green oder Madeleine Peyroux, zu deren Band er gehört.

Über allem individuellen Können und kollektiven Zusammenwirken steht ohnehin die hohe Kunst der Improvisation, zu der Herman eine eigene Theorie („Real Time Composition“) entwickelt hat, über die er sogar an der Pariser Sorbonne Vorlesungen gehalten hat. Auch die Zuhörer bekamen mit, wenn die drei Musiker sich immer wieder zulächelnd bestätigten, dass sie sich nach einer spontanen Idee, einer frischen Eingebung zusammen gefunden hatten und auf diesem Weg gemeinsam weiterschritten – bis zur nächsten Improvisation des einen oder anderen. Hermans Credo, von Barbara Steingießer anlässlich seines ersten Konzerts „bei Goethens“ zitiert, lautet: „Wenn es etwas gibt, was ich für die Zukunft bewahren will, dann ist das die Essenz des Jazz, die auf Spontaneität beruht, auf Freiheit und auf der Möglichkeit, etwas zu wagen. Niemals sollten wir die Freude vergessen, die wir bei solcher Musik empfinden.“

Das war unmittelbar spürbar und übertrug sich auf die Zuhörer während des ganzen Konzerts. Immer wieder frappierend wie perfekt aufeinander eingespielt die drei Musiker bei aller Improvisationsfreude wirkten. Ihre konzentrierte Aufmerksamkeit aufeinander, die Ohren und die Augen offen des oder der einen für die jeweils anderen, das war Jazz live pur,  wie es kaum erlebbar für Zuhörer in großen Hallen und riesigen Sälen sein kann. Aber hier im Schloss Jägerhof sitzt das Publikum den Musikern fast hautnah gegenüber.  Enthusiastischer Applaus für jeden einzelnen des Trios und für alle zusammen.

Applaus gebührt auch dem Düsseldorfer Goethe-Museum und Barbara Steingießer für diese Jazz-Reihe, bei der schon so renommierte Musiker wie Omer Klein, Shai Maestro, Martin Tingvall, Tord Gustavsen, Gwilym Simcock mitwirkten. Es ist zu hoffen, dass sich wieder ausreichend Sponsoren für eine Fortsetzung der Konzerte im neuen Jahr finden werden. „Jazz im Goethe-Museum“ ist ein fester Bestandteil des Musik- und Kulturlebens in Düsseldorf und dem Rheinland.

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