Frontmann Jan Zehrfeld spottet über "erzwungene Besinnlichkeit". Foto: Michael Scheiner
Frontmann Jan Zehrfeld spottet über "erzwungene Besinnlichkeit". Foto: © Michael Scheiner

Panzerballett zerschreddert weihnachtliche Innerlichkeit

Panzerballetts komplexer Streifzug durch die Welt des Weihnachtslieds im instrumentalen Tarnanzug von harten Metal-Riffs und krummen Rhythmen.


Ende der 70er Jahre plärrte die österreichische Rockband EAV „Ihr Kinderlein kommet (verdammt noch einmal)“ auf ihrer gleichnamigen Tour. Es war eine schneidend böse Häme auf weihnachtlichen Konsumzwang und Heuchelei, garniert mit schlüpfrigen Bosheiten. Für Jan Zehrfeld ist das seit 1997 jedes Jahr im Herbst wieder in den deutschen Charts vertretene „White Christmas“ nur auf eine Weise, nämlich „so erträglich“: Auf der Bühne im Leeren Beutel lässt er kurz seine siebensaitige Gitarre von Ibanez aufheulen. Er habe den Song des Popsängers George Michael „mit schönen Harmonien“ – er spielt wieder einen schrägen Akkord an – und „neuen Taktarten, also 11/4 und auch 11/16“ aufgemotzt. Die Melodie aber habe er „ganz und gar unangetastet gelassen“. Einige wuchtige Gitarrenakkorde peitschen durch den historischen Saal, als das sechsköpfige Panzerballett, Zehrfelds Band, mit der fast komplett neu zusammengesetzten Weihnachtsschnulze loslegt – die fetten Steinsäulen halten stand.

Minutenlang fliegen einem höchst heterogenen Publikum heftige Schlagzeugkaskaden, mächtig treibende Basslinien und peitschende Gitarrenklänge um die Ohren. Ob alt oder jung, es scheint allen richtig zu gefallen, nimmt man heftiges, rhythmisches Kopfnicken und beifällige Rufe als Gradmesser. Fast vier Jahrzehnte nach EAV nimmt sich also erneut eine unkonventionelle Rockband, die vielleicht auch eine Jazzband oder beides ist, musikalische Weihnachtsliteratur auf höchst eigenwillige Weise zur Brust. Lag bei den Österreichern mit Gerd Steinbäcker (STS) als Sänger eindeutig eine linke Antihaltung zu Grunde, mit der man gegen das christliche Fest polemisierte, scheint die Sache bei dem Münchner weniger eindeutig. Zwar nennen sie ihr neues Album, das sie eben auf einer zu Ende gehenden Tour vorstellen „X-Mas Death Jazz“. Ob damit aber der Untergang des Weihnachtsfestes oder seine Zelebrierung jenseits von endlos wiederholten süßlichen Liedern und „erzwungener Besinnlichkeit“, wie Zehrfeld spottet, eingeläutet wird, bleibt offen. Entstanden ist das Programm aus kurzen Videobotschaften, die der Musiker seit Jahren vor Weihnachten an Freuden verschickt hat. Wie die „Verkrassung“ von Lieder wie „Kling Glöckchen, klingelingeling“, „Leise rieselt der Schnee“ und „Rudolph, the Red-Nosed Raindeer“ also aufgenommen wird, bleibt somit den Zuhörern überlassen. Die spricht Zehrfeld in seinen Moderationen immer dreifach an – einmal „die Fraktion der Metaler“, „die Jazzsektion“ und „die Zappafans“. Tatsächlich sieht man bei Jazzclubkonzerten höchst selten eine derartige Dichte an schwarz- und lederbekleideten Zuhörern, neben oft älteren Jazz- und Rockfans und jungen Leuten. Darunter sicher auch Schüler Zehrfelds, der am hiesigen Music College unterrichtet.

Als Verstärkung für die Tour hat sich das mit drei Gitarristen besetzte Quintett noch einen weiteren Saitenkünstler, den jungen Gitarristen Rafael Trujillo von der Death-Metal-Band Obscura aus dem oberbayerischen Laufen in die Band geholt. Der steht mit seinen Soli dem Meister, dem Linzer Jan Doblhofer (g) und Bassist Heiko Jung, der auf seinem sechssaitigen Instrument einige atemberaubende Improvisationen abfeuerte, kein bisschen nach. Am Saxofon, das vor allem für den Jazzbezug steht, gab es eine weitere Neuerung. Den Platz von Alexander von Hagke, seit Gründung der Band 2004 mit dabei, hat diesmal der bei München lebende Axel Kühn eingenommen – obwohl er den rechten Unterarm von einem zuvor erlittenen Bruch noch verbunden hatte. „Krass eben“, wie vieles an der Band, die das eigentlich Unvereinbare, das luftig-leichte des Balletts und das harte, dröhnende Unausweichliche eines Panzers im Namen führt. Selbiges ist auch das Konzept der Band, die filigranes mit brachial harten, rhythmisch komplexen Riffs und Improvisationen verbinden will. Das klappt auch mit noch so ausgelutschten und abgenudelten Weihnachtssongs ganz ausgezeichnet, hört man sich das maximal zerfletterte „Little Drummer Boy“ oder das höllisch abgehende „For Whom The Jingle Bells Toll“ zu Gemüte führt. Was Auftritte des Panzerballetts zu einem Vergnügen macht, ist die hochgradige Virtuosität der Musiker, allen voran des Schlagzeugers Sebastian Lanser, der hier auch schon mit Dombert’s Urban Jazz gastierte, und die faszinierende, überraschende Komplexität der musikalischen Ideen von Mastermind Zehrfeld. Kein süßes, aber ein großartiges – und lautes – Post-Weihnachtskonzert, das den falschen Trivialitäten vermeintlicher Innerlichkeit eine echte Alternative entgegensetzte.

Text und Bild: Michael Scheiner

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